„Wir fahren los!“

Meinhard Füllner: Irgendwie knisterte es in allen Kanälen ja schon seit dem 30. September, als Genscher in Prag die Ausreisemöglichkeit der dortigen Flüchtlinge bekannt gab. Wir haben möglichst keine Nachrichtensendung ausgelassen, weil der Druck der Menschen in der DDR immer größer und die Reaktionen der SED immer wirrer wurden.

Deshalb wuchs die Spannung auf die angekündigte Pressekonferenz am frühen Abend des 9. November. Und als Schabowski von seinem Zettel die Reiseregelungen ablas und auf Nachfrage unsicher ergänzte:..nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“ spulte in meinem Kopf, neben dem spontanen Jubel, ein Film von Szenarien ab, was das jetzt für Konsequenzen nach sich bringen würde. Vor allen Dingen mit Blick auf die 350.000 Soldaten der Sowjetunion in der DDR.

Deshalb wartete ich mit meiner Frau erst einmal die folgenden Nachrichtenmeldungen ab. Immer mehr wurde schon am Abend klar, dieser Freiheitsdruck ließ sich nicht mehr einfangen. Dann hielt uns nichts mehr vor dem Fernseher. Noch vor Mitternacht sind wir dann zum Grenzübergang Schlutup gefahren und haben die überschwänglichen Glücksausbrüche der Menschen in ihren Trabbis genossen und haben mit den Bürgern aus Ost und West gefeiert.

Dann haben wir in den nächsten Tagen dem 12. November entgegengefiebert, der Grenzöffnung bei Mustin. Das war dann für mich auch ein besonders einprägendes Erlebnis, weil ich dort in den vielen Jahren zuvor viele Mahnveranstaltungen organisiert hatte, um das Bewusstsein für die Deutsche Einheit wachzuhalten.

Meinhard Füllner ist Präsident des Kreises Herzogtum Lauenburg.

Anett Helbig: Ich hatte meinen alten Schwarz-Weiß-Fernseher eingeschaltet, was ziemlich selten vorkam. Deswegen habe ich die Schabowski-Erklärung überhaupt mitbekommen. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr so genau. Ich glaube, ich dachte: Wir müssen sofort losfahren! Ich erinnere mich, dass ich anfing die Wohnung aufzuräumen. Irgendwann kam dann mein Freund von der Arbeit nach Hause und sagte: „Wir fahren los!“

Wir beide hatten schon länger darüber nachgedacht, in den Westen zu gehen. Wir wollten aber auf keinen Fall über die ungarische Grenze fliehen. Das schien uns zu gefährlich zu sein.

Warum wir wegwollten? Vielleicht war es die Sehnsucht nach Freiheit. Die Möglichkeit, in der ganzen Welt zu reisen. Außerdem war der Westen mit all seinen Farben und Gütern irgendwie verlockend.

Mein Freund hatte eine Tante in Hamburg. Wir wussten, dass wir bei ihr willkommen sind. Der Gedanke, sie ist da und hat auch noch eine Wohnung für uns war beruhigend und ermutigte uns, den Schritt zu gehen.

Wir sind dann so gegen 23 Uhr mit dem dunkelblauen Moskwitsch meines Opas von Babelsberg aus – wir wohnten damals unweit der Filmstudios – über Potsdam, Brandenburg und Magdeburg zum Grenzübergang Marienborn/Helmstedt gefahren. Als wir dort ankamen, haben wir unsere Personalausweise vorgezeigt und wurden tatsächlich durchgewunken. Die Leute klopften uns vor Begeisterung auf die Kühlerhaube. Es war merkwürdig. Diese Euphorie hatte uns überhaupt nicht erreicht. Wir hatten auf Party keine Lust. Wir fragten uns: Was erwartet uns im Westen? Wir fuhren zur Tante meines Freundes. Dort kamen wir morgens an. Wir klingelten und sie freute sich sehr, obwohl sie nichts von unserem Kommen gewusst hatte.

Wir sind dann zunächst in Hamburg geblieben, heirateten dort und zogen später in den Kreis Herzogtum Lauenburg.

Anett Helbig arbeitet für die Stiftung Herzogtum Lauenburg. Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war sie im fünftgen Monat schwanger.

Lothar Obst: Ich erinnere mich noch, dass es ein Donnerstag war. An diesem Wochentag besuchte ich mit meiner Frau, die damals schwanger war, immer den Babywickelkurs der VHS. Der Kurs fand immer um 19.30 Uhr in der A. Paul-Weber-Realschule statt. Ich weiß noch genau, dass gegen 19.15 Uhr die Meldung kam, dass die DDR die Grenzen öffnen will. Die legendäre Pressekonferenz mit Günter Schabowski war da gerade zu Ende gegangen. Wir waren dann beim Kurs. Dort erzählte jemand in der Pause, dass die DDR tatsächlich die Grenzen aufmacht.

Nach 9 Uhr habe ich dann zu Hause Fernsehen geguckt. Ich erinnere mich, dass sie im Bundestag die Nationalhymne sangen und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters eine Erklärung abgab.

In den Tagesthemen erklärte der damalige Moderator Hans-Joachim Friedrich, als Journalist solle man mit Superlativen vorsichtig sein, aber die Tore der Mauer seien weit offen. Daraufhin brach gegen 22.30 Uhr die richtige Welle los.

Lothar Obst ist Mitglied der Akademie der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Bei dem Gegenstand, den er in der Hand hält, handelt es sich um eine Selbstschussanlage, die die DDR in großer Zahl entlang der deutsch-deutschen Grenze installiert hatte.