Liebesbrücke

Die Bootsführer auf dem Elbe-Lübeck-Kanal und die Fußgänger auf der kleinen Brücke bei der Kirche in Berkenthin merken es als erste: Etwas ist anders als sonst. Dieses „Etwas“, das Einfluss nimmt und die vertrauten Anblicke verändert, ist Anja Caroline Franksens Kunstinstallation „Die Liebesbrücke“.

Die Künstlerin verbindet in ihrem wegbegleitenden Werk das Kultursommermotto „Am Horizont … die Liebe“ mit dem „Hohenlied Salomos“ – eine Sammlung sinnlich-erotischer Liebeslobpreisungen aus vorchristlicher Zeit. Franksen hat Fragmente daraus in Farben gebettet und die textilen Banner in Augenhöhe versetzt zwischen die Brückenpfeiler gespannt. „Mit Kunst rauszugehen an unbekannte öffentliche Orte, das verändert die Landschaft und den Blick auf sie. Neue Zusammenhänge entstehen, auch beim Betrachter selbst“, sagt die Künstlerin. „Die Liebesbrücke“ macht das so anschaulich wir nur irgend etwas. Wer auf der Brücke die Fahnen betrachtet, steht vor völlig neuen Ansichten: Die Banner verbinden sich mit dem Himmel darüber und dem Kanal darunter zu einem Tableau – die Landschaft ist Teil eines völlig neuen Bildes. Will man das Vertraute sehen, muss man hinter sich blicken.

Die mehrfach symbolische Installation steht für die Liebe – das wertvollste unserer Gefühle, den Urquell allen Lebens und Element aller Religionen (die Verse des Hohenliedes kennen übrigens in unterschiedlicher Auslegung Christentum, Judentum und Islam).  Die Künstlerin spiegelt mit ihren Fragmenten die klassischen Grundformen der Liebe wider – erotisch, freundschaftlich und allumfassend selbstlos – und kleidet sie in stimmige Farben: Töne in Rot, Grün und Violett. Sie verbindet die vom Kanal durchschnittenen Ortshälften des idyllischen Dorfes, lädt zum Verweilen zwischen Kirche und Welt / Gotteshaus und Gasthaus ein. Die Passanten können über die Schönheit der Liebessprüche nachsinnen, sie mit Wind und Wolken verwehen oder vom Wasser unter sich davontragen lassen.

Die Lettern und Farbflächen der Fahnen sind vergänglich: Der Witterung und dem Alltag ausgesetzt, lösen sie sich allmählich auf und werden Bestandteil ihrer Umgebung. So wie die Kunst an diesem Ort erschienen ist, wird sie verschwinden – der Zauber des Vergänglichen. Dennoch wird etwas bleiben bei allen, die für „Die Liebesbrücke“ anhalten und bereit sind, Neues zu schauen. Wer am ersten Tag zum Herzschlag-Rhythmus der Sambatrommel in die mittelalterliche Maria-Magdalenen-Kirche hochgestiegen ist, um unter barocker Zier die handgeschriebene Liebesverse des Hohenliedes zu lesen, hat seinen Schatz schon mitgenommen. / ea (Fotos: Albrecht)

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