Zu Besuch bei Uroma

Der folgende Text stammt aus der Feder von Marie Schröder (Foto). Im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Wanted: Junge Autor*inn*en“, initiiert von der Stiftung Herzogtum Lauenburg, belegte sie damit den ersten Platz in der Altersgruppe der 17- bis 23-Jährigen.

Claudia kurbelte die Fensterscheibe runter, während das Geschrei aus dem hinteren Teil des Wagens anschwoll. Ihr Blick wanderte zu ihrem Mann, der konzentriert auf den staubigen Asphalt blickte. Eine Schweißperle löste sich von seiner Stirn und rollte langsam seine Schläfe hinab. Für einen überraschenden Moment war es still in dem alten Renault Kangoo. Dann tauchte Nico‘s dunkler Haarschopf zwischen den Vordersitzen auf. „Müssen wir echt zu Oma ins Altenheim?“, fragte er in einem Ton, der verriet, dass er schon jetzt zu Tode gelangweilt war.

Die kleine Anna fing wieder an zu kreischen. Es war ein warnender Schrei, ein „Lass das!“ der Kleinkinder. Claudia drehte sich um. „Ja, aber natürlich müssen wir Uroma zu ihrem Geburtstag besuchen.“, sagte sie mühsam lächelnd. „Wieso denn? Sie besucht mich doch auch nicht zu meinem.“, leierte Nico und verdrehte die Augen theatralisch. Er zuckte mit den Schultern und kasperte herum. Die fünfjährige Maria legte ihre Hände wieder auf die Armlehne von Annas quietschbuntem Kindersitz. Erneut durchzog der erschreckend hohe Warnschrei das Auto. Thomas zog die Stirn kraus. „Hast du eigentlich an die Torte gedacht?“, fragte er plötzlich.

Claudias Gesicht erstarrte zu Eis. Sie presste ihre Zähne aufeinander und wurde plötzlich sarkastisch. „Ha! Ob ich an die Torte gedacht habe?! Ich denke, ich hatte genug damit zu tun die drei Kinder in ihre Sitze zu zwängen und die Sicherheitsgurte zu schließen ohne dass dreckige Patschehände meine – übrigens neue – Frisur zerstören.“ Ihr Mann hatte ergebend eine Hand gehoben. „Ich denke, ich hab sie in den Kofferraum gestellt…“, gab er zu. „Ist doch egal… Oma wird es eh nicht auffallen.“, murmelte Nico. „Mamaaaa!“, tönte es von hinten. Claudia erblickte die alten Eichen, die die Auffahrt des Pflegeheims säumten. „Wann sind wir denn eeendlich d…“ „Jetzt.“ Sie unterbrach Maria erleichtert und sprang aus dem Wagen, sobald er auf dem Parkplatz stand.

Die langen, hellen Seitenarme des Gebäudes streckten sich einladend zu beiden Seiten aus. Sie nahmen die Kühlbox mit der Torte und betraten den Empfangsbereich. Anna kuschelte sich in die Arme ihrer Mutter. Während Thomas und Claudia kurz mit der Pflegerin hinter dem Tresen sprachen, liefen Nico und Maria schon los. „Äh, bist du sicher, dass es hier ist, Nico?“, fragte die Kleine mit einem Kichern. Er nickte und öffnete die Tür einen Spalt. „Sechsundsiebzig, Siebenundsiebzig, Achtundsiebzig…“ Eine raue Stimme zählte leise weiter. Der Rest der Familie war nun auch bei der Tür angekommen. Thomas hielt ihnen die Tür auf. „Zwei, drei, vier… Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Oma!“, riefen sie. Das Zimmer war hell, aber nicht sehr groß. Auf dem Tisch stand ein vertrockneter Blumenstraß. Uroma saß auf dem zweiten Bett am Fenster und strahlte. „Besuch! Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet.“, sagte sie. Nico zog eine Augenbraue hoch. „Hab ich doch gesagt.“, murmelte er. „Aber Margaret, du hast doch Geburtstag!“, lächelte Claudia die Oma ihres Mannes an.

Die zarte, senile Rentnerin blickte ihr misstrauisch entgegen. „Für Sie immer noch Frau Hansen.“, erklärte sie. Dann wandte sie sich an Thomas. „Heinrich! Ein Glück bist du da. Wo warst du denn so lange? Elfriede und Hanelore waren noch hier und haben mit mir zusammen die Schuhe geflickt. Du kannst es dir nicht vorstellen! Wir haben doch tatsächlich die ganze Nacht durchgetanzt.“ Dann zwinkerte sie ihm zu. „Aber keine Sorge, mein Lieber. Die Kerle können mir nichts anhaben. Ich habe ja dich!“ Thomas blickte sie verdutzt an. „Sie glaubt, du bist Heinrich, ihr Mann.“, flüsterte Claudia. „Achtundneunzig, Neunundneunzig, Hundert! Jawoll, Jawoll!“ Die Frau mit der heiseren Stimme klatschte einmal in die Hände und fing wieder bei Eins an. Uroma Margaret war den Blicken der Familie gefolgt. Sie beugte sich verschwörerisch vor. „Wir haben hier eine Verrückte im Raum.“, flüsterte sie und nickte gewichtig. Maria kicherte. „Oh und was bist du für ein süßer Bub‘?“, lächelte Uroma Margaret. Das Kichern verstummte. Maria starrte sie aus großen ernsten Augen an. „Ich bin ein Mädchen!“, sagte sie und verschränkte empört die Arme vor der Brust. Nico trat vor. „Oma, wir haben Nusstorte mitgebracht. Die magst du doch so gerne!“ Er wandte sich seiner Mutter zu. „Können wir nicht in den Garten gehen?“, fragte er. „Das ist eine hervorragende Idee!“, lächelte Claudia. „So und wer sagt, dass Sie mitkommen? Und woher kennen sie meinen Mann eigentlich?“, fragte Uroma. „Oh, ich habe die Torte gebacken und bin mit Thomas verheiratet.“, erklärte Claudia. Ihre blonden Haare klebten ihr im Nacken. „Torte, wofür?“, hakte Uroma nach. Thomas nahm seiner Frau das Kind ab. „Na, weil heute doch dein Geburtstag ist!“

Margaret schüttelte den Kopf. Maria zog die Nase kraus und sah ihre Uroma verständnislos an. „Wieso weiß sie denn nicht, dass sie heute Geburtstag hat?“, flüsterte sie Nico ins Ohr und erlangte damit prompt wieder Margarets Aufmerksamkeit. „Oh, was bist du ein süßer Bub‘! Wie heißt du denn?“ Maria fing an zu zittern und ballte die Hände zu Fäusten. „Ich bin ein Määäädchen!“, brüllte sie. Anna klatschte in die Hände. „Na…oll, na…oll“, brabbelte sie und zur selben Zeit war die alte Dame wieder bei Hundert angekommen. „Jawoll, Jawoll!“, freute diese sich. Uroma Margaret stützte sich auf ihren Rollator und taperte los. „Noch mehr Verrückte…“, murmelte sie traurig und sah Claudia an. „Wenn Sie die Torte gebacken haben, dann dürfen Sie selbstverständlich mitkommen.“ Die ganze Mannschaft machte sich auf den Weg in den Garten. Die Blätter einiger Apfelbäume zauberten ein gesprenkeltes Muster aus Schatten und Licht auf den Rasen. In der Luft lag eine betörende Mischung aus Flieder und Sonne. Sie stellten die Nusstorte auf den Tisch und nahmen Platz. „Was für ein schöner Tag!“, strahlte Uroma Margaret. Sie runzelte die Stirn und blickte auf die Torte. „So eine gab es früher nur zu meinem Geburtstag.“, erklärte sie an Claudia gewandt. Dann lächelte sie plötzlich. „Aber heute ist ja mein Geburtstag!“, jauchzte sie. Anna kreischte. „Ja…oll, jaoll!“ Lachen erfüllte den Garten. Eine weiche, blasse Hand legte sich auf Thomas Arm. Uroma Margaret blickte gerührt auf die Nusstorte. „Meine Lieblingstorte!“, flüsterte sie. „Danke, Thomas. Danke dir!“

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