Es werde Licht …!

Bei Nicolas Freitags Ausstellung in der Lauenburger Stadtgalerie haben es die Bürger selbst in der Hand, die zeitgenössische Kunst in der Stadt leuchten zu lassen …

Lauenburg – Berliner Charme mit Kieler Note: In Nicolas Freitag finden sich beide zusammen. Der in Kiel gebürtige, Schleswig-Holstein-affine Künstler aus Berlin zeigt bis zum 8. Januar 2017 seine neue Ausstellung in der Lauenburger Stadtgalerie an der Elbstraße 28. Monstertitel: „Illusion Drop Shop feat. Nicolas Freitag Lightbox“. Das klingt komplizierter, als es ist. Freitag kommt es darauf an, dass der Künstler wie der Betrachter auf die Dinge zugeht – körperlich und gedanklich. „Das kann bewirken, dass sich eben noch sicher Geglaubtes in etwas Anderes verwandelt“, sagt Nicolas Freitag.

Er will die Menschen in eine Bewegung versetzten, so wie ihn die Welt bewegt. Freitag arbeitet stets mit mehreren Ebenen – sie sind Stilmittel in seinen Objekten, gelten auch für die Wahrnehmung der Betrachter. Er spielt gekonnt mit Worten und Bildern, stellt große Themen und Gedanken auf seinen Prüfstand, um sie dann auf eigene Art anzunehmen oder ins Gegenteil zu verkehren. Je mehr Hintergrundwissen man hat, desto besser sind Freitags ironische Anspielungen zu verstehen. Zeit, Glück, Religion, Staat – dieser Begriffe hat Freitag sich in der Lauenburger Schau angenommen. Und hinter bzw. unter verführerischen Oberflächen hat alles hat mehr als nur die eine offensichtliche Bedeutung.

Wer das Haus betritt, gibt seine Distanz auf, verlässt das schon von außen Gesehene. Freitag versteht die gesamte Galerie als einen großenr Installations- und Wahrnehmungsraum. Da hinein hat er seine Kunst gepflanzt. Was sehen wir: Die Scheiben aller Fenster sind mit einer Art bunter Tapeten verhängt. Wie Kirchenfenster wirken bei Lichteinfall die bunten Folien, auf denen sich in einem computergenerierten Wimmelbild unzählige Kleinstmotive treffen, die irgendwie mit Religionen und ihren Gründern zu tun haben. Tagsüber scheint das Sonnenlicht von draußen herein, bei Dunkelheit lassen Stehlampen in den Innenräumen das Haus nach außen leuchten. Sieben Lampen- Leihgaben von Bürgern – erhellten das Haus am Abend der Vernissage. Ob die Lauenburger mit rund 11.500 Einwohnern und gut 7000 Haushalten ihre Stadtgalerie noch besser in gutes Licht zu setzen vermögen, werden Besucher und Passanten erleben – Freitags Schau ist dynamisch. Natürlich fände der Künstler ein Strahlen in der Elbstraße schön. Aber: „ Es ist, wie es ist“, sagt er. „Die Beleuchtung ist ein Spiegel für die Resonanz der Bürger auf zeitgenössische Kunst.“ Wer seinem privaten Beleuchtungskörper doch noch die seltene Chance auf stille, aber leuchtende Mitwirkung an einer Kunstausstellung verschaffen möchte, kann ihn jederzeit im Künstlerhaus abgeben.

Nicolas Freitags Arbeiten sind von hinterhältig-witziger Symbolik. Er macht aus kleinen Teilen Großes, bricht große Themen durch Inflation von Elementen aufs Alltagstaugliche herunter. Wird alles offenbart, erkennt man vielleicht gar nichts mehr. Wie bei seiner Hissfahne (2014), auf deren eineinhalb Quadratmetern er listig „All national flags of the world transparentliy overlaid“ hat. Alle Nationalflaggen der Welt übereinander projiziert, ergeben in der Summe ihrer Farbigkeit und Muster eine Fläche aus undefiniertem Igelbraun mit nur sehr dezent erkennbaren Rechtecken und Mittelkreis. Dazu kann zuviel des Hehren werden, auch wenn das Material vom Besten ist.

Nicht weniger hintersinnig seine grüne „Uhr“ mit der Aufschrift „Jetzt ist gut“. Was heißt das? Jetzt ist ein guter Moment für Irgendetwas  – auch noch, wenn die Zeiger auf fünf vor zwölf stehen? Oder: Jetzt ist das Werk vollendet und gut geworden? Oder: ein resolutes „Schluss jetzt“, wie die Eltern es dem Kind bescheiden? Alle Optionen sind in diesem Zeitmesser enthalten, dessen Oberfläche ein wenig an die eines aufgeblasenen Luftballons erinnert. „Oh ja, was zu sehr gedehnt wird, könnte platzen“, merkt der Künstler an. Wer an solchen Spielereien seine Freude hat, kann eine kleinere Version der Uhr (Acrylglas-Fotoplatte, 35 cm Durchmesser, lichtechter Aufdruck, 128 Euro) auch kaufen.

Womit wir schon beim Schnäppchen wären: Die titelträchtigen „Illusion Drops“ sind für 29 Euro zu haben. Es handelt sich um im Licht leuchtende, fingerlange Gießharzobjekte, in deren Eingeweide sich Malerei und Fotografie en miniature aneinanderkuscheln. „Einsame Inseln“ nennt Freitag die künstlerischen Riesenpillen – ein Späßchen fürs Auge. Solche Inseln böten eine Fluchtmöglichkeit, man könne sich dorthin träumen, erklärt der Künstler. Allerdings: Sei man auf einer einsamen Insel und könne nicht weg – eine Frage des Standpunkts – werde diese leicht zum Horror. Ergänzt er und grinst. Vielleicht auch über den Seitenhieb auf die branchenübliche Referenz für seine süß-sauren Drops. Den kleinsten Teilen hat er nach dem Motto „Hauptsache, es macht was her“ piekfein den längsten Titel gegeben ("Ilussion Drops" aus dem First Real Contemporary Fine Art White Cube Projekt Kunst Gallery Exhibition Illusion Drop Picture Dealer Shop). 

Für den kleinen Geldbeutel liegen Postkarten, Kataloge und große Bogen Geschenkpapier mit allen Glückssymbolen dieser Welt bereit (keine Sorge – hier greift nicht das Fahnenprinzip). Die Besucher können also etwas mitnehmen, dürfen aber gern auch etwas bringen: Stehlampen! Diese werden integraler Bestandteil der Lightbox-Ausstellung. Wer mitmacht, erhält eine Überraschung. Also, Lauenburger: Zieht den Stecker, bringt euer Licht ins Künstlerhaus (Montag und Dienstag 10 bis 17 Uhr), und lasst mit der Leihgabe die zeitgenössische Kunst noch einmal richtig leuchten! Es wird wahrscheinlich das letzte Mal sein: Die Stadtgalerie im Hagenström schließt nach dieser Schau ihre Tür – es konnte kein neuer Mietvertrag vereinbart werden. Die Ausstellung von Nicolas Freitag ist samstags und sonntags von 14.30 bis 16 Uhr geöffnet, die Fenster werden täglich von 11 bis 23 Uhr beleuchtet. Ermöglicht wird die Schau durch eine Projektförderung des Ministeriums für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein.

Zur Person:
Nicolas Freitag studierte in Kiel und Berlin, wo er zurzeit lebt. Er arbeitet in den Bereichen Malerei, Fotografie, Objekt, Installation, Text, Kunst im öffentlichen Raum und im Internet und ist an Interdisziplinären Projekten beteiligt. Seit 1992 hat der vielfach mit Stipendien und Preisen bedachte Künstler an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland teilgenommen. 2000 – 2005 hatte Nicolas Freitag einen Lehrauftrag für Malerei an der Muthesius-Hochschule Kiel . 2002/2003 war er Stipendiat im Künstlerhaus Lauenburg. Mehr erfahren Sie unter www.nfreitag.de und www.illusion-drop.de.

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