Die Neugierigen

Musiktheater statt Liederabend: Frank Düwel bringt 2016 auf Gut Segrahn im neuen Format „Young Classics“ Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ auf die Bühne. Wie geht man so etwas an? Was wird anders als gewohnt? Worin liegt der Reiz? Wir sind den Protagonisten bei einer Probe auf die Pelle gerückt – und haben Antworten gefunden.

Hamburg – Frank Düwel ist als Regisseur und Intendant des KulturSommers am Kanal dafür bekannt, den Menschen neue Türen zu klassischen Kunstformen zu öffnen. Mit dem Bariton Timotheus Maas und Pianist Lémuel Grave sowie Regieassistentin Caterina Cianfarini hat er drei passionierte Neugierige für die geplante Verjüngung des traditionellen Liederabends gefunden. In Franz Schuberts Musik und Wilhelm Müllers Texten (1823 zum Zyklus mit 20 Liedern vertont), ihrer eigenen Emotionalität und Experimentierfreude und am Ort der Aufführung finden sie offenbar alles, was sie dafür brauchen. Die Aufführung am 30. Juli (20 Uhr) im renommierten Viehhaus Segrahn bei Gudow macht auch das Publikum neugierig.

 

Der niederländische Sänger Timotheus Maas (28) und der französische Pianist Lémuel Grave (34) haben mit der musikalischen Probenarbeit vor etwa einem halben Jahr begonnen. In mehreren Arbeitsmeetings mit Regisseur Frank Düwel wurden die Linie des musikalischen Kammerspiels und die Interpretation des Zyklus gemeinsam festgelegt. In die Teamarbeit eingestiegen ist inzwischen auch Regieassistentin Cianfarini, die bis zur Bühnenreife am Feinschliff mitarbeitet. Sie studiert Musiktheaterregie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater – von da kennen sich alle vier – und begleitet im KulturSommer auch den theatralen Spaziergang „Bismarck und sein Förster“.

 

Herr Düwel, viele Menschen kennen „Die schöne Müllerin“. Wodurch unterscheidet sich die „Young-Classics“-Inszenierung von  einem Liederabend mit demselben Programm?

Frank Düwel: Wir machen Theater daraus, ziehen die in zwanzig Liedern gefasste Geschichte des Müllers in den Vordergrund. Das Publikum soll den jungen Mann kennenlernen, der munter  den Bach entlang wandert, bis er zu einem schönen Ort gelangt – mit einer schönen Müllerin, in die er sich verliebt. Was leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht, weil die Schöne ihr Herz schon einem Jäger geschenkt hat. Das ist eine zutiefst menschliche Geschichte, die fast Jeder früher oder später erlebt: In der Liebe kann man immer wieder scheitern. Und doch bedeutet das in unserer Interpretation nicht das Ende der Welt oder des Lebens. Wir sehen den Zyklus als Gleichnis für das Erwachsenwerden.

 

Sind romantische Lieder und Gefühlslagen denn heute überhaupt noch angesagt?

Frank Düwel: Mehr denn je. Jedes Lied entsteht aus einer poetischen Sehnsucht, sich mitzuteilen. Ein Lied ist relativ kurz – knappe Formen sind absolut in. Und Romantik: Sie ist ein Wesensmerkmal unserer Kultur und Identität. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft schätzen die unmittelbare Wirkung von Musik auf die eigene Emotion. Ihre Empfindungen zeigen und teilen zu können, zeichnet doch gerade die junge Generation aus. Es ist absolut zulässig, dass das Publikum sich äußert. Wir sind schon gespannt darauf.

 

Wie sind Sie auf Ihre „tragenden Elemente“ Schubert, Maas und Grave gekommen?

Frank Düwel: Ich kenne die beiden Künstler noch aus ihrer inzwischen abgeschlossenen Hochschulzeit in Hamburg. 2015 haben sie als Duo in Hamburg Schuberts „Winterreise“ vorgestellt. Sie war von allen Schnörkeln befreit und kam super an, gerade auch bei den vielen jungen Besuchern. Eine fantastische Grundlage, mit der „Die schöne Müllerin“ nahe lag.

 

Nun zu Ihnen, Herr Maas und Herr Grave: Was reizt Sie als junge Künstler am traditionsreichen Lied und am  „alten“ Schubert?

Timotheus Maas:  Wir möchten das Lied verständlich machen und noch viel mehr Freunde dafür gewinnen. In einem Lied geht es um Emotion – und die versteht jeder Mensch, nicht nur das Konzert- oder Opernpublikum. Es geht darum, was Musik bedeutet und was sie mit einem macht. Es geht um Identifikation, nicht nur um „feel good“. Schubert ist eine unendliche Quelle, die immer wieder überrascht.  Seine Lieder sind farbig und detailreich, seine Musik ist sehr nah am Text. Das kommt einem Sänger natürlich sehr entgegen.

Lémuel Grave:  Ja –die Musik arbeitet dem Text zu, sie unterstützt oder kontrastiert ihn. Sie trägt Bedeutung und erschließt den emotionalen Zustand des Müllers. Bei Schubert liegt große Kraft im Kleinen. Vielleicht ist das der Grund, dass „Die schöne Müllerin“ so gut zur Idee von Musiktheater passt. Die Bühne ist ein Ort, um mit Regeln zu brechen – das macht es spannend für alle.

 

Sie studieren Regie und erleben Kultur in der Großstadt Hamburg, Frau Cianfarini.  Was erhoffen Sie sich von diesem KulturSommer-Ausflug aufs Land?

Caterina Cianfarini: Für mich bedeutet „Young Classics“ neben der wertvollen Regieerfahrung in erster Linie, Kultur in einen völlig anderen Kontext zu bringen – raus aus der Stadt, raus aus der Hochschule. Damit ergeben sich ganz andere Formen des Umgangs mit einem Thema. Ich merke bereits, dass das den Kopf frei macht für neues Denken, für  Ideen, die man so noch nicht gesehen hat. Ich bin selbst auch schon sehr neugierig auf das Endergebnis und die Resonanz.

 

Was also können Sie dem Publikum versprechen für diesen Abend, Herr Düwel?

Frank Düwel: Eine Aufführung, bei der die einzelnen Komponenten nicht besser zusammenwirken könnten. Wir spielen – wie der Zyklus – auf dem Land und in der Natur. Wir haben mit dem Gut Segrahn ein Haus, das Geschichte und Gegenwart vereint. Hier dürfen junge Künstler und neue Formate sich entfalten. Wir erzählen eine zutiefst menschliche Geschichte. Wir hören Schuberts wunderbare Lieder, denen dank der jungen authentischen Interpreten nichts Museales anhaftet. Wir erleben mit Timotheus Maas einen exzellenten Sänger und lebendigen Darsteller, mit Lémuel Grave einen unverstellten Pianisten mit sehr direktem, erkennbarem Spiel. Und wir haben eine junge begabte Regieassistenz, die frischen Wind mitbringt. Der Abend wird auf jeden Fall anders als gewohnt – wir wollen mit alten Gewohnheiten auf der Bühne und im Zuschauerraum brechen.

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