Sie reizen Gedanken und Emotionen

Eigenwillig, provokant, selbstbewusst: Die fünf neuen Stipendiaten im Künstlerhaus Lauenburg wollen etwas anstoßen, stellen mit ihrer Kunst unsere Normen in Frage. Ihre Erstpräsentation lässt da einiges erahnen …

Die 31. Stipendiatengeneration ist in Künstlerhaus Lauenburg eingezogen. / Foto: Albrecht

Lauenburg – Haus, Stadt und Land hießen bei der Erstpräsentation die von Mai bis Oktober in der Stadt weilenden bildenden Künstler Dagmar Weiss, Anja Gerecke und Daniil Galkin, den Schriftsteller Valentin Moritz und den Komponisten Thierrry Tidrow als Stipendiaten willkommen. Angelika Fobian vom Künstlerhausverein wünschte ihnen, sie mögen „menschlich und künstlerisch im Fluss bleiben“. Andrea Kühnast vom Kulturministerium in Kiel verwies auf die nachhaltige Unterstützung des Landes für das Künstlerhaus und lobte die Internationalität und Qualität der 31. Stipendiatengeneration. Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede gab den Kreativen zu wissen, „wir sind sehr stolz auf das, was hier passiert“. Wirklich neu waren wie in jedem Jahr die Arbeiten der Hausgäste. Diese haben offenkundig eigene Standpunkte und fordern damit auf jeweils eigenwillige Weise auch die Betrachter und Zuhörer heraus.

Die pfiffige Dagmar Weiss kommt aus Berlin / Foto: Albrecht

Labile Gleichgewichte
Dagmar Weiss etwa zeigt unter anderem zwei Videoarbeiten, die sie einander gegenüber an die Wände projiziert. Im einen Film versucht eine junge Frau in hochhackigen Pumps den Ausdauerrekord im Stehen auf einer Hacke und einer Spitze zu brechen. Im anderen windet sich ein junger Mann im Businessanzug kraftvoll-gelenkig um die Querachse eines Konferenztischs, ohne den Boden zu berühren. Leicht absurd, solcher Ehrgeiz – und doch irgendwie typisch für die Zwänge der heutigen Arbeitswelt mit ihren aufgedrängten Normen. „Personal Training I und II“ nennt Weiss die beiden Videos, die mentale Zustände zeigen und zu ihrem Projekt über die Tendenz zur Selbstoptimierung gehören. Sie hinterfragt damit vorgegebene Strukturen und Kriterien genauso wie Erwartungen und Entscheidungen, schickt sie in eine Bruchstelle. An diesem Projekt will Weiss (38) in Lauenburg weiterarbeiten.

Anja Gerecke lebt auch in Berlin, verquickt Architektur und Malerei / Foto: Albrecht

Dreiste Flächen
Zunächst ganz unauffällig kommt Anja Gerecke daher, von der im Innenraum vier kleine Leinwände hängen als Träger von Acrylfarbe und Sand. Sie erinnern in ihrer naturfarbenen Fläche an den Putz von Häusern und changieren mit dem Licht ihren Farbton. Den visuellen Vorschlaghammer dazu schwingt Gerecke auf der Elbterrasse. Dort hat sie zwischen die alt-ehrwürdigen roten Klinker drei riesige Farbfelder gesetzt. Ihre malerischen Eingriffe, die Risse und Fehlstellen deutlich zu Tage treten lassen, ziehen ihre Tönung aus der Umgebung und verschieben sie auf schräge Weise in heutige Farbtrends, Freches Pink piekst das Backsteinrot, verwittertes Khaki-Braun nimmt trübe Elbe und verwittertes Holz in den Arm, knalliges Blau saugt an Himmel und Licht. Scheu vor Grenzen scheint Gerecke (40) nicht zu kennen. Eine Arbeit wie diese an einem historischen Gebäude in der Stadt zu vollenden, damit eine Verbindung von Malerei und Architektur herzustellen, wäre der Traum der Künstlerin. Man darf gespannt sein, wer sich darauf einlässt.

Daniil Galkin aus der Ukraine lehrt uns das Fürchten …/ Foto: Albrecht

Kleine Ungeheuer
Am meisten gefordert ist der Besucher von den Arbeiten des ukrainischen Künstlers Daniil Galkin (32), der in gefälligen Rahmen Ungeheures präsentiert. Transformationen nennt er seine Arbeiten, in denen er etwa Krähenfußpaare zu gefälligen Broschen drapiert – eine Anspielung auf die Ambivalenz staatlicher oder gesellschaftlicher Symbole. Noch viel drastischer wird es im Keller des Künstlerhauses, wo Galkin mit einem Schwung Ratten zugange war. Eine Lichtbox im Boden zeigt eine Formation mehrerer Nager, die an den Schwänzen miteinander verknotet bzw. verklebt sind – Rattenkönig wird dieses Phänomen wohl genannt, bei dem die anderen Tiere der Rotte den exklusiven Zirkel mitversorgen. „Selective Breeding“ nennt Daniil Galkin das Objekt, will damit auch selektive Zuchtverfahren anprangern. Alle diese Teile gehören zu seinem Langzeitprojekt „The Lower State“, in dem Galkin existierende gesellschaftspolitische Zustände, Meinungen, gängige Werte und Normen hinterfragt. In Lauenburg wolle er mit dem Fluss arbeiten, kündigte der Ukrainer an. Nicht, dass das irgendwie beruhigen würde … bei ihm ist mit allem zu rechnen.

Literat Valentin Moritz aus der Hauptstadt kann’s leicht und heavy / Foto: Albrecht

Höllchen und ein Karamellbonbon
Ruhig im Duktus nahm Schriftsteller Valentin Moritz (30) die Zuhörer bei der Vernissage mit in seine 2014 entstandene Geschichte „Infiernillo“ .(kleine Hölle). Darin widerfährt dem Protagonisten als Besucher einer Mine in den bolivischen Anden ein existenzielles Erlebnis – eine Gefühlslage, die ohne Abenteuerlust, Gruppenzwang und die Scheu davor, Ängste zuzugeben, kaum möglich gewesen wäre. Stets vor Augen haben die Besucher einen weiteren Text des Literaten, in dem er – diesmal ganz leicht – das kurze Leben eines Karamellbonbons auf der Zunge zergehen lässt. Während seiner Lauenburger Zeit plant Moritz an seinem Debutroman weiter zu arbeiten. Relativ wirklichkeitsnah solle die Dystopie werden, sagt er – noch nicht alle ist festgelegt. Es sei nicht so leicht, „die Stimme zu suchen, die das erzählen soll“.

Komponist Thierry Tidrow stammt aus Ottawa und lebt seit 2013 in Köln / Foto: Albrecht

Ein Tanz mit Gesang und Sprache
Gut bei Stimme ist auch der diesjährige Komponist in Lauenburg, der perfekt Deutsch sprechende Frankokanadier Thierry Tidrow (30). Er wird bis in der Ausstellung nur über Kopfhörer zu empfangen sein: „It had something to do with the telling of time …” heißt sein 2010 geschaffenes Werk, das zwischen Stimme und Ensemble spielt, sich zwischen massiver Tondichte und fast Nichts bewegt. Arbeiten will er „hier, im Land und Kontinent der Neuen Musik“ an einer Komposition, in der erstmals seine eigene Stimme im Mittelpunkt steht. Von deren Ausdrucksmöglichkeiten und Reichweite ließ der ausgebildete Countertenor bei der Vernissage schon mal kosten. Irrwitzig sein Sprechgesang, das Tempo, der stets überraschende Wechsel vom Monolog zur Arie und wieder zurück. Drei nur für Stimme adaptierten Szenen aus seiner 2017 in Berlin uraufgeführten Oper „My Corporate Identity“ performte der Musiker – auch er legte in dem Pas de deux von Gesang und Sprache allerlei Oberflächlich- und Sinnlosigkeiten von stylishen Parallelwelten offen, von Erwartungshaltungen der Gesellschaft und den Überlebensstrategien des Individuums, die eigene Persönlichkeit im „Corporate“ nicht zu verlieren.

Das nächste, was von Tidrow zu hören sein wird, dürfte ein Stück für Stimme und Klarinette im KulturSommer sein (22. Juli, 19 Uhr). Partnerin ist dabei die Klarinettistin Heather Roche vom Kölner Kammerensemble „hand werk“, die bei trockenem Wetter mit Thierry Tidrow in der Palmschleuse auftritt.

Eva Albrecht

KulturportalStiftung Hzgt. LauenburgKulturSommerKontaktImpressum