„Niemand baut einfach Bethlehem nach“

Stundenlang hat Lothar Obst am Aufbau der Krippen gearbeitet. Einzeln hat er die Figuren mit den Händen gewogen, um nach kurzem Sinnieren den passenden Platz für sie zu finden. Das Ergebnis dieses Prozesses kann seit kurzem in der Ausstellung „… und legte ihn in eine Krippe“ im Möllner Stadthauptmannshof besichtigt werden.

Der 61-jährige Obst, der aus einem katholischen Elternhaus kommt, leitete 19 Jahre lang als kaufmännischer Direktor das katholische Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift. Im Juli 2016 wurde er offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Seitdem hat der Möllner mehr Zeit für seine Hobbys. Davon profitiert nun in den nächsten Wochen die gesamte Region. Die von ihm zusammengetragenen 70 Krippen sind bis zum 28. Dezember im Stadthauptmannshof zu sehen. Darüber hinaus hält er acht Vorträge rund um das Thema Weihnachten (Siehe Bericht unter www.kulturportal-herzogtum.de/2017/12/01/weihnachtliche-weis-und-wahrheiten). Das Kulturportal sprach mit Obst über das Fest der Feste, Kindheitserinnerungen und seine Vorliebe für Krippen.

Kulturportal: Weihnachten ist ja gerade für die Kinder besonders aufregend. Erinnern Sie sich noch daran wie in der Familie des kleinen Lothar das Fest der Feste gefeiert wurde?

Lothar Obst: Und ob. Meine drei Geschwister und ich mussten uns Heiligabend immer in der Küche aufhalten. Mein Vater schloss die Wohnzimmertür ab und schmückte den Baum. Die Geschenke brachte dann das Christkind. Es kam ungesehen und verschwand ungesehen. Das war natürlich sehr geheimnisvoll. Vor der Bescherung wurde in der Küche gegessen. Mutter machte eine Brühe als Vorsuppe mit geröstetem Brot, Petersilie und kleingeschnittener Niere. Als Hauptgang gab es bei uns immer aus Bratwurst mit Sauerkraut.

KP: Kein Braten, keine Ente? Das ist aber ungewöhnlich.

Obst: Das waren die schlesischen Einflüsse in der Familie. Mein Vater stammte aus Königshütte, meine Mutter aus Oppeln. Am Kriegsende waren beide nach Niedersachsen geflüchtet.

KP: Was geschah nach dem Essen?

Obst: Mein Vater legte auf dem Plattenspieler „Ihr Kinderlein kommet“ auf. Dann öffnete er die Wohnzimmertür. Meine Eltern setzten sich aufs Sofa und mein älterer Bruder, meine Schwester und ich führten ein Krippenspiel auf. Ich spielte immer den Josef. Als Jüngster der drei hatte ich die Rolle, in der nicht viel passierte. Ich stand quasi die ganze Zeit nur daneben.

KP: Es gab also ein Krippenspiel im Hause Obst. Gab es auch eine Krippe?

Obst: Ja. Mein Vater hatte sie aus Hartkarton gebaut. Die Figuren bestanden aus einem Material, das leider nicht so widerständig war. Da fielen regelmäßig Köpfe ab, die dann wieder angeklebt werden mussten. Auch der Baumschmuck war selbstgemacht. Den hatte Vater mit der Schere ausgeschnitten und mit Gold- und Siebenpapier umwickelt.

KP: Hatten Sie als kleiner Junge schon ein besonderes Interesse an Krippen?

Obst: An der Krippe an und für sich schon. Allerdings habe ich mir damals noch keine Gedanken über unterschiedliche Krippen gemacht. Damit konfrontiert worden bin ich erst über die Bamberger Krippenfreunde.

KP: Wie kam es zu diesem Kontakt?

Obst: Mein Bruder studierte Anfang der 80er Jahre in Würzburg Medizin. 1982 sah er dort eine Ausstellung, die die Bamberger Krippenfreunde organisiert hatten. Er erzählte mir davon und meinte, dass das doch auch etwas für den Norden wäre…

KP: Konnte er Sie begeistern?

Obst: Zunächst einmal muss ich sagen, dass die Weihnachtskrippe, so wie ich sie kennengelernt hatte, ein bayerischer Stall war. Das war das, was man landläufig darunter verstand. Dank der Bamberger Krippenfreunde weitete ich den Blick und entdeckte die Internationalität. Ich sah plötzlich, wie andere Kulturen sich Weihnachten vorstellen. Das faszinierte mich. Und um Ihre Frage zu beantworten: Tatsächlich habe ich 1984 zusammen mit den Bamberger Krippenfreunden in Mölln eine Ausstellung organisiert.

KP: Wie kann ich mir das vorstellen? Haben Sie die Telefonnummer des Vereins ausfindig gemacht und auf gut Glück angerufen?

Obst: Genau. Die Bamberger Krippenfreunde standen der Idee von Anfang an aufgeschlossen gegenüber. Für den Aufbau der Ausstellung im Möllner Rathaus, der vier Tage dauerte, waren vier Ehepaare angereist.

KP: Das klingt nach einem großen Aufwand…

Obst: Das kann man wohl so sagen. Deshalb war das Vorhaben auch durchaus umstritten. Einigen war der Aufwand zu groß. Man fürchtete ein finanzielles Fiasko. Schließlich mussten die Krippen für die Ausstellung von einer Spedition nach Mölln transportiert werden. Hinzu kam die Präsentation: Die Beleuchtung, die großen Aufbauten, die zum Teil bis zu vier Meter hoch waren und sich damit auf Höhe des großen Radleuchters befanden, der damals im Ratssaal hing.

KP: Und lohnte sich der Aufwand? Oder behielten die Kritiker am Ende recht?

Obst: Die Ausstellung schoss ab wie eine Rakete. Wir hatten 16.500 zahlende Besucher. Damit hatten selbst wir nicht gerechnet. Die Medien gaben sich die Klinke in die Hand. Sogar ein ZDF-Team kam vorbei, um für die 19 Uhr-Nachrichten am Sonnabend einen Beitrag zu drehen.

KP: 2017 steht nun eine weitere Krippenausstellung in Mölln an. Ab Sonntag sind im Stadthauptmannshof 70 verschiedene Darstellungen der Geburt Christi zu sehen. Eine Spedition brauchte es dafür aber nicht…

Obst: Nein, die Exponate habe ich in den vergangenen Jahren gesammelt. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt – aus Italien und Polen, aus Tansania, aus Palästina, aus Tirol, aus Mittel- und Südamerika…

KP: Inwiefern unterscheiden sie sich?

Obst: Zunächst einmal vom Material. In Deutschland ist das typische Holz die Linde. Weil es sehr weich ist, lassen sich damit auch Details herausarbeiten. Die Neapolitaner arbeiten mit Terracotta und bekleiden ihre Figuren mit Brokatstoffen. Die Afrikaner nehmen Speckstein oder Ebenholz. Die Südamerikaner verwenden sehr häufig Ton.

KP: Worin unterscheiden sich die Krippen noch?

Obst: Niemand baut einfach Betlehem nach. Jeder macht das nach seiner eigenen Vorstellung und lässt sich dabei von seinem kulturellen Hintergrund leiten. In Tansania wird der König auf einen Thron gesetzt. Die Menschen dort machen damit deutlich, um was für ein außergewöhnliches Ereignis es geht. Die Indianer schmücken den König mit Häuptlingsfedern. Auch der natürliche Lebensraum, in dem sich die Menschen bewegen, spiegelt sich in den Darstellungen wieder. So finden sich bei den Afrikanern beispielsweise Wasserbüffel, Ziegen und Antilopen.

KP: Abseits dieser objektiven Kriterien – was bedeutet Ihnen die Krippe persönlich?

Obst: Dazu möchte ich vorwegsagen, dass ich praktizierender Christ bin. Die Krippe gab und gibt mir immer Gelegenheit zur persönlichen Begegnung mit Gott. Viele erleben Gott im Gebet, andere wenn sie im Chor singen. Ich empfinde das beim Krippenaufbau so. Dann bin ich mit Gott ganz allein.

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