Avantgarde is Happening …

Junges Management, neue Website, Finanzierung durch Crowdfunding: Ein Frauenkollektiv reanimiert im Juni mit einem Experiment das Avantgarde-Festival in Schiphorst.

Jeanne-Marie, Ines und Julia managen jetzt als Kollektiv „AGF spirit“ das Avantgarde-Festival in Schiphorst. / Foto: Boris Kramarić

Schiphorst – Drei Tage Utopia auf dem Dorf: Vom 23. bis 25. Juni wird sich auf dem Hof der Festivalgründer Jean Hervé Peron und Carina Varain in Schiphorst nach zwei Jahren Pause wieder die Avantgarde treffen. Mit jährlich mehreren Hundert Musikern und Zuschauern gehörte das Festival von 2003 bis 2014 zu den größten Live-Events der experimentellen Musik und Kunst in Nordeuropa – und erhöhte die Zahl der knapp 600 Köpfe im Dorf an den drei Veranstaltungstagen auf etwa das Doppelte. 2014 stieg Jeanne-Marie Varain, die Tochter des Paars, als Kuratorin ein – und verordnete dem Festival danach erst einmal eine strukturelle und kreative Pause. Die ist nun beendet: Drei Avantgardistinnen wagen nun mit neuem Konzept den Aufbruch in die Zukunft.

„AGF spirit“ nennt sich das neue Action-Kollektiv, das den Geist des Treffens wieder in Schwung bringen will. AGF steht für Avantgarde-Festival – das legendäre Zusammentreffen von experimenteller Musik und Performance, Installation, Action-Art und andere Künsten, dem der Krautrock-Musiker Peron (Faust) und die Künstlerin Carina Varain auf ihrem Schiphorster Hof seit 1996 Raum geben. Das Kollektiv besteht aus Jeanne-Marie Varain, die mit dem Festival aufgewachsen ist, Ines Kramarić und Julia Jarque Y Jörg. Die beiden mischten seit 2013 mit großen kollaborativen Projekten (MuD, Logotorium, Krarque Jamarić) dabei mit. Alle drei kennen sich aus dem gemeinsamen Kunststudium und sind sich vertraut aus ihrer gemeinsamen Punkband „Ernsthafte Angelegenheiten“.

Idealismus im Management

Mit dem neuen Konzept wollen die drei Frauen Orte schaffen, „an denen Avantgarde passieren kann“, so Jeanne-Marie. Sie suchen nach zeitgemäßen improvisatorischen Formaten und Systemen, die mit den gegebenen Ressourcen so etwas wie ein „Orchester“ zu bilden imstande sind. Sie wollen Künstlernetzwerke bilden, „die sich eher an der Organisationsform der Musik als der Kunst orinentieren: mehr Band als Einzelkämpfer, mehr kleiner Untergrundclub als Museum“, erläutert Ines. Alle Anwesenden sollen gleichberechtigt an der Aktion beteiligt bleiben. Ob Künstler*innen, Besucher*innen oder Helfer*innen: „Alle bestimmen auf ihre Art mit, wie es werden wird. Niemand hat das Sagen, alles wird kollektiv erarbeitet“, erklärt Julia. Das „*“ lassen wir hier ausnahmsweise zu, weil es nicht einfach „alle“ bedeutet, wie Julia betont: „Wir legen sehr viel Wert darauf, trotz der männlich dominierten Rock- und Krautmusik auch Frauen und nicht-gender-identifizierte Menschen anzusprechen. Wir bemühen uns außerdem sehr darum, Künstlerinnen zu bekommen und an eine 50-Prozent-Quote heranzukommen. Das ist in diesem Genre nicht immer einfach“, weiß sie.

Für Fans wird eine CD mit experimenteller Musik in limitierter Edition aufgelegt. / Foto: AGF spirit

Geld durch „Krautfunding“

Das Kollektiv ist diesmal auch maßgeblich für die Finanzierung des Festivals, das in gewohnter Form für die Veranstalter nicht mehr zu wuppen war. Natürlich sind Spenden auf das Konto des gemeinnützigen Trägervereins Avantgarde Schiphorst e.V. willkommen. Ein Großteil des notwendigen Geldes soll diesmal jedoch per Crowdfunding alias „Krautfunding“ eingesammelt werden. Das „verteilt die Last der Kosten und damit verbundenen Risiken“, erläutert Jeanne-Marie. Die Crowdfunding-Aktion läuft bis zum 7. März 2017 um 23.59 Uhr. Über die Crowdfunding-Website können Fans und Unterstützer Tickets, eine Solidaritäts-CD (limitierte Edition, „bei der ganz schön viele tolle Leute mitmachen“) und andere Beispiele avantgardistischer Kunst erwerben. 35.000 Euro sind das Ziel. Die Aktion ist jedoch ergebnisoffen. Heißt: „Wir kriegen Geld – egal, ob wir unser Fundingziel erreichen oder nicht“, erklärt uns Julia. Das Happening wird dem finanziellen Spielraum angepasst. Kommt nicht genug zusammen, werden Organisatoren als erstes die Preise für Essen und Trinken anheben, nötigenfalls anderen Aufwand durch Improvisation ersetzen. Man werde gemeinsam beobachten, „wohin der Hase läuft“, so Ines. „Das Schlimmste, was passieren kann: Wir sitzen drei Tage lang am Lagerfeuer mit unseren Gitarren und einem Topf heißer Suppe. Alle diese Szenarien haben wir bereits gedacht, gemeistert und herzlich darüber gelacht. Alles ist möglich und wir werden so flexibel wie ein Flummy darauf reagieren.“

Charity vom Zauberer: Thomas Otto spendet den Erlös seiner Vorstellung am 29. April dem Avantgarde Festival. / Foto: AGF spirit

Ein Zusatzpush kommt von Zauberer Thomas Otto, der das Festival „Mit Hirn, Charme und Zitrone“ unterstützt. Den Erlös seiner „Zauberhaften Charity“ am 29. April in Schiphorst (20 Uhr, Eintritt 20,- Euro) spendet er dem Festival. Auch beim Kreissparkassen-Wettbewerb „Gut. Für die Gemeinschaft.“ ist AGF spirit im Rennen. Das Team hat sich beworben, um einen Subwoofer für die Veranstaltungsanlage kaufen zu können, dessen Anmietung das Budget regelmäßig belastet. Noch bis 6. März können dort Fans für ihre Favoriten voten – zur Stimmabgabe fürs Festival geht es hier: https://ksk-ratzeburg.onlineapp.co/items/23129?i_id=10914

Ein Festival auch fürs Dorf

Das vorläufige Kernprogramm steht bereits. 18 Auftritte auf vier Bühnen mit Musik und Kunst sind geplant (zum Line-Up geht es hier: http://avantgardefestival.de/lineup_2017.html), Aktionen rund um die Bühnen, Ausstellungsflächen für Fine Art, einem kleinen Kurzfilmfestival, Radio-Liveübertragungen und Überraschungsaktionen. Das Drei-Tages-Ticket soll 90 Euro kosten. Darüber hinaus wollen das Kollektiv und der Avantgarde Schiphorst e.V. vermehrt den Ort integrieren, in dem sie über die „Kulturei“ schon seit Jahren Kunst- und Kulturveranstaltungen ausrichtet und sich für Kinder und Jugendliche engagiert. 2017 sollen parallel zum avantgardistischen Happening eine Art „Schiphorster Festtage“ statt finden. Hier sind u. a. eine Outdoor-Skulptur-Triennale im Dorf, Fußball-, Schach- und Boules-Turniere und ein für alle öffentliches  Picknick am Sonntag geplant. Jeanne-Marie: „So bringen wir etwas Fremdes, Aufregendes in einen ansonsten eher beschaulichen Ort. Chaos ist großartig! Alle lernen voneinander und erweitern ihren Horizont.“

Alle Interessierten sind eingebunden: Die neue Website wird wöchentlich aktualisiert / Foto: www.afg-spirit-com

Die familiäre Atmosphäre und das Lagerfeuer im Hof, die Nähe zwischen Akteuren und Publikum, die Bereitschaft der Künstler*innen zu spontanen Kooperationen und Auftritten ohne Proben – all das dürfen Fans auch weiterhin erwarten. Neugier auf experimentelle Künste müssen sie mitbringen. Und mitwirken können sie jetzt von Anfang an. Wer sich auf dem Laufenden und/oder das neue Avantgarde-Festival mit Geld und Engagement unterstützen möchte, dem stehen über das Internet viele Wege offen:

www.agf-spirit.com
www.indiegogo.com/projects/avantgarde-is-happening-music-art#
www.youtube.com/user/avantgardefestival
www.avantgardefestival.de
www.instagram.com/agf.spirit
http://avantgardefestival.tumblr.com

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