Künstlerhausverein: Der Druck nimmt zu

Noch nicht glücklich mit dem Stand der Dinge: Ulrike Mechau-Krasemann führt den Verein jetzt bis zum Herbst kommissarisch und will sich danach auf die Beiratsarbeit konzentrieren / Foto: Albrecht

Überraschungen bei der Jahresversammlung des Künstlerhausvereins Lauenburg: Es gab keine Nachfolger für das ausscheidende Vorstandsduo Ulrike Mechau-Krasemann und Dr. Ursula Schild. Und: Das Kulturprojekt mit der Stadt wird vom Land mit weit weniger Geld gefördert als zunächst angenommen.

Lauenburg – Ein rundes Dutzend von zurzeit 45 Mitgliedern war zur Jahresversammlung am 28. März 2017 im Künstlerhaus erschienen. Das sind – an beiden Stellen – nicht viele für eine mindestens landesweit bedeutende Institution, die sich a) in einem Veränderungsprozess befindet und die b) Themen auf der Tagesordnung hatte, die für den Bestand des renommierten Hauses von weitreichender Bedeutung sind. Wir wollen aus dem Geschehen nur ein paar wichtigen Punkte herausgreifen, weil sie den Verein noch eine Weile grundsätzlich beschäftigen werden: die Abhängigkeit von öffentlichen Fördermitteln, personelle Engpässe und finanzielle Grundausstattung. An all diesen Stellen ließen die Mitglieder Ernüchterung und ein Stück Ratlosigkeit erkennen.

Weniger Zuschuss als gedacht: Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede gab die „bittere Pille“ zum gemeinsamen Investitionsprogramm weiter. / Foto: Albrecht

Nur 50 statt 90 Prozent Förderung
Die erste Überraschung betraf das gemeinsame Kunst- und Tourismusprojekt der Stadt und des Künstlerhauses Lauenburg, das kürzlich (wir berichteten) einen Förderzuschlag des Landes erhalten hatte. Fünf Millionen Euro standen in Aussicht für eine neue Stadtgalerie im Nachbargebäude des Künstlerhauses, die öffentliche Nutzung des Schlosses und deren Verbindung durch einen Kulturpfad – bei einer Förderung von 90 Prozent der Investition. Unversehens wurde die damit verbundene „Euphorie gebremst“, so Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede, der der Versammlung die neueste Entwicklung bekannt gab: Die Investitionssumme wird nur mit 50 Prozent gefördert. Es handle sich um Mittel der EU, die nur ganz besonders wichtige Projekte über diesen Satz hinaus fördere – „und so wichtig sind wir dann doch nicht“. Das Land Schleswig-Holstein könnte den Zuschuss aus seinen Mitteln weiter aufstocken, erläuterte Thiede. Das Projekt sei noch nicht verloren. „Der Rückschlag haut uns nicht um. Das Votum aus der Politik lautet: Jetzt erst recht“, sagte der Lauenburger Bürgermeister. 50 Prozent von fünf Millionen Euro habe man in der Tasche, die restlichen 2,5 Mio. Euro aufzutreiben, sollte möglich sein. Man arbeite schon daran, eine Kofinanzierung zu arrangieren. „Wir werden viel Kreativität an den Tag legen müssen“, deutete er an – doch vielleicht sei in einem Wahljahr wie diesem Unterstützung zu gewinnen. „Machen Sie mit! Wir brauchen jetzt einen guten Verein“, appellierte Thiede an die künstlerischen Projektpartner.

Verwaltungsarbeit nimmt zu
Reichlich zu arrangieren gibt es auch im Künstlerhaus. Die Berichte des Vorstands und der künstlerischen Leiterin machten deutlich: Die Arbeit der Stipendiatenstätte und die Kulturvermittlung rund um die zeitgenössische Kunst sind unter der Leitung von Marita Landgraf mit einer Reihe neuer Projekte auf einen vielversprechenden Weg gebracht (wir berichteten). In der Kulturarbeit scheint momentan alles rund zu laufen. Allerdings wächst laut Mechau-Krasemann der Anteil an Verwaltungsarbeit beständig – nicht zuletzt durch die inzwischen vielfach rekrutierten öffentlichen Projektfördermittel, deren Verwendung sorgfältig zu dokumentieren ist. Diese zusätzliche Arbeit kann nach Aussage der Vereinsvorsitzenden über den 16-Wochenstunden-Vertrag der künstlerischen Leiterin nicht aufgefangen werden. Personelle Verstärkung durch eine 450-Euro-Kraft scheint unerlässlich, wenn sie denn finanziert werden kann – vielleicht wäre in Kooperation mit der Stadtverwaltung eine Lösung zu finden, hofft der Verein. „Wir wissen, dass Verwaltungsunterstützung notwendig ist“, signalisierte Bürgermeister Thiede an dieser Stelle.

Noch nicht glücklich mit dem Stand der Dinge: Ulrike Mechau-Krasemann führt den Verein jetzt ein halbes Jahr kommissarisch und will sich danach in die Beiratsarbeit einbringen / Foto: Albrecht

Keine Nachfolge in Sicht
Die geplante Neubesetzung des Vorstandes brachte die zweite Überraschung mit sich. Mit Claudius Grossmann als Interimslösung fand sich ein neuer Kassenwart, mit Karin Bartelt-Frercks eine neue Schriftführerin, mit Ulrike Werth und Petra Horst Kassenprüferinnen. Auch Beiräte und weitere aktive Helfer waren ohne größere Probleme zu rekrutieren. Sie alle werden berufen. Gewählt werden sollten allerdings die Vorsitzenden. Nur: Der Stabwechsel, den Ulrike Mechau-Krasemann und Dr. Ursula Schild seit einem Jahr anstrebten, konnte an diesem Abend nicht vollzogen werden – es fanden sich keine Nachfolger. Das Führungsduo hatte es mit seinem Rückzug aus der fordernden Verantwortung für den Gesamtverein ernst gemeint und sich im Vorfeld der Wahl um Kandidaten bemüht – vergebens. „Wir haben mit einigen gesprochen – doch bei allen fehlte am Ende der letzte Kick“, fasste Mechau-Krasemann zusammen. Auch von den Anwesenden war niemand für den Job bereit, nicht einmal probehalber. So blieb an diesem Abend nur die Flucht in die Formalität: Die Wahl der/des 1. und 2. Vorsitzenden wurde zurückgestellt und soll in einem halben Jahr bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nachgeholt werden. Ulrike Mechau-Krasemann erklärte sich bereit, bis dahin kommissarisch den Vorsitz zu übernehmen bei Unterstützung aus den Beiräten. „Dann ist auch für mich endgültig Schluss als Vorsitzende. Nach zwölf Jahren Vorstandsarbeit ist es Zeit für den Generationswechsel. Wir können nur hoffen, dass wir jemanden finden“, sagte die nun kommissarische Vereinschefin. Das Künstlerhaus sei stabilisiert, betonte sie, erwähnte aber auch, was aus ihrer Erfahrung für den Ehrenamtsposten nötig ist: Als Vorstandsmitglied müsse man den immerwährenden Spagat zwischen den Bedürfnissen der Stipendiaten und der Einbindung der Bevölkerung aushalten können und „eigene Interessen stark zurücknehmen“.

Aus dem Vorstand ausgeschieden: Ursula und Hans-Jürgen Schild wirken jetzt in den Beiräten und als Paten der Stipendiaten. / Foto: Albrecht

Einnahmen reichen nicht
Mit aller Kraft werden Führung und Mitglieder sich auch den finanziellen Angelegenheiten des Künstlerhauses und Vereins, der es besitzt und betreibt, widmen wollen – „seit dem Hauskauf 2009 ein brennendes Thema“, so die Vorsitzende. Der bisherige Kassenwart Dr. Hans-Jürgen Schild stellte den Jahresabschluss 2016 vor und wurde dank tadelloser Buchführung ebenso entlastet wie der gesamte Vorstand. Das von ihm offengelegte Zahlenwerk mit beachtlichen, aber zweckgebundenen Fördergeldern (insgesamt 42.800 Euro von Land, Kreis und Stadt / ohne Sondermittel für die 30-Jahr-Feier) und Projektmitteln (knapp 13.700 Euro) konnte und wollte jedoch über eines nicht hinwegtäuschen: Die finanzielle( Eigen-)Ausstattung des Vereins ist auf Kante genäht. Das Jahr 2016 schloss nach einigen Unwägbarkeiten mit einem Fehlbetrag von gut 1.000 Euro. Das scheint nicht viel – ist aber keine Perspektive.

Zwar ist die Strom und damit Geld fressende Stadtgalerie im Hagenström inzwischen aufgegeben. Auch ist der Hochwasserschaden ist nach Jahren endlich komplett abgerechnet: Von den rund 295.700 Euro Sanierungskosten wurden rund 258.450 Euro erstattet – die selbst gesammelten 44.000 Euro Spendengelder wurden laut Mechau-Krasemann jedoch in diese Summe einbezogen. „Das hatten wir nicht angenommen. Andererseits sind wir froh, dass das jetzt ein Ende hat“.

Sie standen einem kleinen Kreis von Mitgliedern Rede und Anwort: v. li. Künstlerische Leiterin Marita Landgraf, 1. Vorsitzende Ulrike Mechau Krasemann, 2. Vorsitzende Dr. Ursula Schild und Kassenwart Dr. Hans-Jürgen Schild / Foto: Albrecht

Dennoch fehlt dem Verein das finanzielle Polster, um unvorhergesehene Ausgaben auffangen zu können. Was dazu führt, dass dem laufenden Betrieb gelegentlich Liquidität entzogen oder eine geplante Investition zurückgestellt und neu angespart werden muss. So kam etwa auch ein „Sanierungsstau“ bei den Künstlerateliers zustande, deren 30 Jahre alte Duschen einer Erneuerung harren. Nicht grundlos gab Hans-Jürgen Schild deshalb als wirtschaftliche Maxime erneut aus, „erheblich mehr“ Einnahmen zu generieren. Als Beispiele nannte er nicht zweckgebundene Spenden, die Ateliervermietung in der stipendiatenfreien Zeit und den erneut anzukurbelnden „Baustein“-Verkauf. Nicht grundlos erinnerte deshalb auch die Vorsitzende an die Devise „Jedes Mitglied wirbt ein Mitglied“ (Zuwachs 2016: 1) – sind die Beiträge der Mitglieder doch ein Standbein der Eigenfinanzierung. Dass an diesen und anderen Schrauben gedreht werden muss, machten Mechau-Krasemann und Dr. Schild zumindest den Anwesenden klar. Einige Vorschläge zur Einnahmensteigerung und Ausgabensenkung wurden notiert. Am Ende der Versammlung und Aussprachen waren die Probleme offen dargelegt – echte Lösungen gab es noch nicht. Zumindest einige davon zu finden, wird Aufgabe der nächsten Monate sein.

 


Kommentar: Stell dir vor, es geht …

Wie geht es nun weiter: Warten auf den Herbst, dann sind alle klüger? So einfach ist es nicht. Es besteht Anpassungsbedarf nicht auf künstlerischer Ebene, sondern auf institutioneller. Der Verein ist als Träger und Eigentümer des Künstlerhauses wichtig und gefordert. Er hat viel vor, muss also handlungsfähiger und zuverlässiger Partner auch für Politik, Geldgeber und Kooperationspartner bleiben.

Zügig Nachfolger für den Vorsitz zu finden, ist eine der dringendsten Aufgaben für alle Aktiven im Verein, nicht nur für den momentan reduzierten Vorstand. Vor einem guten Jahr hatte Ulrike Mechau-Krasemann im Zusammenhang mit der künstlerischen Neuausrichtung vom Entschluss gesprochen, „alles auf den Prüfstand zu stellen und den Weg für neue Kompetenzen freizumachen“. Vielleicht muss dieses Postulat nun auch für den Verein als Ganzes gelten. Nachfolgeregelungen dauern meistens länger als gedacht, oft Jahre. Ein Lebenswerk in die Hände der nächsten Generation zu legen, ist schließlich nie leicht. Der Übergeber muss vertrautes Was und Wie loslassen. Muss zulassen, dass „weiterführen“ nicht bedeutet „alles weiter machen wie bisher“. Was wäre denn, wenn jemand helfen könnte, ein gutes „Polster“ zu schaffen, aber mit zeitgenössischer Kunst oder Künstlern überhaupt nichts am Hut hätte? Käme ein solcher Kandidat nicht in Frage? Stabile Organisationen wissen, dass sie Kreative und Erbsenzähler brauchen. Sie leisten an den richtigen Stellen das Ihre. Die Zeit grundsätzlicher Debatten über geeignete Kräfte und daraus entstehende Aufgabenverteilungen im Verein und Vorstand kann noch nicht vorbei sein. Es sind die Menschen, die mit ihren Fähigkeiten Optionen öffnen.

Ebenso wenig darf nach 30 Jahren bei einer Institution und internationalen Stipendiatenstätte wie dem Künstlerhaus mit 45 (am besten zahlenden) Mitgliedern ein Limit erreicht sein. In ganz Schleswig-Holstein gibt es nur zwei Künstlerhäuser mit Aufenthaltsstipendien für Bildende Kunst, Literatur und Musik/Komposition – eines davon in Eckernförde, das andere in Lauenburg. „Unser“ Künstlerhaus schafft nicht allein für die Stadt, sondern für die gesamte lauenburgische Region einen ideellen Wert. Wer sollte sich für die Einrichtung im Süden des Landes stark machen, wenn nicht der ganze Süden selbst? Solidarität will geweckt werden. Es gibt eben nicht nur das Land zwischen den Meeren im Norden, sondern auch den Quell der Kunst im Süden. Die Suche nach faktischer Unterstützung, Mitgliedern, Geld- und Sachspenden braucht nicht kurz hinter den Stadtgrenzen zu enden.

Schon klar, dass nicht alles von heute auf morgen geht und dass nicht alles Wünschenswerte machbar ist. Ebenso klar ist, dass viel mehr Menschen initiativ und konstruktiv daran mitwirken müssen, das unkünstlerische Problemgeflecht des Vereins aufzulösen. Ein Teil der Freunde und Unterstützer wird diese Herausforderung annehmen müssen. Ihnen eine kleine Anregung von Wolfgang Neuss: „Stell dir vor es geht, und keiner kriegt’s hin.“

Eva Albrecht

KulturportalStiftung Hzgt. LauenburgKulturSommerKontaktImpressum