Auf flinken Füßen

Herr Müller ist pünktlich. Und er hat einiges vor. Schnell das Fahrrad abgeschlossen und schon ist er in seinem Element. Oder besser formuliert: Schon ist er am Dom.

Der 63-Jährige kennt das Bauwerk wie kein Zweiter. Er weiß um die Fakten – um die großen und auch um die kleinen Dinge. Er hat sogar ein Buch geschrieben über den Ratzeburger Dom. Rund 500 Fotos hat er dafür gesammelt. Ach ja – und das Buch hat er dann fast noch im Alleingang finanziert. Rund 33.000 Euro musste er dafür aufbringen. Lediglich einen kleinen Zuschuss gab es – der kam vom „Verein der Freunde des Ratzeburger Doms“.

Doch zurück zu Herrn Müller. „Heinrich der Löwe hat für sein Seelenheil vier große Kirchbauten bezuschusst“, sagt er. „In Schwerin, Lübeck, Braunschweig und – Ratzeburg.“ Wenn er wollte, könnte er aus dem Stegreif wohl auch noch die eine oder andere Geschichte über den großen Welfen und Zeitgenossen Friedrich Barbarossas erzählen.  Aber hier geht es nun mal um den Dom und der hat Geschichten genug zu bieten. Das Bauwerk ist ein Hort von Geschichten.

Das fängt schon mit seinem Standort an. Wie sagt man noch, wenn etwas auf Fehlplanungen beruht und nicht sicher ist? Auf Sand gebaut. Der Dom ist auf Sand gebaut. Herr Müller sagt: „Der Untergrund hier taugt nichts.“ Dies sei ein Erbe der Eiszeit. Die Leute, die das Material zugebracht haben, haben das schnell gemerkt. Deshalb hat der Dom heute nur einen Turm. Geplant waren eigentlich zwei. Herr Müller deutet auf das Haus, das links vom Eingang am Fuße des Hügels liegt. „Dieses Gebäude dient der Statik“, erzählt er. Eine Lösung ist das allerdings nicht. „Der Dom rutscht vom Tor aus links ab. Der Untergrund bleibt tendenziell ein Problem.“

Ein schlechter Untergrund ist schon mal eine ziemliche Hypothek für ein geplantes Bauwerk. Geradezu aussichtslos wird die Lage, wenn es kein Baumaterial gibt. Europas große Gotteshäuser wurden mit Felsgestein erbaut. In Ratzeburg gab es aber keine Felsen.

Die Lösung, derer sich die Bauleute schließlich bedienten, war damals noch ungewöhnlich. Sie formten aus feuchter Tonerde Ziegel und brannten diese. Heraus kamen rote Steine. Jeder für sich ein Unikat.

Die alten Ziegel lassen sich mühelos von jüngeren Exemplaren unterscheiden. Herr Müller deutet auf eine Fläche rechts vom Eingangstor. „Dort haben sie im 19. Jahrhundert einen zweiten Eingang für die Feuerspritze geschaffen, der heute wieder zugemauert ist.“ Die Steine, die dafür verwendet wurden, sind maschinell gefertigt. Alle gleich.

Zum Glück gibt es nicht allzu viel Flickwerk an dem Gebäude. Es wäre ein Graus für Herrn Müller, für den die alten Steine zu einem großen Teil die Seele des Gebäudes ausmachen.

Wir lassen das Eingangstor links liegen, passieren den Turm und marschieren längsseits weiter. Herr Müller drahtigen Schrittes vorneweg. Er erzählt von dem Feuer, das den Dom im 19. Jahrhundert heimsuchte. Der Dachstuhl sei damals komplett zerstört worden, sagt er. Er erzählt von dem Provisorium, das nicht funktionierte, weshalb der Dom einen Winter ohne Dach überstehen musste.

Herr Müller gibt mehr Antworten, als man jemals Fragen hätte. Zwischendurch dreht er den Spieß auch mal um: „Wissen Sie, warum…?“ beginnt er seine Fragen an mich, auf die ich bisweilen auch eine Antwort parat habe, die sich in der Regel allerdings als vollkommen falsch erweist.

Je länger wir unterwegs sind, desto mehr begreife ich, dass er – abseits seines Faktenwissens – eine ganz persönliche Beziehung zum Dom aufgebaut hat. Er ist begeistert von diesem Gotteshaus – und diese Begeisterung bricht sich – je länger wir unterwegs sind – mehr und mehr Bahn. All die Dinge, die er über das Bauwerk weiß, drängen an die Oberfläche, wollen gesagt und erklärt sein. Ein Strom an Informationen, dem ich an ein, zwei Stellen nur mit Mühe folgen kann, weil es eng, krumm und schief wird und ich mich auf den Weg konzentrieren muss, während Herr Müller scheinbar mühelos über die Steine fliegt. Außerdem muss ich mir Notizen machen. Der Blick auf den Chor ist zum Glück wieder frei, schreibe ich. Weil die Sarkophage, die die Sicht versperrten, weg sind. Überhaupt hat der Dom vieles von seiner Ursprünglichkeit zurückerhalten. Die Restauratoren haben in den 60er und 70er Jahren einen guten Job gemacht.

Herr Müller schlägt auf einen mächtigen, tragenden Balken. Wir haben den Chor schon wieder verlassen. Sind über einen kleinen Seiteneingang auf den Weg in den Turm. Ach so – der Balken. Sehr solides, sehr altes Holz – so alt wie der Dom. Ich soll aufpassen. Der felsige Untergrund ist uneben. Nur kein Fehltritt! Er hat recht. Es ist wirklich nicht ganz ohne hier zwischen dem Gebälk. Zumindest für mich. Herr Müller blinzelt nicht einmal. Schon ist er am Turmfenster. Zwei, drei Handgriffe und das Tageslicht bricht herein. Zu unseren Füßen breitet sich der Ratzeburger See aus. Die nächste Offenbarung.

Das Buch „Ratzeburger Dom: Fotografische Facetten“ von Horst Otto Müller gibt es beim Verleger – der Buchhandlung Harald Weber (Ratzeburg/Mölln), die es auf Wunsch auch bundesweit verschickt (https://weber-buch.buchhandlung.de/shop). Die gebundene Ausgabe hat 251 Seiten (ISBN-10: 3000541020 und. ISBN-13: 978-3000541025G). (kp/Foto: kulturportal-herzogtum.de)

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