Der 18. Geburtstag

Der folgende Text stammt aus der Feder von Anabel Puth (Foto). Im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Wanted: Junge Autor*inn*en“, initiiert von der Stiftung Herzogtum Lauenburg, erhielt sie für ihren Beitrag in der Altersgruppe der 17- bis 23-Jährigen eine Auszeichnung.

Der Tag meines 18. Geburtstages war ausgerechnet der schönste Tag des Sommers.

Das Wetter war so gut wie seit langem nicht mehr. Tagsüber war es angenehm warm gewesen – nicht zu heiß, nicht zu kalt. Und trotzdem hatte ich mich die ganze Zeit in meinem abgedunkelten Zimmer verkrochen und jeglichen Kontakt zur Außenwelt vermieden.

Jetzt am Abend war der Himmel feuerrot. Hier und dort trieben ein paar rosafarbene Wolken im lauen Wind. Es fühlte sich an, als hielte man mir einen Föhn ins Gesicht. Die warme Luft verursachte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Es war das schönste Abendrot, das ich jemals gesehen hatte. Doch den riesigen Kloß in meinem Hals konnte es nicht vertreiben.

Mit unsicheren Schritten schob ich mein klappriges Fahrrad den Feldweg entlang. Weiter hinten konnte ich bereits die Weggabelung sehen, bei der ein schmaler Trampelpfad links in den Wald hineinführte. Ich war auf dem Weg zu unserem Treffpunkt. Luke hatte mir gesagt, ich solle am Abend vorbeikommen. Weshalb wusste ich nicht. Er hatte keine Ahnung, dass ich Geburtstag hatte. Ich hatte es ihm nicht erzählt und er hatte nie gefragt. Und das war auch gut so. Mir fiel es schon schwer genug, mich an diesem Tag überhaupt aus dem Haus zu trauen.

Geburtstage waren nicht mein Ding. Sie waren es noch nie gewesen. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie man es feiern konnte, dem Tod ein Stückchen näher zu sein.

Der Druck auf meinem Hals wurde mit jedem Schritt größer und ich atmete tief die rauchige Waldluft ein. Am liebsten wäre ich umgekehrt. In meinem Kopf herrschte dichter Nebel. Doch Luke wartete auf mich. Deshalb ging ich weiter. Als ich den Wald verließ, stand ich am Fuß eines Hügels. Normalerweise verirrte sich keine Menschenseele hierhin. Soweit ich wusste waren wir die einzigen, die diesen Ort kannten. Ich hatte ihn damals in der vierten Klasse entdeckt, als ich mich im Wald verlaufen hatte. Orientierungslos und verzweifelt war ich von Baum zu Baum gelaufen, von Lichtung zu Lichtung, und hatte schließlich unter Tränen diesen Ort gefunden. Steht man ganz oben auf dem Hügel, kann man weit hinten am Horizont die Hauptstraße sehen. Seitdem war dieser Ort unser Treffpunkt.

Ich schaute auf meine Armbanduhr. 21:50. Ein letzter tiefer Atemzug und entschlossen stapfte ich mit meinem Fahrrad den Hügel hinauf. Ich hatte ja nichts zu befürchten.

Luke war bereits da. Er stand mir abgewandt an einen ausladenden Apfelbaum gelehnt und beobachtete den Sonnenuntergang. Vorsichtig stellte ich mein Fahrrad ab. Es machte ein schepperndes Geräusch und Luke drehte sich um. Seine Miene erhellte sich. Mit einer einladenden Geste breitete er die Arme aus und kam auf mich zu. In seiner rechten Hand hielt er eine Flasche Wodka. Feierlich rief er: „Riley, da bist du ja! Alles Gute zum Geburtstag!“

Meine Gesichtszüge entgleisten mir. Er hatte es also doch herausgefunden. Wie? Es gab nicht viele, die von meinem Geburtstag wussten. Als Luke vor mir stand, griff er mir mit der freien Hand in den Nacken, zog mich zu sich und küsste mich, doch ich wandte mich in seinen Armen. Er ließ mich los.

„Was?“ Er lachte. „Glaubst du, ich wusste nicht, dass du Geburtstag hast? Ich bin dein Freund, Riley, ich finde sowas heraus.“

„Hätte ich gewollt, dass du es wüsstest, hätte ich es dir erzählt.“

Stirnrunzelnd streckte er erneut seine Hand aus und streichelte mir sanft über die Wange. „Was ist los, Riley? Schau doch, was ich für dich vorbereitet habe.“ Mit der Wodkaflasche in der Hand deutete er auf eine Stelle ein paar Meter abseits des Baumes. Dort hatte er im hohen Gras eine karierte Picknickdecke ausgebreitet, auf der bereits einige Kissen und ein großer Picknickkorb standen.

Ich schluckte und bekam ein schlechtes Gewissen. Er gab sich so viel Mühe, mir Freude an einem Tag zu bereiten, den ich am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte. „Gar nichts. Ich bin nur kein Fan von Überraschungen, geschweige denn von Geburtstagen.“

„Diese Überraschung wirst du lieben! Ich habe dir extra einen Kuchen gebacken.“ Er legte einen Arm um mich und schob mich voran. „Mach dich mal locker. Heute ist schließlich dein großer Tag! Nimm mal einen Schluck“, sagte er und hielt mir die halbvolle Flasche hin. Ich schüttelte den Kopf.

„Bist du jetzt etwa sauer, weil ich mir Gedanken um dich mache?“

Ich seufzte. „Du verstehst das nicht. Du freust dich darauf, erwachsen zu werden und unabhängig zu sein.“

„Du etwa nicht?“ Er lachte. Ich wusste, er würde es nicht verstehen. Inzwischen bereute ich es beinahe, nicht doch umgekehrt zu sein. Luke griff nach meiner Hand und zog mich vorwärts. Ich seufzte nur. Wir ließen uns auf der Decke nieder und ich legte meinen Kopf auf eines der Kissen. Es war ein Albtraum. Ich wollte nicht daran erinnert werden, nun ein Jahr älter zu sein.

Luke griff nach dem Picknickkorb und holte einen Kuchen heraus. Sogar eine Kerze hatte er hineingesteckt, die er nun anzündete. „Wünsch dir was.“

Ich schüttelte den Kopf. „Lieber nicht.“

„Doch, Riley. Das macht man so.“

„Ich mache das nicht so.“

„Dann wirst du es ab jetzt so machen. Komm schon, ich habe mir wirklich Mühe gegeben.“ Er grinste mich mit einem seiner schiefen Lächeln an. Ich konnte nicht wiederstehen, ich musste tun, was er wollte.

Widerwillig holte ich Luft und blies die Kerze mit dem ersten Versuch aus. Luke klatschte und ich lief rot an. „Lass das, das ist albern.“

Luke schien meinen Kommentar zu ignorieren. „Was hast du dir gewünscht?“

„Das darf man doch nicht verraten, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung.“

„Natürlich geht er in Erfüllung! Ich bin dein Freund, ich habe ein Recht darauf zu wissen, wie du dich in deinem Inneren fühlst“, witzelte er, während er ein Stück Kuchen abschnitt, es auf einen Pappteller hievte und mir reichte. Sein belustigter Tonfall machte mich verrückt. Mir war so gar nicht nach guter Laune zumute.

Mürrisch nahm ich den Kuchen entgegen. „Müssen wir darüber reden? Ich würde meinen Kuchen gerne in Ruhe essen.“

Er kicherte nur, doch er sagte nichts mehr. Schweigend biss ich eine Ecke meines Stückes ab.

„Und, schmeckt er dir?“

„Ja, tut er. Ich wusste gar nicht, dass du backen kannst.“

„Ich auch nicht. Ich bin froh, dass er essbar ist und ich uns nicht vergiftet habe.“ Er brach in Gelächter aus. Luke war bekannt dafür, seine eigenen Witze besonders gut zu finden.

Während ich schweigend meinen Kuchen aß, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass er mich beobachtete. „Was ist?“, frage ich mit vollem Mund.

Er schüttelte nur lachend den Kopf. „Ich kann immer noch nicht verstehen, wie du nicht 18 sein möchtest.“ Luke war drei Monate vor mir volljährig geworden. Ich war auf seine Party eingeladen gewesen und dort waren wir zusammengekommen.

„Es geht mir nicht um die Zahl…“

„Worum dann?“, unterbrach er mich.

Ich seufzte. „Um alles, was mit dieser Zahl verbunden ist. Führerschein, Eherecht, volle Strafmündigkeit…“

„Du hast doch nicht etwa vor, kriminell zu werden, oder?“ Luke lachte. Beschämt schaute ich zur Seite. Ich hatte das Gefühl, er wollte mich gar nicht verstehen.

„Natürlich nicht. Aber von nun an bin ich für mein Leben selbst verantwortlich. Was ist, wenn ich noch nicht soweit bin?“

„Du bist soweit, Riley. Du bist der reifste Mensch, den ich kenne.“

„Dann kennst du mich aber nicht besonders gut“, schnaubte ich verächtlich. Sofort spürte ich, dass ich ihn gekränkt hatte. Ich warf ihm einen unsicheren Blick zu und sah, dass er mich bestürzt musterte. Ich bereute, was mir herausgerutscht war. Ich wollte etwas sagen, doch ich wusste nicht was.

Vorsichtig rückte Luke ein bisschen näher und legte mir eine Hand auf das Knie, während ich mir ein Gänseblümchen um den Finger wickelte. „Ich versuche ja, dich besser kennenzulernen, doch bei jeder Frage, die ich stelle, verschließt du mehr von dir.“

Ich wusste, er erwartete eine Antwort von mir, doch ich wusste keine. Ich sagte nichts, sondern lehnte mich nur vor und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wange. Entschuldigen fiel mir nicht leicht. Dies war meine Art, es auszudrücken.

Zu meinem Erstaunen grinste er. „Weißt du was? Es ist Zeit für dein Geschenk. Augen zu, Liebling“, sagte er und stand von der Decke auf, noch bevor ich meine Augen schließen konnte. Nach einiger Zeit spürte ich ein kleines Päckchen in meinen Händen.

„Augen auf.“ Als ich ihn wieder ansah, strahlte er über das ganze Gesicht. „Pack schon aus.“

Ich schüttelte den Kopf. Der Kloß in meinem Hals schwoll weiter an.

„Los, mach schon!“

„Ich kann nicht.“

„Wieso nicht?“

„Vielleicht weil ich dich nicht darum gebeten habe, mir etwas zu schenken! Ich habe nicht darum gebeten, Geburtstag zu haben!“ Mir stieg die ganze Sache zu Kopf. Ich verspürte einen einschnürenden Druck auf meinen ganzen Körper. Egal, wie sehr ich es versuchte: Alles was Luke tat, erinnerte mich an das Älterwerden. Ich spürte, wie mir die Tränen kamen. Sie ließen sich nicht aufhalten.

Zornig sprang ich auf und stieß dabei den Picknickkorb um, der neben mir stand. „Du verstehst es nicht! Es wird nie wieder so sein, wie es war oder jetzt ist! Ich komme dem Tod Sekunde zu Sekunde näher und ich möchte nicht feiern, dass schon wieder ein weiteres Jahr vergangen ist!“ Ich stürmte davon. Doch nach ein paar Schritten machte ich kehrt. Die Flasche Wodka stand neben Luke. „Gib das her!“, brüllte ich, ohne ihm in die Augen zu sehen, und stampfte weiter. Ich lief bis zur entgegengesetzten Seite des Hügels und ließ mich dort im Gras nieder. Ich nahm einen gierigen Schluck und kippte mir die Hälfte auf die Brust. Ich schämte mich vor mir selbst, aber so handeln Menschen nun mal, wenn sie mit ihren Ängsten konfrontiert werden: Sie schreien und trinken, um zu vergessen.

Rücklinks streckte ich mich auf dem trockenen Boden aus. Inzwischen war die Sonne untergegangen und die ersten Sterne funkelten am Firmament. Während ich versuchte, sie zu zählen, wünschte ich mir, ich könnte einer von ihnen werden.

Irgendwann hörte ich ein Rascheln hinter mir und danach Schritte, die auf mich zukamen. Kurz darauf erschien Lukes Kopf in meinem Blickfeld. Er sagte nichts, sondern setzte sich nur seufzend neben mich. Die Stille zwischen uns war unangenehm, nicht so wie sonst. Ich wusste nicht, ob ich etwas zu ihm sagen sollte, und wenn ja, was. Also starrte ich weiter in den Himmel.

Schließlich räusperte Luke sich. „Du hast also Angst vor dem Älterwerden“, stellte er fest.

Ich schluckte hart, doch nickte letztendlich. Dann wurde es wieder still. Nach einer Weile seufzte er erneut und legte sich ächzend neben mich ins Gras. Unsere Schultern berührten sich und er griff nach meiner Hand, die ich mit seiner verschränkte. „Kennst du dich mit Sternenbildern aus?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das da“, sagte er und hob den Arm Richtung Norden, „ist der Große Wagen. Das hast du bestimmt schon mal gesehen. Aber eigentlich ist der Große Wagen gar kein Sternenbild. Eigentlich gehört er nämlich zu einer anderen Konstellation, dem Großen Bären. Siehst du die drei Sterne weiter unten? Das soll das Vorderbein sein, glaube ich. Und das da ist dann das Hinterbein.“ Er ließ seinen Arm wieder sinken. „Weißt du, Sterne sind mehrere Millionen Jahre alt. Wir alle bestehen aus Sternenstaub und wenn wir sterben, werden wir wieder zu welchem. So ist das Leben. Jedes Lebewesen stirbt einmal. So ist es nun mal.“ Er drehte sich auf die Seite, stützte seinen Kopf auf seinen Arm und sah mich an. „Aber du hast dein ganzes Leben doch noch vor dir! Du bist 18 Jahre alt! Du hast die Schule bald hinter dir. Jetzt folgt die beste Zeit deines Lebens! Die Zeit, in der du endlich zu dir selbst findest, in der du dich verwirklichen kannst. Die stehen alle Türen offen!“

„Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man die ganze Zeit im Hinterkopf hat, dass das Leben endlich ist. Ich habe den Druck, jede Sekunde auszukosten. Und wenn ich auch nur einmal meine Zeit verschwende, bereue ich es. Weil ich weiß, dass mir nichts geschenkt wird. Ich werde arbeiten und einen Job machen müssen, der mich nicht erfüllt, aber getan werden muss, um Geld anzuschaffen. Einmal geblinzelt und schon werde ich dreißig sein. Und dann werde ich Mitte vierzig und irgendwann bin ich zu alt, um das alles hier noch Leben zu nennen. Dann ist es nur noch ein Überleben.“ Meine Stimme brach. Ich war den Tränen nahe. Sanft drückte Luke meine Hand

„Riley, denk nicht so viel nach. Dein Ziel sollte es nicht sein ein langes, sondern ein erfülltes Leben geführt zu haben. Das geht aber nicht, wenn du dir über jede einzelne Sekunde den Kopf zerbrichst. Wer sagt denn, dass deine Jugend mit 18 vorbei ist? Wer sagt dir, wie du dein Leben zu leben hast? Du hast nun die Wahl! Du hast nun die Chance, dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Lass sie dir nicht entgehen.“

Luke erhob sich. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich meiner Freundin nun gerne dabei zusehen, wie sie ihr unglaublich tolles Geburtstagsgeschenk auspackt, für das ihr Freund sein halbes Erspartes hingeblättert hat“, witzelte er wieder und hielt mir seine Hand hin. Meine Glieder drückten schwer in den Boden. Auf einmal fragte ich mich, wie ich die ganze Zeit über nur so einen pessimistischen Blick auf das Ganze haben konnte. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich suchte im Sternenhimmel nach dem Großen Wagen, fand das Vorderbein des Großen Bären, dann sein Hinterbein, und ich wusste, dass Luke immer für mich da sein würde.

Dann ergriff ich seine Hand, zog mich an ihm hoch und war bereit, mir die letzte Chance, den Rest meines 18. Geburtstages zu genießen, nicht entgehen zu lassen.

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