Antisemitismus gehört in den Geschichtsunterricht

Das Bundesmodellprojekt „Zugänge schaffen – Konzeptwerkstatt Antisemitismus“ des Vereins Miteinander leben hat eine wichtige Zwischenetappe in seiner Arbeit erreicht, zeitgemäße pädagogische Konzepte und Lehrmedien zur Bearbeitung des Themenkomplexes „Antisemitismus“ in historischer sowie aktueller Perspektive zusammen mit Experten aus der Region sowie überregionalen Institutionen für den schulischen Einsatz zu erschließen, zu entwickeln und auszutesten. Seit 2016 arbeitet das Projekt- und Expertenteam um Projektleiterin Gabriele Hannemann daran, das bereits bestehende Unterrichtsangebot „Leben mit dem gelben Stern“ mit seinem Schwerpunkt der „Holocaust-Education“ um Themen zu aktuellen Formen des Antisemitismus zu erweitern. Dies ist aus Sicht von Gabriele Hannemann, selbst als Lehrerin im Schuldienst tätig und über ihre Vereinstätigkeit bei Yad Ruth seit vielen Jahren mit dem Thema „Antisemitismus“ befasst, dringend notwendig: „Antisemitismus ist nicht nur etwas Historisches, das nach den Verbrechen der Shoa aus Deutschland endgültig verschwunden ist. Im Gegenteil zeigt sich Antisemitismus heute wieder verstärkt in unterschiedlichen Formen, sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch in migrantischen Milieus. Entsprechend müssen wir darüber in den Schulen sprechen und nicht bei der Vermittlung des Holocaust, der vielfach vorbildlich etabliert ist im Unterricht, stehen bleiben.“

Es sind Themen wie der Nahost-Konflikt und die Rolle Israels, die schnell antisemitische Haltungen schüren, aber auch die in den neuen Medien um sich greifenden Verschwörungstheorien, die vielfach auf antisemitischen Haltungen fußen oder solche Erklärungsmuster heranziehen. Und auch Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft ist wieder deutlich spürbar, wenn beispielsweise die historische Verantwortung Deutschlands für den Holocaust als „Schuld-Kult“ relativiert und ein Ende des Gedenkens eingefordert wird.

Zu all diesem Themenkomplexen hat Gabriele Hannemann erweiterte Lehrmodule entwickelt, die das erfolgreiche, seit 2002 etablierte Unterrichtsangebot zum Thema „Antisemitismus“ zukünftig immer um die Gegenwartsperspektive ergänzen und je nach Interessenslage der Schüler*innen zum Einsatz kommen sollen. Die Entwicklung solcher schulischen Lehrmodule zeigte sich als Neuland und war nur mit Hilfe von Experten aus dem gesamten Bundesgebiet möglich. Institutionen wie das Anne Frank Zentrum Berlin, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KiGA) oder die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem wirkten daran mit und brachten eigene Lehr- und Unterrichtserfahrungen ein. Ausgewiesene Fachleute, insbesondere auch aus der jüdischen Gemeinde, gaben ebenfalls wichtige Erfahrungsimpulse in die Konzeptwerkstatt „Zugänge schaffen“. Entstanden sind Lehrmodule, die eine Erstbegegnung mit dem Judentum und der Shoa bereits in Klassenstufe 4 der Grundschule ermöglichen, die unterschiedlichen Narrative des Nahostkonfliktes kritisch beleuchten, Verschwörungstheorien behandeln oder an aktuellen Beispielen die Gegenwartsformen des Antisemitismus verdeutlichen. Ein neuer Flyer informiert jetzt Schulen über dieses einzigartige Unterrichtsprojekt in Schleswig-Holstein, das auch das Bildungsministerium des Landeszusammen mit dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein (IQSH) seit vielen Jahren nach Kräften fördert und unterstützt.

Das Ziel der Konzeptwerkstatt „Antisemitismus“, die vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert wird, ist damit aus Sicht des Projektverantwortlichen allerdings noch nicht erreicht. So werden aktuell Begegnungsformate mit jüdischem Leben entwickelt, eine besonders wichtige Ergänzung, da Schüler die persönliche Begegnung mit Juden zumeist völlig fehlt. „Antisemitische Haltungen sind für junge Menschen in ihren verschiedenen Facetten oft nur schwer als solche erkennbar, gerade auch, weil sie sich selten bis nie mit Juden darüber austauschen können, insbesondere in ihrer Altersgruppe. So kann Antisemitismus unbemerkt und unkritisch gedeihen.“ Ebenso wird in der Konzeptwerkstatt an weiteren Unterrichtsformaten gearbeitet, die es ermöglichen sollen, das Thema auch in anderen Unterrichtsfeldern zu behandeln, beispielsweise in der Demokratiepädagogik.

„Unsere Arbeit beschränkt sich dabei nicht nur auf die Unterrichtsgestaltung, sondern umfasst auch auf die Lehrerfortbildung, die wir mit unseren Kooperationspartner seit 2016 deutlich intensivieren und noch weiter ausbauen wollen. Zudem schaffen mir mit einer eigenen Arbeitsgruppe öffentliche, wiederkehrende Begegnungsangebote mit jüdischem Leben in der Region, mit dem Ziel, dem Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft präventiv zu begegnen“, ergänzt Mark Sauer vom Verein Miteinander leben.

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