„Wie ein Affe hinter Gittern“

Plattdeutschbeauftragte – für jemand wie Inge Pusback ist das eigentlich die falsche Bezeichnung. Auch die Übersetzung Plattbeopdraagte wird ihr nicht gerecht. Inge Pusback lebt und liebt Plattdeutsch. Es ist die Sprache, mit der sie groß geworden ist. Die Sprache, die sie in der Schule von allen anderen Kindern unterschied. Die Sprache, von der sie einst glaubte, dass sie eigentlich alle Männer und Frauen über 50 sprechen können müssten.

Nein, musste sie feststellen. Können sie nicht und anno 2019 erst recht nicht. Wenn überhaupt, dann versteht der eine oder andere der gegenwärtigen Ü50-Generation das Plattdüütsche. Ein Zustand, den die Frau, die das Plattdeutsche lebt und liebt, so nicht hinnehmen mag, weshalb sie diesen bürokratischen Titel mit sich herumführt: Plattdeutschbeauftragte der Stadt Mölln. Ins Tun übersetzt heißt das, sie bringt ihre Muttersprache unter das Volk. Etwa über den „Plattdüütschen Harvst“, den es seit mehr als anderthalb Jahrzehnten gibt. Der sei mittlerweile Tradition, sagt sie.

Dafür organisiert sie Klönabende, Lesungen, Tanzvorführungen, Konzerte. „Ich bringe das, was vor Ort an plattdeutschen Kräften vorhanden ist, auf die Bühne“, sagt sie. Wie ihre Kollegen – die anderen Plattdeutschbeauftragten im Kreis. Das Ergebnis ist Jahr um Jahr ein langer Veranstaltungsreigen, der im September beginnt und im Dezember endet.

Doch der „Plattdüütsche Harvst“ ist kein Modell, mit dem sie die Zukunft für ihre Muttersprache gewinnt. „Es bröckelt“, sagt sie mit Blick auf die Besucherzahlen. Deshalb sei es wichtig, an den Nachwuchs heranzukommen. Als Plattdeutsch-Patin hat sie in den Möllner Kindergärten die Gelegenheit dazu. „Ich spiele mit den Kindern“, sagt sie, „und quatsche auf Plattdeutsch dazwischen.“ Auf diese Weise wecke sie zumindest Neugier.

Inge Pusback hat lange Zeit selbst in einem Kindergarten gearbeitet. Dementsprechend scheut sie sich nicht, auf den Nachwuchs zuzugehen. Sie macht einfach. Dabei dürften die eigenen Kinder Motivation für sie sein. Drei Mädchen und einen Jungen hat sie großgezogen. Sie alle sprechen Plattdeutsch und geben die Sprache selbstbewusst an ihre Kinder weiter.

Dass die Sprachvermittlung in der Familie nun fortgesetzt wird, hat auch etwas mit Inge Pusbacks Standfestigkeit zu tun. Als sie 1966 in die Schule gekommen sei, sei sie von ihren Mitschülern wie „ein Affe hinter Gittern“ bestaunt worden. „Für mich war das aber kein Problem“, sagt sie. Für ihren Sohn aber schon: „Er wollte nicht, dass ich mit ihm in der Öffentlichkeit Plattdeutsch rede“, erinnert sie sich.

Diese Scham, die der Sohn als Kind fühlte, hat ihn offensichtlich nicht davon abgehalten, die Sprache lieben und schätzen zu lernen. Und so setzt er die Familientradition fort und spricht mit seinem Nachwuchs Plattdeutsch, während seine Frau – eine gebürtige Cottbuserin – mit den Kindern Hochdeutsch redet.

Die Nachgeborenen wiederum werden sich auf keinen Fall schämen müssen. Der Wind hat sich längst gedreht. War Plattdüütsch noch in den 80er Jahren als provinziell verpönt, genießt es mittlerweile große Sympathien. Anno 2019 ist es geradezu exotisch und kommt ziemlich cool rüber.

http://kulturportal-herzogtum.de/2019/09/23/plattdueuetsche-harvst-programm/