Eine Liebe zwischen analoger und digitaler Welt

Ein junger Künstler ist ausgeflogen: in die Fotografie, in eine amerikanische Zeitenwende vor rund 45 Jahren, in grafische Darstellung und Drucktechniken. „The End of Trying 1969 – 1971“ heißt die Ausstellung von Stipendiat Björn Siebert im Künstlerhaus Lauenburg.

Lauenburg – Mehr als 40 Schwarzweiß-Bilder und Postkarten in Farbe zeigt der gebürtige Hamburger, der in Karlsruhe und Leipzig künstlerische Fotografie, Grafikdesign und Medienkunst studiert hat, dort auch lebt und arbeitet. Bis inklusive 4. Oktober ist seine Sammlung im Künstlerhaus-Atelier an der Elbstraße 54 zu sehen – montags bis mittwochs von 10 – 14 Uhr, donnerstags von 14 – 18 Uhr, samstags und sonntags von 14 – 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Die Eröffnung der Schau, zu der rund 30 Stammgäste und Fotografie-Interessierte kamen, durchbrach den Vernissagen-Standard des Hauses. Statt der üblichen Einführung und Vorstellung des Künstlers rauschte Sieberts Freund und Künstlerkollege Philipp Neumann (Leipzig) mit den Besuchern durch zwei Jahre Designvorstellungen aus aller Welt – eine sehr persönliche, lässig-freakige und ordentlich Konzentration fordernde Bilder- und Infoshow. Der üppige Sidekick zum Zeitfenster der Siebert-Ausstellung vermittelte jenseits des Merkbaren eine Vorstellung von Mainstream und Underground in der künstlerischen Gestaltung und Botschaft von Magazinen, Büchern und Plakaten, von Bild und Schrift aus den späten 60er bis frühen 70er Jahren. Die Zeit des Umbruchs und der Sinnsuche war geprägt u. a. vom Vietnam- und Kalten Krieg, Woodstock und Beatniks, Black Panthern und Che, Mondlandung, den aufkommenden Friedens- und Umweltbewegungen.
Danach warf Siebert die Kunstfreunde kurzerhand „ins kalte Wasser“. Sie wurden ohne Weiteres ins Atelier entlassen, sollten sich dort eigenständig bewegen und ihre persönliche Anteilnahme an den Bildern suchen. Eine zumutbare Aufgabe, zumal es als Handreichung ein Infoblatt zu den 14 mit gutem Auge verteilten Stationen gab und der Künstler sich unters Volk mischte.
Fragen gab es unzählige. Sie wurden ohne Scheu gestellt und von Björn Siebert willig beantwortet. Es ging um Drucktechniken, Fotoabzüge auf unterschiedlichen Papieren und Leichtstoffplatten (Barytpapier und Kappa), seine amerikanische Postkartensammlung, die durchgängig 1969 abgestempelt ist – als gerahmte Unikate präsentiert mit bebilderter Vorderseite (als gedruckter Abzug), darunter die beschriebene Rückseite im Original. Wann kann man schon beides zusammen sehen? Viele weitere Drucke und Karten zeigen Motive und gestalterische Varianten, bei denen sich das genaue Hinsehen, Vergleichen und Assoziieren lohnt.
Die drei größten Formate ziehen die Aufmerksamkeit von selbst auf sich. Es sind Varianten von Sieberts Remakes des Bildes „Interior View of Robert Frank’s House, Nova Scotia, 1969 – 1971“ von Walker Evans – die Innenansicht einer halb geöffneten Tür, die zum Betreten des Hauses einlädt. Bis ins Detail habe er das Motiv des Originalbildes in einem Leipziger Atelier nachgebaut und durchfotografiert, erzählt Björn Siebert. Nur drei Varianten davon zeigt er in seiner Lauenburger Ausstellung, „vielleicht werden es noch mehr“ für die gesamte Reihe. Mit ihr „kann man sozusagen das Original begehen, in ganz kleinen Schritten“, sagt der Künstler. Genau muss man es nehmen als Betrachter – dann werden unterschiedliche Bildausschnitte erkennbar, auch Unterschiede in der Farbtönung. Bild Nr. 10 ist das Ausgangsfoto. Die Abzüge sind handgemacht, laut Siebert auf barytiertem Papier ausbelichtet. Damit zu arbeiten ist sehr aufwändig, weil die Chemikalien aus dem lichtempfindlich beschichteten Papier durch lange Wässerung ausgewaschen werden müssen, um das Bild haltbar zu machen.
Sieberts Bilder nähern sich durch Wiederholung dem Wesen des Originals dicht an. Man darf annehmen, dass er die Motive für seine Remakes sehr genau auswählt, bevor er sie re-inszeniert – egal, ob es Bilder von vor 45 Jahren oder im Internet veröffentlichte Handyschnappschüsse sind (auch solche Bildvorgaben zieht er heran, wie seine Websitewww.bjoren-siebert.de verrät). Die Lauenburger Schau dürfte sowohl Fotografie- und Drucktechnikfans als auch „normale“ Besucher ansprechen, die darin eine markante Auswahl an Sehenswertem finden.
Es ist eine interessante Sache, Sieberts detaillierten Blick auf seine Objekte und seiner künstlerischen Rückschau in eine Zeit vor seiner Geburt zu folgen, bei der er die analoge und digitale Welt zusammenführt. Kleiner Ergänzungstipp zur Besucherführung, wenn der Künstler nicht anwesend ist: Deutsche Untertitel, kurze Erklärungen der Spezialbegriffe (z.B. digitaler Siebdruck auf Kappa) und ein paar Anmerkungen zu den Motiven und Techniken auf der Rückseite des Infoblattes wären eine klasse Ergänzung. Jeder Betrachter von Kunst muss und will seinen Eigenanteil zur Auseinandersetzung mit dem Werk leisten – die meisten nehmen ein paar kleine Wegweiser auf dieser Reise dankbar an.