Schmackhaftes „Literarisches Abendbrot“

Ein „Literarisches Abendbrot“ mit fünf Gängen präsentierte der Literatur-Beirat der Stiftung Herzogtum Lauenburg in Mölln. Angerichtet war das Buffet um das Thema Biographie.

von Eva Albrecht
Mölln – Knapp 30 Zuhörer ließen sich das besondere „Abendbrot“ im Stadthauptmannshof schmecken. Erstmals waren Mitglieder des Literatur-Beirats dafür selbst aufs Podium gegangen: die Berufsschullehrerin Juliane Schlums, der pensionierte Geograph und Kriminalschriftsteller Dr. Jürgen Ehlers, die Journalistin und Redakteurin Brigitte Gerkens-Harmann, die Psychologin Angelika von Aufseß und der Schriftsteller Christoph Ernst. Die vorgestellten Biographien erwiesen sich also so unterschiedlich wie die Interessen und Geschmäcker ihrer Fürsprecher.

Es ging dabei nicht nur um die Lebensgeschichten interessanter Frauen und Männer, wie Agatha Christie, Dorothea Schlegel und Mata Hari, Lion Feuchtwanger und Arthur Schopenhauer. Es ging auch um Möglichkeiten der biographischen Darstellung (zwei der Bücher waren Romane, eines eine Autobiographie) und die Fähigkeiten der jeweiligen Autoren zur „schmackhaften“ Darreichung. Die Akteure aus dem Beirat verrieten in ihren rund 15-minütigen Kurzvorstellungen auch, warum sie just „ihr“ Buch zum Lesen empfahlen. Kurze Auszüge in Form von Leseproben erwiesen sich dabei auch für das überwiegend belesene Publikum als durchaus appetitanregend.

Carola Stern: „Ich möchte mir Flügel wünschen –
Das Leben der Dorothea Schlegel“ (Rowohlt)

Den Einstieg machte Juliane Schlums mit der Lebensgeschichte von Dorothea Friederike Schlegel (1764 – 1839). Sie war Literaturkritikerin und Schriftstellerin, Tochter des aufklärerischen jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, umstritten wegen ihrer Verstöße gegen die Konventionen. Sie wurde zur Mitbegründerin der literarischen Romantik und eine der führenden Persönlichkeiten der aufkommenden Salonkultur. Früh jüdisch verheiratet, ließ Dorothea sich später scheiden, um danach öffentlich mit dem jungen Philosophen Friedrich Schlegel zusammenzuleben, den sie später erst heiratete und mit dem sie von Berlin nach Jena zog. Sie wechselte zweimal ihre Konfession, war gesellschaftlich geächtet und schaffte es trotz finanzieller Probleme immer wieder, das gemeinsame Auskommen mit ihrer literarischen Arbeit zu sichern. Der einzige Weg zur Glückseligkeit, so hatte Schlegel selbst geschrieben, sei es, immer besser zu werden.
Dorothea Schlegel habe bei ihren Zeitgenossen vielerlei Gefühle ausgelöst – nur gleichgültig habe sie nicht gelassen, so Schlums. Sterns Biographie schildere das jüdische Leben einer jungen fortschrittlichen Frau im ausgehenden 18. Jahrhundert. Sie sei eine Vorkämpferin für die Rechte der Frauen gewesen und habe es trotz aller geschichtlichen, gesellschaftlichen und persönlichen Widrigkeiten geschafft, glücklich zu werden. „Hätte es Frauen wie sie nicht gegeben, hätte ich heute meinen Beruf nicht“, sagte Juliane Schlums. Aus all diesen Gründen gebe sie die „wärmste Empfehlung“ zur Lektüre.

Agatha Christie: „An Autobiography“ (Collins)
Jürgen Ehlers verdeutlichte am Beispiel Agatha Christie (1890 – 1976), was dem Leser bei dieser dem Autor oft liebsten Form der Lebensbeschreibung entgeht: eine ganze Menge. Die trotz ihres Ruhms zeitlebens sehr scheue Schriftstellerin (geboren als Agatha Mary Clarissa Miller) schildert in ihrer 1977 erschienenen Autobiographie viele Erlebnisse, verrät dennoch nur das Nötigste über sich. „Der Schlüssel zu ihrer Person findet sich dort nur zum geringen Teil“, so Ehlers. Eher schon erweise sie sich auch hier als Meisterin darin, den Leser hinters Licht zu führen – durch Weglassen von Informationen, die sie nicht teilen wollte. Am Beispiel von elf fehlenden Tagen nach einem durchaus erwähnten Ehestreit (Christie war damals abgetaucht) schilderte der durch Sekundärliteratur gut gebriefte Ehlers die daraus entstehende Polizeiposse und später veröffentlichte Erklärungsversuche.
Sein Buch sei ein Beispiel dafür, was in einer Autobiographie nicht drin stehe, so Ehlers. „Für den Leser ist es oft besser, eine von einem anderen Autor geschriebene Biographie zu lesen.“ Wie er auf Agatha Christie kam? Zum einen ist Ehlers Krimiautor und von der Spurenlegung der britischen Krimikönigin fasziniert. Zum anderen hat er, wie er nebenbei verriet, eines ihrer Bücher übersetzt – für den Scherz Verlag, der um das Jahr 2000 eine Neuübersetzung in zwölf Bänden herausgebracht habe.

Paul Coelhos: „Die Spionin“ (Diogenes)
Brigitte Gerkens-Harmann setzte sich auf die Spur von „Mata Hari“, mit bürgerlichem Namen Margaretha Geertruida Zelle (1876 – 1917). Die aus wohlhabendem Elternhaus stammende Niederländerin erhielt eine musische Ausbildung. Mit 16 Jahren von ihrem Schuldirektor  vergewaltigt, heiratete sie zwei Jahre später einen 20 Jahre älteren Mann und ging mit ihm nach Indonesien. Später trennte sie sich von ihm, zog nach Paris und begann sich dort eine Art Fantasiewelt aufzubauen. Sie machte sich einen Namen als erotische Tänzerin, trat mit in Salons und Theatern auf, wurde die geheimnisvolle Geliebte reicher Männer. 1914 warben deutsche Agenten sie als Spionin gegen die Franzosen an, wenig später sollte sie für Frankreich gegen die Deutschen spionieren. Ob sie als (Doppel-)Agentin je von wirklichem Nutzen war, kann bezweifelt werden. Dennoch wurde sie verhaftet, in einem Schauprozess verurteilt und 1917 durch Erschießen hingerichtet.
Mit dem Prolog des Buches (Vorbereitung und Durchführung der Exekution) gab Gerkens-Harmann einen anschaulichen Einstieg in Coelhos‘ Beschreibung dieser „wunderschönen und tieftraurigen“ Frau. Sie habe „Die Spionin“ als Geschenk erhalten und das Buch erst gelesen, nachdem die ersten Rezensionen erschienen waren, sagte Gerkens-Harmann. Da habe es sie dann gepackt. „Es ist ein sehr spannendes Buch, das ich jederzeit meiner besten Freundin schenken würde.“

Klaus Modick: „Sunset“ (Eichborn)
Angelika von Aufseß stellte Modicks Roman „Sunset“ vor, der Lion Feuchtwangers Zeit in der kalifornischen Emigration nachspürt. Sie habe das Buch nicht Feuchtwangers wegen, sondern wegen des Autors Modick ausgewählt, bekannte die Psychologin. Der Roman sei keine trockene Biographie, sondern eine faszinierend aufbereitete Hommage an den deutschen Schriftsteller Feuchtwanger (1884 – 1954). Dieser war 1941 in die USA emigriert, wo er während der McCarthy-Ära auch wegen eines früheren Moskau-Aufenthalts als Linksintellektueller jahrelang misstrauisch beobachtet wurde und vergeblich auf seine Einbürgerung wartete. Dass er als Schriftsteller Erfolg hatte, sei ihm oft angekreidet worden, berichtete von Aufseß. Der Verlust der Heimat und des Sicherheitsempfindens hätten ihn ebenso geprägt wie Angst und Schmerzen (Feuchtwanger starb an Krebs).
„Sunset“ ist anekdotisch geschrieben und mache dem Leser keine Mühe, so von Aufseß. Man entdecke Feuchtwanger und seine Begegnungen mit intellektuellen Immigranten, zu denen u.a. Bert Brecht gehörte. „Modick schafft es, die Person Feuchtwanger, deren Umgebung, politische und psychologische Situation mit leichter Hand zu beschreiben“. Drei gut gewählte Leseproben machten neugierig auf mehr.

Irvin D. Yalom: „Die Schopenhauer-Kur“ (btb)
Sehr komplex ist offenbar „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin D. Yalom. Christoph Ernst stellte ihn vor als eine Art psychologischen Entwicklungsroman, der mit biographischem Material über Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) verbunden ist. Yalom ist selbst Psychiater, lotet in seinem Buch – sofern richtig verstanden – die Kompatibilität von Philosophie und Psychologie aus. Er lässt in der weit verzweigten Geschichte einen obsessiven Patienten durch die Lektüre von Schopenhauers Werk genesen und vermittelt Schopenhauer-Einsteigern dabei offenbar hilfreiche Eindrücke von Persönlichkeit, Wirken und Bedeutung des ebenso einsamen wie pessimistischen Philosophen für seine Zeit.
Alles zusammen, so Christoph Ernst, habe ihn „fasziniert und berührt“. Der biographisch geprägte Roman habe sowohl etwas typisch Kalifornisches als auch typisch Deutsches, sagte Ernst. Er stelle die Grundfrage: Wie lebt man so, dass man jederzeit abtreten könnte? Und er zeige Wege, wie man sich und das Leben annehmen könne. Ein Buch, das man auch in 20 Jahren noch werde lesen können. „Das hört sich nach akademisch schwerer Kost an, aber Yalom gelingt es durch seinen mühelos-lockeren Stil, den Leser zu fesseln“, hatte Kritikerin Andrea Tholl  zum Erscheinen des Romans 2005 geschrieben (Spiegel  online). Etwas schade deshalb, dass Ernst keine Leseprobe zum Besten gab – das wäre ein schönes Dressing zum Carpaccio gewesen.

Michael Packheiser, der „Kästners Illustrator Walter Trier – Eine Bilderbuch-Karriere“ von Antje Neuner-Warthorst (Nicolaische Verlagsbuchbuchhandlung) vorstellen wollte, hatte kurzfristig abgesagt.

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