Mut zur Sprache des Leidens

Die Hamburger Künstlerin Anna C. Becker präsentiert von Sonnabend, 24. November, an in der Schalsee-Galerie (Dargow) ihre Ausstellung „Mut“. Zu sehen sind Collagen und Objekte der der gefeierten Graphikerin und Gestalterin.

Der Name ist Programm: „Mut“ brauchte die Künstlerin zur Wiederaufnahme ihrer kreativen Tätigkeit. Becker leidet unter den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Sie hat die Sprache verloren und obendrein die Beweglichkeit ihres Körpers und ihrer Gliedmaßen eingebüßt.

„Sprachverlust, das ist nicht weniger als Weltverlust“ schrieb Siegfried Lenz in seinem Roman „Der Verlust“, dessen Protagonist ebenfalls an Aphasie leidet und sich auf die Suche nach den verlorenen Wörtern begibt, die zwar in seinen Gedanken leben, aber den Weg zum Mund nicht finden. Bei Anna S. Becker kommt die halbseitige Lähmung erschwerend hinzu. Das beeinträchtigt sie beim Gehen, beim Gebrauch von Pinsel, Stift und den üblichen Malutensilien.

Es braucht Mut, sich von diesem schweren Schicksalsschlag nicht niederschlagen zu lassen und stattdessen dem Drang nach Ausdruck weiter zu folgen, auch und gerade dann, wenn die Physis es einem so schwermacht, aber der Geist doch nach wie vor so rege ist.

Anna C. Becker hat wieder Mut gefasst: die sprachliche Unzulänglichkeit durch eine ihr mögliche Ausdrucksform zu kompensieren. Sie teilt dem Betrachter ihre Erlebniswelt bildhaft mit und macht diese mit den wenigen ihr zur Verfügung stehenden künstlerischen Mitteln verständlich. Thematisch kreist ihr Schaffen um das erlittene Schicksal Schlaganfall.

Es gelingt ihr in dieser Auseinandersetzung Erstaunliches – die Entwicklung einer Formensprache, die ihresgleichen sucht in der Auswahl und Präsentationsform ihrer Gegenstände. Was mindestens genauso beeindruckend ist: Sie schafft dies durch teilweise Verlagerung früherer Fähigkeiten der rechten Hand auf die linke.

Bei ihrer Arbeit greift sie auf Kombinationen von „objets trouvés“ (gefundene Gegenstände) und Textpartikel, die, unter Glasglocken gestellt, eine eigentümliche Wertigkeit belegen, die man aus der Präsentation von naturwissenschaftlichen Volieren kennt. Da treffen an das Gehirn gemahnende Walnusshälften auf dekupierte malende-Hand-grafiken, die sich mit lädierten Puppen paaren. Diese Sprache des Leidens braucht den Vergleich mit so namhaften Vorbildern wie Frida Kahlo oder Hannah Höch nicht zu scheuen.

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