Aufpassen hat auch Vorteile

Der folgende Text stammt aus der Feder von Leni Nörenberg (Foto). Im Rahmen des Schreibwettbewerbs „Wanted: Junge Autor*inn*en“, initiiert von der Stiftung Herzogtum Lauenburg, belegte sie mit ihrem Beitrag in der Altersgruppe der Sechs- bis Elfjährigen den ersten Platz.

Die alte Uhr gab ein leises ticken von sich. Gelangweilt blickte ich durch die Fensterfront. Ich sah die blätterlosen Äste im peitschenden Wind tanzen. Beim Zurücklehnen knarrte der jahrealte Holzstuhl fürchterlich und so alt wie er aussah fühlte er sich auch an. Zudem ging er im Partnerlook mit dem Tisch. Es herrschte diese grausame Stille in der man anfängt irgendwelche Stimmen zu hören und sich über alles Mögliche den Kopf zerbricht. Letztendlich bereue ich es dann auch. Spätestens wenn ich drangenommen werde. „Anika!“ Meistens bekommt man in diesem peinlichen Moment kein Wort mehr aus seinem Mund. „Anika, erläutere bitte die Situation in dem Roman mit deinen eigenen Worten“, krächzte Frau Stelzinger. Ich schluckte und suchte völlig ratlos den Anfang: Ähm…ich fand…also es war.“ Sie blickte mir enttäuscht direkt in die Augen. Ihr Blick war kühl und hart, irgendwie tat es weh sie anzusehen. Auf ihrer Stirn bildeten sich mehrere Falten und sie zog langsam ihre rote, kreisrunde Brille auf die Nasenspitze. Sie schüttelte den Kopf und dann war ich wieder weg. Nicht wie immer, es war irgendwie anders. Ich sah schwarz und versuchte mich aus dieser Situation zu schreien, aber es kam nichts heraus. Kein Ton. Nur ein keuchen. Bis ich hart mit dem Rücken auf den Boden aufschlug. Kurze Zeit plagten mich starke Atemprobleme. Als ich langsam zu mir kam und meine Augen öffnete wollte ich wieder kreischen. Ich war zwar aus dem Unterricht heraus, ich glaube kaum das zu sagen, aber ich wünsche mich zurück! Blutrote Augen starrten mich an. Der Gesichtsausdruck der Bestie war fast so schrecklich wie Frau Stelzingers. Aber nur fast. Etwas Sabber tropfte auf meine Wange. Angewidert wischte ich es hinunter und begann mich Stück für Stück auf allen Vieren zurück zu bewegen. Mühsame Arbeit vor allem, weil die Bestie immer wieder nachrückte. Mittlerweile kam es immer näher. Sein Atem stank zum einen fürchterlich und außerdem drohte mein Herz aus meiner Brust zu springen. Ich hatte schreckliche Angst und suchte verzweifelt einen Weg aus dieser verzwickten Lage. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir ja nicht mal Gedanken darüber gemacht wie ich mich eigentlich vom Deutschunterricht in Sekundenschnelle in einem Urwald wiederfinden konnte. Direkt unter dem Maul einer riesigen Bestie mit messerscharfen Reißzähnen, die durch das jetzige aufreißen sehr bedrohlich wirkten und so würden sie sich bestimmt auch anfühlen. Ausprobieren wollte ich es verständlicherweise nicht. Also kroch ich noch etwas schneller und noch ein bisschen. Ich presste meine Augenlieder fest zusammen. Vielleicht würde ich so zurückkommen, aber Fehlanzeige.

Während mir die Angst zu Kopf stieg verzweifelte ich immer mehr. Ich suchte krampfhaft einen Ausweg bis… Sich der Boden unter mir auflöste. Zentimeter für Zentimeter ging das Gras in einem Meer aus schwarzen Flecken unter. Aufgeregt tätschelte ich über das noch übrig gebliebene des Untergrundes. Neugierig schob ich meine Hand in eines der Löcher. Kreischend musste ich feststellen, dass mein Arm verschlungen wurde. Unter Panik versuchte ich mich aus dem Loch zu zerren. Ich wurde immer tiefer hinuntergerissen. Bis ich bis zur Schulter weg war. Es fühlte sich an als würde mein Arm abgerissen werden. Ich holte tief Luft, denn der Sog war so stark, dass mein Kopf nun im Loch hing. Bevor ich mich retten konnte verschwand ich völlig. Ich schlug Purzelbäume und Pirouetten. Schwerelos flog ich durch einen violett leuchtenden Tunnel. Ich war so fasziniert von den bunten Farben, dass ich auch das Schreien aufgehört hatte. Als die Schwerkraft leider ohne Vorwarnung zurück kehrte schlug ich erneut hart auf und rieb mir schmerzerfüllt den Kopf. Ich war weder in diesem komischen Urwald noch in Deutsch. Mein Kopf dämmerte und ich konnte einige Minuten nicht klar denken geschweige denn gerade laufen. Das einzig Gute war, dass man dort nicht gefressen wurde. Es war eigentlich gar nicht so schlecht dort im Vergleich zu meinem vorherigen Aufenthaltsort. Langsam wurde ich wirklich hungrig, aber jetzt schien kein guter Zeitpunkt dafür zu sein. So sahen das scheinbar auch die zwei die auf mich zu kamen. Sie waren nicht sehr hübsch, wirkten unhygienisch und sahen nicht besonders sympathisch aus. Zudem waren sie völlig identische Kopien von einander, was mich leicht beunruhigte. In den meisten Filmen sieht man, dass Zwillinge gruselig sind und dich gelegentlich umbringen wollen.

,,Hey, ich bin Marielynn und das ist Marieann. Willst du mit uns spielen?“, die zwei hatten auch noch diese psychisch kranke Stimme, die mir die Haare sträubte. Apropos Haare, die der beiden waren blond, braun mit einem leichten grün Stich. Sie waren verfilzt, bildeten große Klumpen und standen willkürlich von ihren kleinen Köpfen ab. Ihre Gesichter waren kreideweiß und sie hatten bis auf die Knochen magere Finger auf denen man jede Ader sah. Ich wich einen Schritt zurück. Marielynn und Marieann streckten ihre kurzen Arme aus, die zarten Stöckchen ähnelten. ihre sumpfgrünen Augen waren weit aufgerissen. Sie lächelten und hielten ihre wohlgeformten Köpfe leicht schräg. Mit großen Schritten kamen sie näher. Sie waren unglaublich schnell und als ich unglücklicherweise über einen Stein stolperte, was im Übrigen sehr schmerzhaft war, hielten sie ihre Köpfe über meinen. Ich keuchte und zwang mich nicht auf zu schreien. Ihre Händchen griffen meinen Hals und quetschten meine Kehle fest zusammen. Ich schnappte nach Luft während ich versuchte mich aus ihren festen Griffen zu befreien. Für so magere zwei Mädchen waren sie außerordentlich kräftig, aber nachdem ich ihnen einen festen Tritt gegen die Schienbeine verpasst hatte ließen sie von mir ab. Meine Chance, die ich auch ausgiebig nutzte, indem ich aufsprang, ihnen wirklich nur aus Sicherheit und vielleicht einem Fünkchen Wut noch einmal auf die Füße trat und mich anschließend aus dem Staub machte. Als ich beim Umdrehen bemerkte, dass sie mich gar nicht verfolgten verlor ich etwas an Tempo. Trotz dessen flüchtete ich hinter einen Felsen. Dort war es ziemlich grau. Schwarze Bäume erstreckten sich hoch in den Himmel, aber von Blättern keine Spur. Vor Nebel konnte ich nicht zwei Meter weit schauen.

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging. Ich fühlte wie sie näherkamen, ihr warmer Atem hing mir im Nacken und als ich mich langsam drehte überfiel mich ein Schock. „Anika! Hallo Anika!“ Ich schlug vor Schreck mit dem Kopf auf den Tisch. „Was fällt dir ein? Es ist Unterricht, das gibt ein Gespräch mit deinen Eltern.“ ,,Nur ein Traum!“ rief ich erleichtert und meine Klasse brach selbstverständlich vor Lachen zusammen. Frau Stelzinger verstand allerdings keinen Spaß und blieb knallhart. Ich bekam einen Heidenärger, den ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschte. Also ich kann euch nur ans Herz legen: egal wie müde ihr seid, egal wie langweilig der Unterricht auch ist haltet euch wach sonst wisst ihr was euch blüht und falls es doch passiert: hoffe ich ihr träumt wenigstens gut und bekommt nicht allzu viel Ärger.

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