Eine blühende Wiese

Andrea Wiese prägt die Kirchenmusik in Wohltorf seit 22 Jahren. Sie macht und vermittelt Musik aus Passion, überzeugt sowohl den Sängernachwuchs als auch das Publikum. Wer ist diese Frau, die mit zehn Jugendlichen anfing und heute mehr als 100 junge Sänger bei der Stange hält?

Wohltorf – Die Heilig-Geist-Kirche in Wohltorf ist bis auf den letzten Platz besetzt. Im Altarraum stehen auf Podesten über sechzig Sängerinnen und Sänger. Vor ihnen steht eine junge, schlanke Frau, schwarz gekleidet. Wenn sie die Arme hebt, dann will sie mit ihrem Chor den Zuhörern die Musik nahebringen. Wer Andrea Wiese bei den Auftritten mit ihren Sängerinnen und Sängern erlebt, sieht sie im Takt wippen, klatschen und mitsingen. Darüber hinaus lässt sie spüren: Sie ist Teil der anziehenden Musik.

Andrea Wiese an ihrer Hausorgel in der Wohltorfer Heilig-Geist-Kirche / Foto: Neinass

Während ihrer Schulzeit in Celle wollte Andrea Wiese Gärtnerin werden. Ihre Freude an der Gartenarbeit ist geblieben, die Freude an der Musik war dann jedoch stärker – sie entschloss sich Musikerin zu werden. Diesen Weg zu beschreiten, lag durchaus nahe: Ihr Vater war Landeskirchenmusikdirektor in Celle. So sang Andrea Wiese schon von klein an in den Chören ihres Vaters. Sie spielte als Kind Klavier und Geige, an der sie jedoch als Sechszehnjährige das Interesse verlor. „Ich habe mir von meinem Vater Noten für die Orgel geben lassen. Und als ich an dem großen Instrument saß, war mir plötzlich klar: dieses ist das richtige Instrument für mich“, erinnert sich Wiese an die Anfänge ihrer musikalischen Karriere. Sie bekam bei einem Freund ihres Vaters in Hildesheim Orgelunterricht. Um sich weiter zu qualifizieren, studierte sie ab 1989 an der Musikhochschule Lübeck zwölf Semester mit dem Abschluss als Diplom-Kirchenmusikerin. Das Studium dort war sehr breit gefächert. „Das kommt mir jetzt bei meiner Arbeit in der Kantorei sehr zugute“, sagt sie.

„Der 1. September 1995 war für die Kirchengemeinde Wohltorf ein Glückstag“, stellte seinerzeit Wohltorfs damaliger Pastor Erich Zschau fest: Einstimmig hatte der Kirchenvorstand Andrea Wiese gewählt, die mit besten Zeugnissen von der Musikhochschule Lübeck in die Gemeinde kam. Sie musste nicht bei Null beginnen. Jahrzehnte vor ihr hatte Hilde Preibisch die Kirchenmusik aufgebaut und mit ihren Nachfolgern zu einem festen Begriff gemacht.

Kooperation mit Grundschule

Als Andrea Wiese in der Wohltorfer Heilig-Geist-Kirche ihre Tätigkeit begann, gab es einen hervorragenden Erwachsenen-Chor – nur die Jugend hatte kein so großes Interesse. Von den zwanzig Jugendlichen verabschiedeten sich damals zehn. In dieser Zeit entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Kantorei und Grundschule. Die Lehrerin Antje Wahle unterrichtete in ihrer Klasse mehrere Kinder, die eine schöne Stimme hatten. Diese konnte Andrea Wiese für einen Jugendchor begeistern. Es blieb nicht dabei – inzwischen gibt es in der Wohltorfer Kantorei sieben Kinder- und Jugendchöre, in denen mehr als 100 Mädchen und Jungen singen.

Andrea Wiese gehört zu den Vorreiterinnen, die mit Jugendchören Musicals aufführen. „Molekül“ war ihr erstes Stück, welches sie selber komponiert hatte. Fast jährlich folgten neue Musicals für Kinder. Der Höhepunkt in dieser Reihe war die große Aufführung zum 700-jährigen Bestehen der Gemeinde Wohltorf im Jahr 2008. „Wir können uns vorstellen, das Stück – aktualisiert und gestrafft – im Jahr 2018 erneut  aufzuführen“, überlegt Andrea Wiese. Doch zunächst geht es mit dem Musical „Israel in Ägypten“ am 23.und 24. Juni auf die „Bühne“. Vor jeder Aufführung steht eine Menge Einsatz. „Es ist ja nicht so, dass ich mich nur um den musikalischen Teil der Musicals kümmere. Meistens basteln wir gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern und den Eltern die Kostüme und Kulissen. Diese Zusammenarbeit lässt uns zu einer engen Gemeinschaft wachsen“, freut sich Andrea Wiese. Beim Bau der Kulissen kann sie dann ihre handwerklichen Fähigkeiten so richtig ausspielen – neben Musik und Garten gehören handwerkliche Arbeiten zu den Lieblingsbeschäftigungen der Musikerin.

Kirchenmusik lebendig machen

Fest zugesagt hat die Kantorei, beim großen Sommerfest am Tonteich zu singen. Wie im vorigen Jahr ist am 8. Juli Vollmond, der auf einen lauen Sommerabend hoffen lässt. Eingeleitet wird der Abend durch Gospels. Im zweiten Teil werden „Ohrwürmer“ und klassische Popmusik gesungen. „Hier können wir dann mal zeigen, wie vielseitig unser Repertoire ist“, so die Kirchenmusikerin.

Musicals und Open-Air-Konzerte mit geistlichem Inhalt (Gospel) wie am Tonteich machen nicht nur sehr viel Spaß, sie gehören auch zu einer lebendigen Kirchenmusik. Wiese ist es offensichtlich gelungen, die Fußspuren ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger auszufüllen. Auch große und komplizierte Werke wurden in der Heilig-Geist-Kirche schon aufgeführt, wie zum Beispiel die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein und die „Messe für Chor und zehn Bläser“ von Igor Strawinsky.

Es gibt für die Chöre nur ein Problem: Die Kirche ist zu klein geworden. „Im Altarraum wird es bei Chören mit siebzig Sängerinnen und Sängern eng. Hinzu kommen vielfach noch Solisten. Aber damit haben wir uns abzufinden“, sagt die Kirchenmusikerin und ist stolz auf die Aussage einer renommierten Musikerin, die der Kirche eine „wohlklingende Akustik“ bestätigt. Den Mangel an Platz gleicht Wiese aus durch Konzerte außerhalb Wohltorfs – da darf es sogar einmal ins Ausland gehen. Das Konzert in der niederländischen Verschwisterungsgemeinde Sleen mit zwei holländischen Chören im Jahr 2015 wurde ein großer Erfolg. Mit „Standing Ovations“ wurde den Wohltorfer Chören gedankt.

Unterstützung durch die Gemeinde

Wirtschaftlich muss die Kantorei sehr restriktiv sein. Ihr steht aus Kirchensteuermitteln auf der Grundlage der Anzahl der Gemeindemitglieder jährlich ein Betrag zur Verfügung. Aus dieser Summe müssen alle Ausgaben gedeckt werden – angefangen bei den Noten bis hin zur Büroklammer. „Durch Sparsamkeit, Eintrittsgelder und Spenden versuchen wir, hier auch größere Konzerte mit auswärtigen Solisten und Musikern zu veranstalten. Und da bin ich immer wieder angetan von der enormen Spendenbereitschaft der Wohltorfer“, freut sich die Kantorin.

Als Andrea Wiese 1995 nach Wohltorf kam, hatte sie, wie sie heute zugibt, ein „mulmiges Gefühl“, als Neuling eine so große Aufgabe zu übernehmen. Diese Vorbehalte waren nach kurzer Zeit verschwunden. „Ich wurde voll in die Kirchengemeinde aufgenommen.“ Heute, nach 22 Jahren als Kirchenmusikerin, schwärmt sie von den Wohltorfern. Und umgekehrt sind die Wohltorfer von ihrer Kantorin begeistert. Da wird sie wohl auch für die um 2019 bevorstehende Generalreinigung der Kirchenorgel auf Unterstützung zählen dürfen.

Lothar Neinass  

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