Lauenburg statt Galerie

Es war einmal: Der Blick in die Räume der früheren Stadtgalerie an der Elbstraße 28 lohnt nicht mehr. / Foto: Albrecht

Die Stadtgalerie ist geschlossen, das Künstlerhaus Lauenburg stellt sich neu auf: Die Künste sollen die Stadt erobern, mehr Menschen das Haus kreativ für sich entdecken.

Die Kunst ist ausgezogen: Der Blick in die Fenster der früheren Stadtgalerie an der Elbstraße 28 lohnt nicht mehr. / Foto: Albrecht

Lauenburg – 2017 wird für die Institution Künstlerhaus ein Jahr mit Umbrüchen werden. Das zeichnete sich schon im Vorjahr mit der beschlossenen Schließung der Stadtgalerie im ehemaligen Kaufhaus Hagenström ab. Ein weiterer ist mit monatlich 200 Euro Miete (seit 2016 fällig nach fünf mietfreien Jahren) für den Künstlerhausverein finanziell nicht zu bewältigen. Eine sehr bedauerliche Situation, vor der es aber niemand kapitulieren wollte. „Vielmehr war sie für uns eine Aufforderung zur kreativen Neuausrichtung“, sagt die künstlerische Leiterin Marita Landgraf. Sie stellte mit der Vereinsvorsitzenden Ulrike Mechau-Krasemann das neue Konzept vor.

Mehr Interaktion mit den Stipendiaten

Unangefochtener Bestandteil und finanziell gesichert bleibt die Betreuung der fünf Landesstipendiaten im schönen alten Haus, dessen Erdgeschoss nach dem großen Elbhochwasser 2010 umfassend saniert und modernisiert wurde. Mitte Mai erwarten die Lauenburger mit Dagma Weiss, Daniil Dalkin und Anja Gerecke (Kunst), Valentin Moritz (Literatur) und Thierry Tidrow (Komposition) die inzwischen 31. Generation geförderter Künstler. Landgraf und die ehrenamtlich tätigen Vereinsmitglieder wollen den Kontakt zwischen ihnen und der Bevölkerung sowie neuen kunstaffinen Zielgruppen verstärkt fördern und damit die zeitgenössische Kunst noch besser vermitteln.

Marita Landgraf (li.) stellte mit Vereinschefin Ulrike Mechau-Krasemann das neue Konzept des Künstlerhauses vor. / Foto: Albrecht

Dazu gehören regelmäßige Begegnungen zwischen den Stipendiaten und Kulturschaffenden im Künstlerhaus. Aktive Teilhabe und Kommunikation rund um die Kunst und Kultur sind das Ziel. So will das Haus künftig für kreative Menschen jeden Alters angeleitete Workshops anbieten. Ein erstes Treffen dazu findet am Sonntag, 26. März 2017, von 14 bis 17 Uhr im Künstlerhaus statt. In den offenen Workshops werden die Teilnehmer sich mit Techniken wie Fotografie, Zeichnung, Collage oder Klang beschäftigen und mit sozialen, kulturellen oder historischen Aspekten der Stadt auseinandersetzen. Marita Landgraf und der Hamburger Künstler und Kulturvermittler Benjamin Stumpf, die diese Workshops leiten werden, wollen die Arbeitsprozesse, Zwischenstände und Ergebnisse auch zeigen. Das offene Atelier wird vom Kieler Kulturministerium und der Stiftung Herzogtum Lauenburg gefördert.

Dr. Kerstin Hallmann von der Leuphana-Universität Lüneburg testet mit ihren Lehramststudenten das „Offene Atelier“ als pädagogischen Vermittlungsweg für Kunst. / Foto: Albrecht

Jugendliche und junge Erwachsene sollen eine nachhaltige Zielgruppe werden. Dazu hat das Künstlerhaus eine Kooperation mit dem Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung von der Lüneburger Leuphana-Universität vereinbart. Dozentin Dr. Kerstin Hallmann wird im Rahmen eines Projektseminars mit Lehramtsstudenten die Stipendiaten treffen und das Format „Offenes Atelier“ als Kunstvermittlungsweg erkunden. „Lange Zeit war das Künstleratelier stark mystifiziert. Das funktioniert heute anders“, sagt Dr. Hallmann – dennoch sei ein direkter Kontakt mit Künstlern selten. Sie sei gespannt auszuloten, welche Wirkung das habe. Das Projekt soll von März bis Juli laufen. Die Arbeitstage in Lauenburg sind für Ende Juni geplant.

Mehr Transparenz für die Schätze

Wie bereits berichtet, gilt den bisher 150 Werkgaben von Künstlern aus 30 Stipendiatengenerationen erhöhte Aufmerksamkeit. Marita Landgraf will im Lauf der nächsten Wochen aus der Sammlung von Arbeiten aus Kunst, Literatur und Musik eine erste Werkschau zusammenstellen. Sie soll von Ende März bis Mitte Mai im Künstlerhaus zu sehen sein. Damit werde die wichtige Arbeit des Hauses und seiner bisherigen Stipendiaten endlich sichtbar gemacht, sagt Landgraf. Die Ausstellung biete zudem den neuen Stipendiaten „einen spannenden Einblick und Anknüpfungspunkt an Vorangegangenes“. Im Zuge der Ausstellungseinrichtung werden alle Werkgaben katalogisiert und fotografiert. Die digitalisierte Schatzkammer hat eine Online-Arthotek zum Ziel, die über die Homepage des Künstlerhauses uneingeschränkt zugänglich sein wird. Dieses Projekt wird, wie berichtet, vom Land Schleswig-Holstein gefördert.

Einfacherer Zugang zu den Künsten

An die Stelle der (stets ausgebuchten) früheren Stadtgalerie tritt jetzt die Stadt. Zunächst „als Experiment für ein Jahr“ –darf die Kunst den öffentlichen Raum in Lauenburg erobern. Das Projekt nach 2017 weiterzuführen, sei nicht ausgeschlossen, sagt Landgraf. Die Stadt als Galerie zu erproben, gibt Zeit zur Suche nach einer langfristig nutzbaren Räumlichkeit. Diese ist nach wie vor nicht abgehakt: Gemeinsam mit der Stadt Lauenburg ist das Künstlerhaus im Herbst 2016 in einen Kunst-Tourismuswettbewerb des Landes gegangen. Das Lauenburger Projekt sieht neben einer verstärkten öffentlichen Nutzung des Schlosses und einer Skulpturensammlung der in Lauenburg gebürtigen Künstlerin Edith Breckwoldt auch eine neue Stadtgalerie neben dem Künstlerhaus vor. Ob hier Fördermittel gewonnen werden können, ist offen – die Bewerbungsfrist endete erst im Januar.

Künstler Clemens Behr richtet die erste Ausstellung im öffentlichen Lauenburger Raum ein. Anne Wohlfahrt von der Kreissparkasse findet das Projekt „megaspannend“. /Foto: Albrecht

Zunächst also bleibt die Kunst im öffentlichen Raum. Grundsätzlich sind zwei mehrmonatige Ausstellungen im Jahr anvisiert. Einschränkungen gebe es nicht, sagt Kuratorin Marita Landgraf, bildhauerische Arbeiten, Installationen, Lichtkunstwerke oder performative Aktionen seien denkbar. Die Stadt Lauenburg habe Entgegenkommen signalisiert. „Es wird keine Schwelle mehr geben. Die Menschen können unmittelbar und auf einfachste Weise mit der Kunst in Kontakt kommen“, so Landgraf. Für die erste „Interaktion mit dem urbanen Raum“ hat sie Clemens Behr gewonnen, einen jungen Künstler aus Berlin. Er fertigt collagenartige architektonische Gebilde und Rauminstallationen (manchmal begehbar) aus Materialen wie Sperrholz, Pappe, Fliesen oder Fundstücken. Ab Mai könnte etwas zu sehen sein – „vermutlich outdoor“, so Clemens Behr, der sich erst einmal von den Örtlichkeiten inspirieren lassen will. Finanziell gesichert ist diese Ausstellungdurch die Unterstützung der Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg. Bei diesem „megaspannenden“ Projekt, so Pressesprecherin Anne Wohlfahrt, „ist gut vorstellbar, dass noch viel mehr Menschen als bisher der Kunst begegnen“. Eine zweite Schau in diesem Jahr kann nur zustande kommen, wenn sie finanzierbar ist. Mit Christian Helwing, einem der Stipendiaten 2016, gäbe es schon einen passenden Kandidaten – doch noch fehlt das Geld.

Die Nische stärken

Bei allem Elan, jetzt  „intensiver mit der Stadt und ihrer Umgebung in Austausch zu treten sowie die Wahrnehmung des öffentlichen Raumes und des Künstlerhauses zu verstärken“, ist Ulrike Mechau-Krasemann das Bedauern über die Schließung der Stadtgalerie doch anzumerken. Auch wenn die Räume im Hagenström den Charme des Unfertigen und mit ständiger Feuchtigkeit zu kämpfen hatten – sechs Jahre Aufbauarbeit des Künstlerhausteams und ungezählte Stunden ehrenamtlicher Betreuung steckten darin. Nun braucht der Verein verstärkt die Unterstützung von außen, hofft auf das Stadtmarketing und die Touristiker. Darauf, dass über allen massentauglichen Veranstaltungen und Angeboten die Nische nicht vergessen wird: „Zeitgenössische Kunst zieht – gerade in einer Kleinstadt – auch hoch interessierte Minderheiten an“, sagt Mechau-Krasemann, die angekündigt hat, sich aus der Vorstandsarbeit zurückzuziehen. Man darf gespannt sein auf die Impulse, die von der nächsten Jahresversammlung des Künstlerhausvereins (für Ende März angekündigt) ausgehen. Der Verein wird ein weiteres Mal auch alle eigenen Kräfte mobilisieren müssen, damit das neue Konzept den bevorstehenden Praxistest übersteht.
Eva Albrecht

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