Kaltblüter und Casanova

Das Zugpferdemuseum in Lütau hat die Saison 2017 eröffnet. Vor 20 Jahren wurde dieses kleine private Museum rund um das sehr spezielle Thema Pferd gegründet. Wo steht es heute?

Ann-Marie und Jan Dieckmann weisen in München den Generaldirektor des Deutschen Museums, Prof. Dr. Heckl, in die Fahrkunst ein. / Foto: Deutsches Museum München

Lütau – Um Pferde und Mobilität dreht sich alles bei dem kleinen Museum im südlichsten Zipfel Schleswig-Holsteins. Aus dem privaten agrarhistorischen Museum im Lütauer Annenhof heraus hat die Familie Hagenkötter nicht nur Ausstellungen und Aktionstage, sondern vor allem ein mobiles Museum für die Arbeit mit Zugpferden entwickelt. 2013 ging ihr „Museum on Tour“ an den Start, das inzwischen große Sonderausstellungen rund um die oft vergessene Leistung von Zugpferden in Industrie, Gewerbe, Post und Militär in ganz Deutschland präsentiert hat. Selbst im Ausland sind große Museen und Privatsammler schon auf das Lütauer Museumsteam mit den immer wieder überraschenden Ideen aufmerksam geworden und heuern sie an.

Jürgen und Uta-Marina Hagenkötter mit Museums-Kaltblut Eika freuen sich über das Interesse  internationaler Kooperationspartner. / Foto: Zugpferdemuseum Lütau e.V.

Das A und O: Ein gutes Gespann

Vier Leute stemmen heute den Betrieb im Annenhof und die Museumsarbeit, verbinden dabei wertvollen Background mit aufeinander eingespieltem Zupacken. „Die inhaltliche Aufbereitung, das Ausstellungskonzept und die gesamte Logistik werden in Lütau geplant und gesteuert“, erklärt uns Jürgen Hagenkötter. Seine Frau Uta-Marina Hagenkötter führt die Geschäfte des als gemeinnütziger Verein geführten Zugpferdemuseums, sie plant die Abwicklung und Logistik. Tochter Ann-Marie Dieckmann M.A., Volkskundlerin, Ethnologin und Fahrlehrerin für Pferdegespanne, entwickelt das Konzept. Schwiegersohn Jan Dieckmann ist zuständig für die Technik und das Ausstellungssystem. Die selbst entwickelten so genannten CultureCubes – würfelförmige offene Module, die unterteilt werden können – ermöglichen einzeln und als Landschaft sehr flexible Präsentationsmöglichkeiten. Und genau die sind in Kombination mit Know-how und Ausstattung offenbar enorm gefragt. „Wir haben mittlerweile mit unseren Aktivitäten einen festen Platz in der Museumsszene – nicht nur in Deutschland“, stellt Uta-Marina Hagenkötter fest.

Vielseitige Ausbildung: Ann-Marie Dieckmann ist auch Fahrtrainerin und hier fröhlich bei der Freiarbeit mit Ponywallach Clyde aktiv. / Foto: Zugpferdemuseum Lütau e.V.

Stationär: Geschichts- und Fahrunterricht

Der kleine Museumsbetrieb in Lütau, der in der Region ab 1997 vor allem durch die „Historischen Gespanne auf der Alten Salzstraße“ und das mittelalterliche Salzstraßenspektakulum von sich reden machte, ist weiterhin lebendig und aktiv. Von Mai bis September hat das Zugpferdemuseum sonntags (10 bis 17 Uhr) geöffnet. Dort erhalten die Besucher bei etwa einstündigen Führungen durch die stets aktualisierte Ausstellung Einblicke in die Welt der Arbeitspferde durch die Jahrhunderte. Oft kommen auch Schulklassen zu Besuch, die nicht nur ein heute weitgehend unbekanntes Stück Verkehrs- und Arbeitsgeschichte kennenlernen, sondern auch den leibhaftigen Pferden auf dem Hof begegnen wollen. Schnupperkurse im Gespannfahren ergänzen das Angebot. In kleinen Gruppen (max. vier Personen) darf jeder die Zügel in die Hand nehmen. Am Ende der rund vierstündigen Unterweisung steht eine kleine Ausfahrt.

Profipräsentation: Die CultureCubes schaffen Offenheit und Konzentration zugleich. / Foto: Albrecht

Mobil: Partner großer Museen und Sammler

Hauptziel der Lütauer bleibt es, die vergessenen oder übersehenen Einsatzbereiche von Arbeitspferden – hauptsächlich von Zugpferden während der Industrialisierung – wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und Wissenschaft zu rücken. Nicht immer steht das Pferd im Mittelpunkt, aber dabei ist es immer. Die berittene oder bespannte Mobilität erweist sich hier als zeitlos guter „Aufhänger“. Große Museen unterschiedlicher Ausrichtung engagieren das Zugpferdemuseum als Partner für zugkräftige, weil inspirierende Sonderausstellungen. Bisherige Krönung war 2016 die große Ausstellung „Angespannt – Mobilität auf vier Beinen“ auf 800 Quadratmetern im Verkehrszentrum des Deutschen Museums München. „Mit dem Deutschen Museum hatten wir einen Partner, der an Ausstellungsattraktivität und internationaler Bekanntheit nicht mehr zu überbieten war. Mehr geht nicht“, freut sich Jürgen Hagenkötter. Auch Privatleute haben die Leistungsfähigkeit des unabhängigen Privatmuseums schon für sich entdeckt. So wurde eine umfangreiche österreichische Sammlung, die den Übergang von der bespannten zur motorisierten Mobilität dokumentiert, konzeptionell relauncht.

KulturSommer 2014 in Mölln: Zur Eröffnung der Ausstellung „Ein Brief und 1000 Pferde“ holte Ann-Marie Hagenkötter die Post mit einem fast 150 Jahre alten Omnibus ab. / Foto: Albrecht

Probat: Neue Spielräume durch Eigeninitiative

„Es sind die Sonderausstellungen, die richtig Publikum ziehen“, weiß Ann-Marie Dieckmann. Deshalb renne das Zugpferdemuseum mit seinem On-Tour-Konzept meist offene Türen ein. „Allein unsere drei großen Sonderausstellungen in Dresden, Lüneburg und München haben deutlich mehr als 150.000 Gäste gesehen. Ein sehr erfreuliches Ergebnis“, befindet die junge Kuratorin. Die nicht auf Anfragen wartet, sondern ohne Scheu auch selbst die Initiative ergreift und so mitunter aus dem Zufall ein Projekt macht. So brachte ein verhunzter Urlaubstag in Mirow sie auf die Idee, über das Thema Pferd einen Ausstellungshalbkreis südlich der Müritz zu inszenieren. Das Zugpferdemuseum ging in die Offensive – und schneller als gedacht mit einer Museumstrilogie in der Mecklenburgischen Seenplatte an den Start. „Pferdewelten“ ist das Großprojekt überschrieben, bei dem gleich drei Museen besucherfreundlich kooperieren: Das Agroneum Alt Schwerin präsentiert seit 27. April „Als Pferdestärken noch starke Pferde waren“, das Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen folgt ab 21. Mai mit „Die unendliche Geschichte vom Trojanischen Pferd“ und das Drei-Königinnen-Palais Mirow zeigt ab 2. Juni „3 Königinnen. 300 Briefe. 3000 Pferde.“

Ohne notorisierte Zugmaschinen geht’s nicht: Seit 2013 geht das Museum auf Tour – hier zum Verkehrsmuseum nach Dresden. / Foto: Zugpferdemuseum Lütau e.V.

Unerlässlich: Wissen und Kreativität

Das profunde Hintergrundwissen und der mitreißende Ideenreichtum der Lütauer Museumsexperten stecken an. Wen wundert’s, dass bereits Projekte für die nächsten fünf Jahre in Planung sind? 2018 geht’s mit einer umfangreichen mehrmonatigen Ausstellung zum Freilichtmuseum Kiekeberg, etwa zeitgleich wird die Industrieausstellung „Pferde in der Montanindustrie“ unter dem Dach der UNESCO (Weltkulturerbe) zu sehen sein. „Danach begleiten wir einen überaus interessanten Herrn mit einem internationalen Projekt durch mehrere europäische Städte: Giacomo Casanova – Chevalier des Seingalt“, kündigt Ann-Marie Dieckmann an. Als Grundlage für die Lebens-Liebes-Reise des weltberühmten Venezianers dienen seine Memoiren (deren zwölf Bände von den Lütauern selbstverständlich gelesen sind), in denen der Herzensbrechter u.a. mehr als 60.000 Kilometer mit Pferd und Wagen dokumentiert hat. Noch nicht spruchreif, aber bereits in der Entwicklung ist das Thema „Tiere in der Arbeitswelt“ in Kooperation mit dem Heritage Transport Museum in Indien. Da wird es dann nicht nur um Pferde gehen, sondern auch um Elefanten, Kamele und Vögel – unter anderem.

Aufladen in Lüneburg, abladen in München: 2016 ging die eine in die nächste große Ausstellung über. / Foto: Zugpferdemuseum Lütau e.V.

Langweilig wird es den Museumsmachern also nicht, auch wenn sie vielleicht andernorts bekannter sind als im Lauenburgischen. Das Zugpferdemuseum Lütau hat sich nach 20 Jahren so positioniert, dass es (orts)unabhängig erfolgreich agieren kann. Mit seinem „Museum on Tour“ ist das Team gelegentlich sogar international unterwegs. Was belegt, dass sich der Grundsatz „Mobilität nicht nur dokumentieren, sondern auch praktizieren“ bezahlt macht. „Wir haben gemerkt, dass wir unseren Partnern einfach nur ein Stück entgegengehen müssen“, sagt Uta-Marina Hagenkötter. Das Niveau zu halten, bemerkt die Familie, sei nicht leicht. Dafür bleibe die Zukunft reizvoll und spannend …
Eva Albrecht

Kontakt:

Zugpferdemuseum Lütau e.V.
Alte Salzstraße 29
Tel. 04153 / 553 43
Mail info@zugpferdemuseum.de
www. zugpferdemuseum.de

Mai bis September geöffnet
sonntags 10 bis 17 Uhr und n.V.

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