Thimo Neumann gibt den Ton an

Seit Anfang Juni ist Thimo Neumann der Mann, der in der Kirchengemeinde St. Nicolai den Ton angibt. Sechs Chöre leitet der Kirchenmusiker – zwei Kindergruppen, einen Gospelchor, die Schola, die Kantorei und ein Ensemble, das sich der Gregorianik verschrieben hat. Und er ist der Mann an der Orgel.

Zuvor ging er in Wohldorf, einer Gemeinde in Hamburg-Ohlstedt, seinem Beruf nach. Mölln kannte er bis dato nur vom Namen. Die neue Arbeitsstelle war für ihn somit ein Sprung ins Ungewisse. Bereut hat er ihn nicht. Längst hat er herausgefunden, dass es sich mit seinen Chören gut arbeiten lässt, dass er in Mölln etwas bewegen kann. „Alle Chöre haben eine Perspektive“, sagt er.

Die Melodie des Zufalls, der er sich mit seinem Dienstantritt unterworfen hat, entpuppt sich somit in der Praxis als eine stimmige Komposition. Das gilt nicht nur für die Chöre. Auch sonst fühlt er sich in seiner neuen Gemeinde gut aufgehoben. „Hier herrscht eine offene und nette Atmosphäre. Die Menschen sind sehr kommunikativ“, meint Neumann. Die Zusammenarbeit klappe gut – ob mit den Sängerinnen und Sängern, den fünf Pastoren oder den Kollegen im Kirchenbüro.

Kummer bereitet dem 30-Jährigen allein der Zustand der historischen Orgel in der St. Nicolai-Kirche. Das Instrument, das im frühen 15. Jahrhundert erbaut wurde, leidet an Altersschwäche. „Die Pfeifen sind bröckelig“, sagt Neumann. Die Technik falle zusehends aus. Immerhin – so viel steht fest, die Restaurierung des Kulturdenkmals ist lediglich eine Frage der Zeit. Der Orgelbauverein habe bereits 1 Million Euro an Spenden gesammelt. Um das Vorhaben in die Tat umzusetzen, brauche es allerdings 1,7 Millionen Euro.

Die Altersschwäche der Orgel hat Neumann allerdings davon abgehalten, sich in die musikalische Arbeit zu stürzen. Für Weihnachten arbeitet er mit jedem seiner sechs Chöre an einem großen Auftritt. Die Kantorei etwa wird die Mendelssohnsche Reformationssymphonie, romantische Werke von Schubert und das Weihnachtsoratorium singen, und der Gospelchor widmet sich einem Mix aus Filmmusik, Popsongs und geistigen Liedern.

Damit die Ensembles zu Klangkörpern verschmelzen und die Auftritte zu Erfolgen werden können, wird kräftig geübt. All das kostet natürlich Zeit. Neumann muss jetzt in einem anderen Rhythmus musizieren als zu Hamburger Zeiten, als er den Taktstock noch in Teilzeit schwang. In Mölln umfasst seine Klaviatur offiziell 40 Stunden und jetzt – während seiner Einarbeitungszeit – sogar noch „wesentlich mehr“. Allein achteinhalb Stunden pro Woche probt Neumann mit den Chören. Hinzu kommt die Vorbereitung der Übungsstunden, seine Auftritte in den Gottesdiensten und, und, und.

Doch Neumann lässt keinen Zweifel, dass er diese Anstrengungen gesucht hat. Er macht jetzt das, was er schon immer machen wollte. Bereits als Jugendlicher habe er mit Begeisterung Kirchenorgel gespielt – wie auch seine beiden Brüder. Wenn bei einem Pastor einer umliegenden Kirchengemeinde ein Organist ausgefallen sei, erinnert er sich, habe bei den Neumanns das Telefon geklingelt. Der Schritt zum Kirchenmusikstudium sei von da nicht wirklich weit gewesen. Neumann wählte die Orgel als Hauptfach. Sein Zweitfach war das Dirigieren – auch das keine Überraschung in der Rückschau. Schließlich war seine Mutter Chorleiterin.

In Mölln ist Neumann nun am Ziel angelangt. Er räumt aber ein, dass es keineswegs sicher war, dass er es jemals erreichen würde. „In Deutschland gibt es nur 250 solcher Stellen, wie ich sie hier habe. Darauf kommen 350 Studenten.“

Der junge Kirchenmusiker hat also gleich in mehrerlei Hinsicht das große Los gezogen: jobtechnisch, musikalisch, menschlich und gemeindlich. Allerdings bleibt selbst (s)ein Traumberuf nicht ganz ohne Misstöne. „Es gibt schon mal Streit“, sagt er. Auf der jüngsten Chorfreizeit beispielsweise waren Sänger und Chorleiter sich uneins, wie viel Zeit in die eigentliche Chorarbeit gesteckt werden soll. Auch in diesem Fall gab Neumann den Takt vor. Am Ende mussten die Sänger länger üben, als sie gedacht hatten. (kp/Foto: kulturportal-herzogtum.de)

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