Very good Vibrations

Lauenburg – Kompositionsstipendiat Cheng-Wen Chen und Posaunist Mikael Rudolfsson überwältigten beim Konzert im Künstlerhaus Lauenburg das Publikum mühelos. Ihr Auftritt und Chens zeitgenössische Musik waren ein Genuss.

Auch ohne die historische Palmschleuse (wegen bevorstehenden Regens als Konzert“saal“ ausgeschieden) erlebten knapp 50 Zuhörer beim Stipendiatenkonzerts in Lauenburg eine völlig faszinierende Vorstellung. Auf der überdachten Terrasse und im Atelier des Künstlerhauses präsentierten Stipendiat und Komponist Cheng-Wen Chen und Posaunist Mikael Rudolfsson drei ganz unterschiedliche Facetten von zeitgenössischer Musik. Die beiden sympathischen jungen Musiker hatten keine Mühe, das Publikum auch mit ihrer instrumentalen Virtuosität zu überwältigen.

Cheng-Wen Chen (* 1980), in Taiwan geboren, ist ein aufstrebender Komponist, der sich seit 2012 auf elektroakustische Komposition spezialisiert. Er ist 2015 Stipendiat im Künstlerhaus, hat bereits diverse namhafte Preise gewonnen und neben vielen anderen Kompositionen ein Auftragswerk für die Expo 2015 in Mailand geschaffen.

Im Lauenburger Konzert waren seine von John Cage inspirierte Klanginstallation „listen to Hearing“ (2012), das Solostück „Libra“ (2013) für einen Beckenspieler und „Wasserspiegelungen“ (2012 / revidiert 2015) für Posaune solo zu hören. Das Paarbecken spielte Chen persönlich, als Posaunisten hatte er den jungen Schweden Mikael Rudolfsson (* 1987) gewonnen, auch er steil auf dem Weg nach oben. Nicht ohne Grund wurde er schon mit 20 Jahren in seiner Heimat als Soloposaunist engagiert und für sein Spiel ausgezeichnet. Mit von der Partie war zudem der mehrfach prämierte und häufig aufgeführte Komponist (u.a. bei der Weltausstellung in Hannover 2012) und Musikfilmer Tobias Klich. Er hat „Libra“ in das Medium Film übersetzt, war 2010 selbst Stipendiat im Künstlerhaus.

Mit großer Neugier und Aufmerksamkeit nahmen die Zuhörer Chens mobile Klanginstallation auf, wandelten dazu im Atelier von Bild zu Bild. Losgelöst von Cages streng abstrahierten Vorgaben, brachte Chen damit seine lockere virtuelle Klanglandschaft aus Alltagsgeräuschen – sechs kleine Lautsprecher wurden verdeckt herumgetragen – mit den ebenso mobilen Zuhörern in einem Raum zusammen. „Höre das Hören“ empfiehlt der Titel auf Deutsch – in den eingeflochtenen Pausen konnte man auch der eigenen akustischen Wahrnehmung nachspüren.

„Libra“ erwies sich als total faszinierendes Hörerlebnis, zumal der Komponist das Beckenpaar selbst in die Hände nahm. „Dafür gibt es keine Noten, das ist totale Freiheit. Es kommt nur auf die Erfahrungswerte des Musikers an, der weiß, wie und an welchen Stellen er agieren muss“, erklärte Chen, der sein Stück hoch konzentriert präsentierte. Mit unterschiedlichem Reiben, Kratzen, Streicheln und Schlagen schuf er die hellen und dumpfen Töne, lockte die mitschwingenden Obertöne. Er ließ es zischen und rauschen, gab und nahm den konvexen Scheiben die Luft zum Klingen, veränderte Abstand und Winkel, setzte langen Ausklang gegen abrupte Stopps, baute abwechselnde Rhythmen auf (in die eine Zeitlang synkopisch die auf dem Zeltdach aufklatschenden Regentropfen hüpften). Angewandte Physik als Teil von Musik. Unglaublich, was an Kunst zwischen diesen obertonreichen Scheiben frei gelassen werden kann. Der uns so vertraute typische „Beckenschlag“ kam nur viermal vor – als serieller Schlusspunkt am Ende. Jede Sekunde der etwa zwölf Minuten dauernden Komposition zog in Bann.

Nicht weniger beeindruckend geriet der Auftritt von Mikael Rudolfsson. Der junge Schwede blies die ohnehin alles fordernde Posaune virtuos, begleitete zur sichtlichen Freude des Komponisten das harmonisch gehaltene Werk mit Stimme, Atmen in bestimmter Tonhöhe, Körpereinsatz und Interpretation erstklassig. Da war kein Zögern und kein Fremdeln zu spüren, die Ausführung geriet rundum perfekt – von piekfeinen Glissandi über anspruchsvolle Läufe bis zur pulsierenden Dynamik. Genau diese ungeheure Varietät und daraus entstehende Klangwelt wollte Komponist Chen auch ausgespielt haben: „Es ist, als würde sich Licht im Wasser spiegeln, so sieht man eine buntere Welt mit Farben“ – womit auch der Titel des Sieben-Minuten-Solos geklärt wäre. Ein rundum gelungenes Konzert, das nach Beginn die tolle Akustik der Palmschleuse vergessen machte. Mit solchem Werk und solchen Musikern wächst die Lust auch älterer Menschen, mehr von dieser Neuen Musik kennenzulernen.