Schlechte Zeit für Treueschwüre

Glotzt nicht so romantisch! Dem Publikum im Viehhaus Segrahn wird ganz schnell klargemacht, dass es hier und heute nicht zusammengekommen ist, um einem nostalgischen Ausritt ins frühe 20. Jahrhundert beizuwohnen. „LiebesEiferSucht“ – so der Titel der von Daniela Viktoria Kiesewetter konzipierten Operette – zeigt die männlichen Protagonisten schon nach wenigen Minuten in Frauenkleidern: Dustin Droszdiok (Tenor) in roter Robe, Ingmar Grapenbrade ganz in schwarz. Der Imperativ, der sich in diesem Anblick entfaltet, ist eindeutig: Die Moderne geht auch an der Operette nicht spurlos vorbei!

Dementsprechend werden auf der Bühne die Liebeshändel geschlechterunabhängig verhandelt. Anfangs steht auch Ana Carolina Coutinho (Sopran) im Kleid auf der Bühne. „Ich bin verliebt“, singt sie mit glockenklarer Stimme. Ja, ja, das ist romantisch und lädt zum Mitsummen und Mitfühlen ein, aber diese Liebe ist nur von kurzer Dauer. Ständig sind ihre Augen auf der Suche wie auch die der beiden anderen – Damen, Herren? Kein Liebesschwur mag das zu ändern. Wenn Droszdiok das große Geschütz auffährt und Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“ schmettert, liegt die bürgerliche Liebe längst in Trümmern.

Es braucht dafür – außer den Arien und Liedern und wenige von Ingmar Grapenbrade alias „Der Andere“ zitierte Verse – keine Dialoge. Der Kosmos der Liebe besteht aus Augenaufschlägen und (zerrupften) Rosen – kurzum aus Posen.

Dieser Minimalismus wird nach der Pause ein wenig aufgeweicht, die Botschaft aber bleibt. Es weitet sich lediglich der Fokus der Liebeshändel. Die Darsteller fordern das Publikum zum Tanz auf. Andrey Denisenko mit Sonnenbrille am weißen Klavier spielt einen Walzer. Paare drehen sich im Kreis. Männer tanzen mit Männern, Darsteller mit Zuschauern, Frauen mit Frauen, Männer mit Frauen. 

 

Droszdiok, Grapenbrade und Coutinho – zwischendurch wie auch ihre männlichen Kollegen in Herrenkleidern – wandern zwischen den Tischen umher. Die herausfordernden Blicke springen die Damen und Herren im Publikum an. Anmachsprüche schwirren durch den Raum. „Ich bin vom ADAC. Darf ich sie abschleppen?“ „Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick oder soll ich nochmal vorbeikommen?“ „Ich hatte einen schlechten Tag, aber ein Lächeln von Ihnen könnte das ändern.“

Zum Finale setzen sich dann alle noch mal gegenseitig mit Hilfe Paul Abrahams „My golden Baby“ die Hörner auf: „My golden baby, my beautiful baby, my darling, my sweetheart, my song is for you, it’s just for you.“

Das Publikum ist begeistert, klatscht und singt mit. Die mittels zwölf Liedern verschiedener Operetten erzählte Geschichte von der liederlichen Liebe hat wieder mal gezeigt: Der Mensch neigt zum Vergessen. Ein guter Song plus überzeugende Darsteller im Zusammenspiel mit einem guten Pianisten fegen jeden Gedanken an Betrug und Herzschmerz einfach hinweg. Die Romantik ist unverwüstlich.

Text: Helge Berlinke, Fotos: Antje Berodt

„Die Operette ist sehr ehrlich und direkt“