Reisefieber mal anders…

Lesen Sie hier eine Kurzgeschichte einer jungen Autorin, die bei diversen Lesungen in der Region für Furore sorgte: Irina Tegen (1974 in Hamburg geboren) lebte sieben Jahre in Johannesburg, Südafrika. Sie studierte dort Architektur. Seit 2002 ist sie wieder in der Heimat und arbeitet in einem Ingenieurbüro in Hamburg. Neben Familie und Job malt sie, zeichnet Comics und schreibt Kurzgeschichten. Zitat: Es sind Texte, die den normalen Wahnsinn und seine alltäglichen Verwicklungen mal mörderisch, mal skurril oder satirisch beschreiben."
Der Text stammt aus dem Buch "Hamburg hart & zart" der Hamburger Autorengruppe Blut & Feder, erschienen 2011 im Kadera Verlag, Norderstedt.

Der Reiseführer
Ich möchte noch ein Foto machen“, sagt er. Ich versuche das zu ignorieren, sage stattdessen: „Hier wird
in den nächsten paar Stunden nichts passieren, fahr endlich los.“ Mein Rock klebt an meinen Beinen, ich habe die Schweißränder eben gezählt, es sind drei dicke weiße auf dem oberen Teil des braunen Stoffes, der Rest klebt nass an meinen Oberschenkeln und meinem Hintern. Das Auto kocht. Ich koche. Es ist immer dasselbe mit dem deutschen Besuch, ich spreche diese Sprache nur noch, um mich mit ihnen zu streiten. „Hör zu Gunnar, du magst eine Menge in deinem Scheiß-Reiseführer gelesen haben, aber wir sitzen hier nicht gemütlich auf dem Sofa und sehen uns eine Dokumentation über die Naturwunder von Afrika an. Wir sind mitten in Afrika, es sind 39 Grad Celsius und wir sind so bescheuert, in der Mittagshitze in ein Auto zu steigen und genau zwei Liter Wasser mitzunehmen.“ „Wir sind nicht mitten in Afrika, Elli. Und du warst so bescheuert, nur zwei Liter mitzunehmen“, sagt Gunnar, grinst und fummelt an seiner Kamera herum. Wir sind also nicht mitten in Afrika?, denke ich. Sind wir doch. Sobald man in Afrika ist, ist man mitten in Afrika, und sobald man im südlichen Afrika ist, sollte man seinen Reiseführer sofort dem nächstbesten Penner auf der Straße geben, damit er damit ein Feuerchen machen kann. „Du wolltest nur schnell ein Foto von den Giraffen machen. Und ich habe dir gesagt, dass nur bescheuerte deutsche Touristen Fotos von Giraffen machen.“ „Du bist genau so deutsch wie ich“, sagt er. Bin ich nicht, denke ich und schaue ihn mir direkt an, seine sonnenverbrannte Visage, diesen lächerlichen Hut und seine atmungsaktiven Klamotten, Hightech, man erkennt sie immer, man erkennt sie daran, dass sie trotz ihrer Globetrotter-Klamotten schwitzen wie die Schweine, und sich einbilden, sie täten es nicht, und auch daran, dass sie gegen jeden Zauber gefeit sind, dass sie ihn nicht mal erkennen, wenn er unter Attraktionen der Region aufgeführt ist. Ein Hotti trommelt vor der untergehenden Sonne und sie sind glücklich. „Du verstehst dieses Land einfach nicht“, sage ich und er antwortet: „Was gibt es da zu verstehen? Du lebst doch auch gemütlich in deiner weißen Vorstadt, hinter Gittern! Verstehe ich das Land erst, wenn ich einen Gärtner, eine Putzfrau und eine Alarmanlage in meinem häuslichen Hochsicherheitstrakt habe?“ Ich könnte niemals hinter all diesen Gittern leben, hatte er gesagt, es ist wie im Gefängnis, ich habe gedacht, die Apartheid sei vorbei. Dein Deutsch ist echt Scheiße geworden, du kannst gerne normal mit mir reden, ich kann diesem Kauderwelsch nicht folgen, wie kannst du in diesem Land bleiben, Elli?, hatte er gesagt und sich zu einem nächtlichen Spaziergang durch die Johannesburger Innenstadt aufgemacht. Drei Stunden lang. Sehr kokett.

„Was du nur immer hast, Elli, es war cool. Die Gewalt entsteht nur, weil ihr euch in euren Burgen verschanzt. Ist mir etwa was passiert?“ Leider nein, dachte ich. Wie viel bezahlst du noch gleich deiner Putze, Elli? Kriegst du eigentlich noch etwas mit? Laut Statistik …, bla, bla, bla. Klugscheißer. Er kotzt mich an. Und der guten alten Zeiten wegen habe ich mich nun auch noch auf diese Reise eingelassen. Vor Johannesburg wird immer gewarnt, hatte er gesagt, als er aus Hamburg anrief, lass uns auch ein wenig in der Gegend herumfahren, ja? Kommst du mit? „Hör zu, Gunnar, man fährt hier nicht tagelang alleine herum, man tut es einfach nicht“, hatte ich damals am Telefon gesagt und gelacht, und er hatte lachend geantwortet, „ich würd‘s schon tun, aber komm doch trotzdem mit, so ist es netter. Können wir dein Auto nehmen?“ Und jetzt sitze ich hier neben diesem Stinkstiefel und schaue durch eine vollgekackte Windschutzscheibe auf ein Wasserbecken mit drei badenden Hippos, während sich ein viertes behäbig und langsam aus dem Wasser schleppt.

„Hoffentlich ist das Foto mit den fickenden Affen was geworden“, sagt er, und ich denke, fick dich doch selbst, dich und deine Hamburger Designerwohnung, häng dir über dein weißes Sofa das Foto mit dem Affenfick, wie originell, und wenn du deinen Gästen südafrikanischen Rotwein einschenkst, den du bei REWE um die Ecke gekauft hast, erzähl ihnen, dass du live dabei warst, aber pass auf, dass sie nicht so sehr lachen müssen, dass sie den Rotwein verschütten, sag ihnen am besten vorher, sie sollen auf das Sofa aufpassen, du erzählst ihnen
gleich ein paar nette Anekdoten aus Afrika. Ihr kennt doch noch Elli? Wen? Na, Elli von damals. Ach ja, Elli, ist sie immer noch dort? So oder ähnlich wird es ablaufen. „Ich kann durch diese Scheibe kein gutes Foto machen“, sagt er nun und fummelt an der Tür herum. „Mach keine Witze“, sage ich perplex, „man steigt hier nicht aus, man tut es einfach nicht, bleib im Auto. Hippos sind gefährlich.“ „Sie heißen Nilpferde“, erwidert er und kurbelt ein Fenster herunter. „Diese fetten Tiere sind echt der Hammer“, sagt er, und: „Ich bekomme es nicht drauf. Ich muss etwas näher ran.“ „Wir können aber nicht weiter ran fahren, hier ist Schluss, Gunnar, lass uns jetzt endlich los, ich habe Durst.“

Die drei Tiere dösen auf der Wasseroberfläche, man sieht geschlossene Augen und riesige Nüstern, und das vierte Tier bewegt sich weiter durch das Gebüsch, man sieht tatsächlich nicht viel. Ab und an einen glänzenden grauen Rücken auf halbem Weg zur Wasserstelle, rings herum schläfrige Stille in der Mittagshitze. „Hier ist viel zu viel Gebüsch“, warne ich ihn erneut, es langweilt mich bereits selbst. Punkt eins, wenn wir hier rein fahren, dürfen wir nicht aussteigen, Gunnar, nur in den Camps. Punkt zwei, die Krokodile schlafen nicht, sie warten nur darauf, dass du einen Fehler machst. Punkt drei, es kommen mehr Menschen durch Hippos um als durch Krokodile oder Löwen. Punkt vier, lieber keine Malariaprophylaxe, du kriegst nur nicht mit, dass du es hast, hast es aber trotzdem, sagte ich, woraufhin er die erste Tablette schluckte vor drei Wochen. Gunnar macht jetzt die Tür auf und steigt aus. Ich rufe ihm hinterher: „Gunnar, du bist ein Arschloch“, und er sagt nur leise: „Psssst.“ Gunnar war einfach nicht demütig, denke ich etwas später und blicke zu Boden, auf die fest getrampelte rote Erde, durch die sich eine Termitenstraße ihren Weg bahnt. Die Geschäftigkeit der letzten Stunden hat nachgelassen, und wie um der Situation die nötige Dramatik zu geben, taucht der untergehende Feuerball einmal noch dieses göttliche Stückchen Erde in sein blutiges Rot, dramatisch, wie auf den vielen Postkarten, die Gunnar gekauft hat. Doch man kann es nicht festhalten, es passt auf keine Postkarte, es ist unfassbar groß und gewaltig. Brutal schön. Man überlebt dieses Land nur demütig, erhobenen Hauptes zwar, ja, das schon, aber man muss den Kopf dennoch senken, nur ein wenig, man muss sich verbeugen vor all der Schönheit und dem Elend. Man muss es auch einmal probieren, mit wogender Hüfte in diesen Herzschlag einzutauchen, den Puls zu spüren, man muss es ertragen können, dass alles so ist, wie es ist.

Ich blicke weiter zu Boden, betreten, als sich ein blaues Paar Stoffstiefel in mein Blickfeld stellt, direkt auf die Termitenstraße. Während ich weitere Tränen herauspresse, beobachte ich, wie die Termiten über seine Stiefel laufen. Sie sehen eher aus wie Turnschuhe. Ich kann die südafrikanischen Polizisten nie so recht ernst nehmen, trotz der Maschinenpistolen, die neben ihren Hüften baumeln, ich weiß nicht, ob es an der Bestechlichkeit oder der Tatsache liegt, dass sie Turnschuhe tragen. Aber es gefällt mir, wie sie singend die Formulare ausfüllen.
Auch dieses. Ich mag es, wenn man nicht versucht, mir unnötig Angst zu machen. Moskitos surren um unsere Köpfe. Der Officer legt nun eine Hand auf meine Schulter und sagt, dass er nichts mehr für mich tun könne. Aber die Kamera, die sie gefunden haben, die könne ich sicher behalten, hier ist sie, und noch einmal platzt es
aus mir heraus, die Anspannung, sie ist echt, und auch der Rest hat seine eigene Wahrheit, der Akzent mit dem ich spreche, mit dem ich wieder weine und jaule, er ist etwas zu stark, ein aufgesetzt deutscher Akzent, ich trauere sehr laut, African Style, so zeige ich dem Officer meine Erschütterung über diesen tragischen Unfall. Gunnar hätte gesagt, das sei primitiv, viel zu laut und affig.
Apropos affig, vielleicht ist der Affenfick ja doch etwas geworden, aber ich würde mir das Foto dann doch nicht über das Sofa hängen, es würde mich zu sehr an Gunnar erinnern, an sein entsetztes Gesicht, als ich den Motor anließ und ihn seiner Malariaprophylaxe überließ.