Am Ort der Begegnung

Einen Ort wie diesen, an denen sich alle ausprobieren können – wo gibt es den noch? Almuth Grätsch beugt sich auf ihrem Bürostuhl nach vorne und überlegt. Die Schlumper in Hamburg? Nein, korrigiert sie sich selbst, das sei keine öffentliche Einrichtung. Die „artegrale“ in Kiel? Ja, die sei für Menschen mit und ohne Behinderungen da. Und sonst? Nein. Mehr kommen ihr gerade nicht in den Sinn. Zumindest nicht in Schleswig-Holstein. Die Inklusive KulturWerkstatt im Robert-Koch-Park (Mölln) sei schon „etwas Besonderes“.

Grätsch leitet die Werkstatt in diesem altehrwürdigen Gebäude, die sich im zweiten Stockwerk befindet. Lange Flure, Kunst an den Wänden, großzügige, helle Räume. Wolfgang Grünke – eine Fachkraft, die Grätsch in Teilzeit bei der Arbeit unterstützt – bemalt gerade einen Sockel mit weißer Farbe. Sonntag soll hier die Anna Becker-Ausstellung „Mut“ eröffnet werden. Damit die Exponate der Künstlerin dann auch alle an Ort und Stelle sind, braucht es noch den einen oder anderen Handschlag.

Die Kunst ist eine von den vielen Möglichkeiten, die sich den Menschen hier bieten, erklärt Grätsch. Als Beispiele führt sie Singen, QiGong, Tanzen und Gesprächskreise an. Weitere Angebote sollen folgen. Fünf Jahre brauche, es um alle angestrebten Ziele zu erreichen, rechnet sie vor. Das wäre – die Werkstatt wurde im September 2017 gegründet – im Jahr 2022.

Unabhängig von solch zeitlichen Planspielen bleibt der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten immer derselbe: Die Inklusive KulturWerkstatt soll Menschen mit und ohne Behinderungen in der Hindenburgstraße zusammenbringen und auf diese Weise Vorurteile abbauen. Früher habe das Lebenshilfewerk dieses Ansinnen ausschließlich über Einzelprojekte wie den „Markt der Begegnungen“ umsetzen können. Dank der Inklusiven KulturWerkstatt gebe es nun sieben Tage die Woche einen „Ort der Begegnung“, betont Grätsch.   

An diesem Morgen streckt eine junge Frau der Werkstatt-Leiterin freudestrahlend die Finger entgegen, die ihr gerade lackiert worden sind. Ein Raum weiter werden die Männer und Frauen einer Seniorentagesgruppe kreativ. Mit Malstiften ausgerüstet brüten sie über Zeichnungen. Sie machen das, was Grätsch „Hobbyfindung“ nennt.

Mittlerweile gebe es hier aber auch einige, für die die Inklusive KulturWerkstatt ein Arbeitsplatz sei. Sie würden bei der Vorbereitung von Projekten wie dem Kinderkunsttag mithelfen, so Grätsch. „Dafür kommen sie fest ein bis zwei Tage die Woche hierher.“

Die Werkstätte als Anlaufstelle für Hobbys und Berufsperspektiven – wo aber stecken denn nun die Kunst und die Künstler – abseits der Becker-Ausstellung? Gerade habe sie zusammen mit der Stiftung Herzogtum Lauenburg unter dem Motto „Entdecke die Kunst“ eine Projektreihe fürs Kreative Malen gestartet, erzählt Grätsch. Als ausgebildete Kunstassistentin halte sie zudem immer nach Künstlerpersönlickeiten Ausschau. Das seien Menschen, sagt sie, die den „Zufall produzieren“ können.