So wird Bronzezeit anschaulich

Geesthacht – Das GeesthachtMuseum überrascht im September 2015 mit archäologischen Thementagen zum bronzezeitlichen Totenhaus von Grünhof-Tesperhude und der darin bestatteten Frau – Vorbereitung auf eine exquisite Sonderausstellung 2016, zu der ein Abbild dieser ersten „Geesthachterin“ zu erwarten sist.

Worum es geht: Das Totenhaus von Grünhof-Tesperhude – heute ein Stadtteil von Geesthacht- ist ein Grabmal aus der mittleren Bronzezeit, datiert um 1200 v. Chr. Es wurde 1932 entdeckt und unter Leitung des Archäologen Karl Kersten ausgegraben. Beim Abtragen des Grabhügels stieß man auf eine rechteckige, mit Pfostenlöchern versehene Steinpackung mit zwei Mulden, darin Reste von Baumsärgen mit den Relikten einer jungen Frau und ihres kleinen Kindes. Weitere Hinterlassenschaften wiesen auf ein darüber errichtetes Totenhaus hin, errichtet mit Feldstein, Holz und lehmverputzten Flechtwänden. Das Haus war verbrannt, über den Resten ein Erdhügel aufgeschüttet worden. Das Grünhof-Tesperhuder Totenhaus ist die bisher einzige bekannte Grabstelle aus dieser Zeit nördlich der Elbe.
Der Fund und die Frau stehen im Mittelpunkt des Projekts. Die Thementage tragen den Titel „Die erste Geesthachterin und ihre Zeit – neue Indizien und Erkenntnisse nach 3000 Jahren“. Vom 1. September bis zum 15. Oktober 2015 sind als Vorbereitung auf die Ausstellung im Folgejahr zehn Vorträge zur Bronzezeit geplant. Sie sollen verdeutlichen, wie bedeutend diese Epoche (in Mitteleuropa etwa 2200 bis 800 v. Chr.) als hochstehende Kultur mit ihren Siedlungslinien im europäischen Raum war. Namhafte Archäologen blättern mit ihren Referaten dazu ein breit gefächertes Spektrum an Wissen auf. „Das ist in dieser Konstellation hoch aktuell und einmalig“, verspricht Museumsleiter Wolf-Rüdiger Busch. Man muss kein Wissenschaftler sein, um die Vorträge zu verstehen – die Thementage richten sich ausdrücklich an interessierte Bürger, also vorwiegend archäologische Laien.
Die Reihe klingt in der Tat abwechslungsreich und spannend. Auf dem Programm stehen: 1. September Dr. Bernd Zich: HausFrau in Geesthacht vor 3.000 Jahren, 3. September Dr. Carsten Lemmen: Klimawandel schon vor 3000 Jahren?, 8. September Dr. Ulf Ickerodt: Karl Kersten und die Bronzezeitforschung, 10. September Prof. Dr. Ralf Busch: Im Reich der Lebenden und der Toten, 17. September Dr. Mario Pahlow: Gold und Macht – Eliten der Bronzezeit, 24. September Dr. Jens-Peter Schmidt: Alte Funde und neue Forschungen, 29. September Dr. Mechtild Freudenberg: Ein Fürst in der Provinz?, 1. Oktober Dr. Rüdiger Kelm: Die Bronzezeit in Dithmarschen, 8. Oktober Dr. Knut Rassmann: Territorien, Kontrolle und Konflikte in der Bronzezeit, 15. Oktober Prof. Dr. Dr. Rainer Hering: Gestern – Heute – Morgen – Menschliche Überlieferung im Wandel. Alle Vorträge finden im GeesthachtMuseum, Bergedorfer Straße 28, statt und beginnen um 19 Uhr – der Eintritt ist frei. Mehr Details zur den Veranstaltungen finden Sie in Kürze in unserem Veranstaltungskalender.
Die Vorträge sollen danach gesammelt als Begleitbuch zur Ausstellung erscheinen. Die wissenschaftlich fundierte Vorbereitung und Durchführung des Vorhabens waren es, die laut Busch die Unterstützung der vielen Forscher gewonnen haben. Zu ihnen gehört Dr. Bernd Zich, ehemaliger Abteilungsleiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle. Mit ihm bereitet Wolf-Rüdiger Busch seit zwei Jahren die Realisierung der ehrgeizigen und überregional bedeutsamen Ausstellung vor. Und die Aufsatzsammlung dürfte „wissenschaftlich das Aktuellste werden, was zum Thema veröffentlicht werden kann“, sagt Busch. Sie gebe dem Fund aus dem späten zweiten vorchristlichen Jahrtausend einen verständlichen kulturhistorischen Hintergrund.
Die Ausstellung von Juli bis November 2016 wird das in Fachkreisen berühmte älterbronzezeitliche Grab von Grünhof-Tesperhude ins Zentrum rücken und sollte für weiter reichende Aufmerksamkeit sorgen. Wie die Thementage will die Schau durch aktuelle Forschungergebnisse, Exponate und andere stützende Indizien den Weg zur Frau aus dem Totenhaus nachvollziehbar machen. Sie wird das Highlight werden: Ein österreichischer Fachmann malt anhand aller bekannten Details ein Gemälde dieser Frau, deren Abbild dann auf Lebensgröße (ca. 1,65 m) hochgezogen wird. „Noch wissen wir nicht, wie die nachweisbar erste ‚Geesthachterin‘ aussieht. Aber zur Ausstellung werden wir ihr im Zwischengeschoss des Hauses in einer spannenden Inszenierung gegenübertreten können“, so Busch, selbst schon hoch gespannt. Eine fundierte Ausstellung mit so weit zurückreichendem historischem Hintergrund im Kontext der Geesthachter 800-Jahr-Feier 2016 zu präsentieren, ist durchaus ein Coup.