„Die Resonanz an Weihnachten motiviert“

Im Organistenhaus gibt es am Montagmorgen frischen Kaffee. Gastgeber Christian Skobowsky hat ihn gekocht. Der gebürtige Potsdamer ist seit mehr als zehn Jahren Kantor der Ratzeburger Domgemeinde. Mit im Büro des Musikers sitzt sein Kollege Thimo Neumann, der dieses Amt seit Juni für die Möllner St. Nicolai-Gemeinde ausübt. Der alte Hase und der Neuling – beide lieben ihren Beruf und freuen sich auf die Weihnachtszeit, wie sich im Interview mit dem Kulturportal herausstellt. Allerdings, räumt Skobowsky ein, hätte er angesichts des zeitlichen Organisierungsaufwands gerne etwas mehr Zeit für die eigentliche Musik.

Kulturportal: Herr Skobowsky, Herr Neumann – was verbinden Sie mit Weihnachten? Lust oder Last?

Christian Skobowsky: Also, wenn Sie darauf hinauswollen, dass man in der Adventszeit mehr zu tun hat, muss ich das verneinen. Als Domkantor hat man immer viel zu tun. Um auf Ihre Frage einzugehen: Bei mir überwiegt die Lust. Weihnachten ist die Resonanz auf die Arbeit am Größten. Das motiviert mich.

Thimo Neumann: Für mich ist es das erste Weihnachten in der St. Nikolai-Gemeinde und somit alles neu. Ich freue mich auf die Zeit. Ich bin gespannt, wie die Chöre mitziehen.

KP: Wie steht es mit der Musikauswahl? Können Sie frei darüber entscheiden?

Skobowsky: Für mich ist es mittlerweile das 11. Weihnachtsfest mit der Dom-Gemeinde und ich kann die Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten. Ich habe beispielsweise Orgelmusik von Olivier Messiaen mit ins Weihnachtsprogramm genommen. Damit macht man sich nicht bei allen beliebt. Aber unser Auftrag ist es, das breite Spektrum der Weihnachtsmusik abzubilden.

Neumann: Wenn ich an Weihnachten Passionsmusik zur Aufführung bringen würde, wäre das natürlich schlecht. Aber solange die Musik in den Rahmen passt, bin auch ich frei bei der Auswahl.

Skobowsky: Mir liegen beispielsweise die Adventslieder am Herzen. Deshalb versuche ich zwischen Weihnachts- und Adventsaufführungen zu differenzieren, was sich nicht immer so leicht umsetzen lässt. So führen wir am 16. und 17. Dezember das komplette Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach auf. Streng genommen dürfte es nicht vor dem 25. Dezember erklingen.

Neumann: Wir präsentieren am 9. Dezember unter anderem die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums. Am dritten Advent steht dann das traditionelle Adventssingen auf dem Programm. Das ist ein richtiges Familienevent.

Skobowsky: Ich bewege mich natürlich vor allem in Genres, die mir gefallen und die ich beherrsche. Ich bin musikalisch in dem zu Hause, was heute als „klassisch“ bezeichnet wird.

KP: Beziehen Sie die Chöre bei der Programmgestaltung mit ein?

Skobowsky: Ich entwickle Ideen und stelle sie dann vor. Meistens werden sie für gut befunden. Dabei gehe ich auch ergebnisoffen an eine Sache heran und reagiere auf die Stimmung. So habe ich beispielsweise mal vorgefühlt, ob das Weihnachtsoratorium von Bach unbedingt jedes Jahr aufgeführt werden muss. Nein, hat mir der Domchor signalisiert. Das gibt mir natürlich mehr Spielraum für andere Werke.

Neumann: Für mein erstes Weihnachten in der St. Nicolai-Gemeinde habe ich mir zunächst einmal angesehen, was für ein Liederrepertoire die Chöre haben und dann für Weihnachten alles ins Blaue geplant. Das ist natürlich risikobehaftet, aber ich hoffe, dass es gutgeht.

Skobowsky: Wir arbeiten mit Laienchören. Das sollte man nie vergessen. Die Vorstellungen, welche ich und die Sänger haben, können sehr unterschiedlich sein. Deshalb sollte man immer behutsam an die Sache herangehen.

Neumann: Aber man muss schon auch an die Grenzen gehen. Chöre brauchen die Herausforderung, um über sich hinauswachsen zu können. Wenn sie nur noch leichte Sachen machen, schwindet die Motivation.

Kulturportal: Und was passiert, wenn die Herausforderung zu groß ist?

Skobowsky: Dann gibt es schon mal jemanden, der frustriert ist. Solche Reaktionen sind allerdings die Ausnahme. Im Übrigen gilt für das Gelingen eine klare Regel: Geplante Aufführungen dürfen niemals gegen den Chor gehen.

Neumann: Wenn man immer gegen den Strich bürstet, bildet sich keine Gemeinschaft.

Kulturportal: Sie haben vorhin betont, dass Sie es mit Laienchören zu tun haben. Andererseits staunt das Publikum, was für anspruchsvolle Werke diese Laien auf die Bühne bringen…

Skobowsky: Das ist wirklich erstaunlich. Zumal viele keine Noten vom Blatt lesen können. Trotzdem sind sie in der Lage, ein kompliziertes Werk zu singen.

Kulturportal: Was Zeit und Mühe kostet…

Neumann: Viele fahren direkt von der Arbeit zur Chorprobe.

Skobowsky: Man muss das unterstreichen. Die Leute machen das freiwillig und opfern ihre Freizeit.

Kulturportal: Wie lange dauert es eigentlich, bis beispielsweise so ein komplexes Werk wie das Weihnachtsoratorium sitzt?

Neumann: Wir haben direkt nach den Sommerferien angefangen, das Weihnachtsrepertoire – also auch die erste Kantate des Oratoriums – einzuüben.

Kulturportal: Wie oft proben die Chöre?

Skobowsky: Unsere Chöre treffen sich einmal wöchentlich für zwei Übungsstunden. Manchmal kommen noch Probentage oder ein Chorwochenende hinzu.

Kulturportal: Für das Bach-Oratorium brauchen Sie zusätzlich Instrumentalisten und Gesangssolisten.

Skobowsky: Gut, dass Sie das ansprechen. Zu so einem Auftritt gehört noch weit mehr als die Chorproben. Die Planungen beginnen deshalb anderthalb bis zwei Jahre vorher. Allein die Auswahl der Gesangssolisten nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich wähle immer erst einen Sänger aus und schreibe ihn an. Wenn ich von diesem Kandidaten eine Zusage erhalte, suche ich die anderen aus. Beim Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach sind es vier Solisten – die vier müssen zueinander passen!

Neumann: Ich habe mir eine Liste mit Solisten angelegt, auf die ich zurückgreife. Da stehen Leute drauf, die man schon mal in einem Konzert gehört hat. Welche Sänger man dann auswählt, kommt immer auch auf das Stück an – ob es sich beispielsweise um eine Komposition aus dem Barock oder der Romantik handelt.

Kulturportal: Das klingt anstrengend. Und wie gehen Sie bei der Auswahl der Instrumentalisten vor.

Skobowsky: Das ist etwas einfacher. Da bucht man ein festes Ensemble und legt fest, welche Besetzung man haben will.

Kulturportal: Das Weihnachtsoratorium ist für Sie beide kein musikalisches Neuland. Empfinden Sie das als Vorteil?

Skobowsky: Nein. Wiederaufnahmen sind nicht unbedingt leichter. Schließlich entwickelt man sich musikalisch weiter. Richtig schwierig kann es werden, wenn der Chor die Vorstellungen des Vorgängers noch im Ohr hat.

Neumann: Was bei mir der Fall war…

Skobowsky: Eigentlich sollte man so ein Stück dann möglichst lange liegen lassen.

Neumann: Sie liefern als neuer Dirigent nicht nur eine andere Interpretation, sondern auch eine andere Körpersprache. Es braucht Zeit, bis die Sänger erkennen, was man von ihnen will. Manchmal läuft eine Probe überhaupt nicht. Doch das Bemerkenswerte ist, dass der Chor dann häufig eine Woche später einen Riesenschritt nach vorne macht.

Skobowsky: Nach zehn Jahren habe ich natürlich großes Vertrauen in meine Chöre. Selbst wenn ich bei der vorletzten Probe merke, dass es knapp wird, kann ich mich auf sie verlassen.

 

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