Vollkasko

Eine Kurzgeschichte von Schriftsteller Jürgen Ehlers aus Witzeeze finden Sie hier in unserem literarischen "Lese-Snack". Viel Spaß beim Schmökern……

Peter legt den Hörer auf. Er sagt: „Ja, natürlich ist es richtig, dass die Versicherung zahlt, wenn der Schaden am Auto durch Haarwild verursacht wird.“„Na also“, sage ich. Ich habe nie daran gezweifelt. Siegfried legt die Gabel zur Seite, sagt irgendetwas. „Bitte?“, fragt Peter. Ich sage: „Man spricht nicht mit vollem Mund, Siegfried!“ Er wirft mit einem Knochen nach mir. „Bei Hühnern zahlen sie nicht, habe ich gesagt.“
Schade eigentlich. Aber das Huhn, das Siegfried auf dem Teller hat, das können wir ohnehin nicht mehr vorzeigen. Wir sitzen in dem einsamen Haus, das wir gemietet hatten, ganz am Rande von Geesthacht. Es ist das letzte Haus im Forstweg, nicht weit vom Pumpspeicherwerk.

„Was ist mit Elefanten?“ will Siegfried wissen. Siegfried ist ein großer Freund unsinniger Diskussionen.
„Auch nicht. Das ist kein Haarwild. – Außerdem ist es ziemlich schwierig, hier irgendwo in Schleswig-Holstein einen Autounfall mit einem Elefanten zu arrangieren.“
„Schluss jetzt!“ bestimmt der Chef. „Ihr habt uns den Schlamassel eingebrockt; nun seht zu, wie ihr da wieder herauskommt.“  Siegfried will protestieren, aber Marianne legt ihm die Hand auf die Schulter: „Streitet euch nicht, Kinder!“ Da wird er sofort ganz ruhig. Marianne – ohne die wären wir alle längst auseinander gelaufen.
Peter, Siegfried und ich, wir hätten diesen Immobilienmakler ganz normal umlegen sollen – wir sind nämlich Auftragskiller -, aber irgendwie musste er wohl Wind von der Geschichte bekommen haben, und als dann Siegfried mit der Pistole auf ihn los wollte, da ist er einfach weggerannt – und mir genau vors Auto. Und nun hat unser schöner neuer BMW eine schöne neue Beule, die wir der Versicherung irgendwie erklären müssen.
Ich sehe schon, Sie kennen sich nicht so richtig aus mit Auftragskillern. Die meisten Leute machen sich da ja völlig falsche Vorstellungen. Wir sind zu viert in unserem kleinen Unternehmen, und es ist ganz schön mühsam, die Kohle zusammenzukriegen, die wir brauchen, um über die Runden zu kommen. Bei großen Schweinen wird natürlich viel gezahlt, wenn man die umlegen soll. Aber dieser Makler, der war nur ein ganz normales kleines Schwein, hatte sich darauf spezialisiert, Rentner um ihr Geld zu bringen. Na ja, einer hat sich das dann nicht gefallen lassen. Und als er gesehen hat, dass sein Geld futsch ist und das Haus in Spanien, das er gekauft hat, gar nicht existiert, da hat er einen Kredit aufgenommen und uns beauftragt. – Wir haben es für einen Freundschaftspreis gemacht. Tausend Euro. Plus Mehrwertsteuer.
Davon kann man natürlich nicht leben. Und wie man das immer wieder im Fernsehen sieht, dass dann das Unfallauto einfach in die Schrottpresse gebracht wird, das kommt für uns auch nicht in Frage. Der Wagen muss repariert werden, und zwar auf Kosten der Versicherung. Vollkasko – da sind weglaufende Makler, die sich verkehrswidrig verhalten, mit eingeschlossen. Finden wir jedenfalls.
„Ratzeburg“, sagt Peter. „Die Straße zwischen Mölln und Ratzeburg. Da hört man doch immer wieder, dass es Unglücksfälle mit Wild gibt. Wenn ihr da ein paarmal auf und ab fahrt, dann erwischt ihr bestimmt etwas Nettes. Und denkt dran: Mitbringen das Viech, damit wir es auch bei der Versicherung vorzeigen können!“
Also machen wir uns auf den Weg. Es ist eine wunderbar finstere Nacht. Die Autoscheinwerfer leuchten, und die Reflektoren an den Begrenzungspfählen funkeln wie die Sterne. Wir fahren dreimal auf der L 199 zwischen Ratzeburg und Mölln hin und her. Links und rechts nichts als Wald. Ich sage: „Weißt du eigentlich, dass es allein in Schleswig-Holstein 14 000 Wildunfälle pro Jahr gibt?“
„Und wo ist das Wild jetzt?“, fragt Siegfried. „Wenn man es braucht, ist es nie da.“
„Wahrscheinlich ist es noch zu früh“ sage ich. „Oder inzwischen sind alle Rehe tot.“
Siegfried flucht.
Wir fahren nach Ratzeburg rein, Siegfried kennt da irgendeine Kneipe, wir wärmen uns auf bei ein paar Bier, streiten uns mit der Bedienung, und dann machen wir uns wieder an die Arbeit. Und gleich beim nächsten Durchgang hastet eine Rotte Wildschweine über die Straße.
„Vollgas!“, schreie ich, aber Siegfried hat vor Schreck schon gebremst, und die Viecher sind weg, ehe er seinen Fehler korrigieren kann.
„Lass mich mal ans Steuer“, verlange ich.
Siegfried schüttelt den Kopf. „Du bist betrunken“, sagt er.
„Ich habe nicht mehr Bier getrunken als du!“
„Aber du kannst weniger ab!“, behauptet er.
„Stimmt ja gar nicht!“
Siegfried lässt sich nicht überzeugen, und wir fahren weiter zwischen Mölln und Ratzeburg hin und her. Es ist inzwischen weit nach Mitternacht. Siegfried schweigt. Das ist auch gut so, denn sonst würden wir uns sowieso nur streiten. Ich schweige auch und denke an Marianne. Peters Marianne. Siegfried glaubt, dass sie in ihn verknallt ist, aber in Wirklichkeit bin ich derjenige, den sie am häufigsten anlächelt. Sie heißt natürlich nicht Marianne. Das steht bloß in dem Ausweis, den Peter ihr besorgt hat. Da steht auch drin, dass sie 22 ist. Sie redet nicht über sich, und wenn man sie direkt fragt, lächelt sie einen nur an und schweigt.
Der Verkehr wird langsam schwächer; bei der letzten Runde haben wir nur ein einziges Auto gesehen. Einen Streifenwagen. Aber die Bullen haben sich nicht für uns interessiert.
„Hast du das gesehen?“, sage ich. „Die haben auch ne Beule an ihrem Auto. Vorne rechts.“
Aber das interessiert Siegfried nicht. Er gähnt.
Ich habe auch keine Lust mehr, stundenlang sinnlos durch die Nacht zu fahren. Ich frage mich, ob man die Angelegenheit nicht beschleunigen kann: „So wie wir das machen, das kann ja gar nichts werden“, sage ich. „Guck doch mal, all diese Reflektoren links und rechts der Straße, die jedes Mal aufblitzen, wenn wir herankommen! Wir verscheuchen ja das Wild!“
„Deshalb sind die Dinger ja da!“, brummt Siegfried.
„Mach die Scheinwerfer aus, dann sehen sie uns nicht kommen, die Rehe, und dieser Wagen, der ist so leise, den hören sie auch erst, wenn es zu spät ist, und dann – zack!“
Siegfried schaltet das Licht aus. „Zack ist gut“, sagt er. Er erzählt, dass er mal ein Foto gesehen hat, da war ein Autofahrer mit einem Hirsch zusammengestoßen. Auf dem Foto saß der Hirsch auf dem Fahrersitz, tot natürlich, aber von dem Autofahrer war auch nicht mehr viel übrig.
„Hirsche gibt es hier nicht“, behaupte ich. Aber das stimmt nicht wirklich. Die Damhirsche aus dem Tierpark in Mölln fallen mir ein. Gibt es die hier nicht auch in freier Wildbahn? Die sind ziemlich groß, und wenn die mit dem Geweih voran durch die Windschutzscheibe donnern …
„Halt mal an“, sage ich.
Siegfried bremst. „Was ist denn?“
„Irgendwo hier hinten muss doch der Fahrradhelm von diesem Makler … – Ah, da ist er ja!“ Ich setze mir den Helm auf.
Siegfried tippt sich an die Stirn. Draußen quietschen Bremsen, grelles Scheinwerferlicht strahlt einen Moment lang in unsere Kabine, dann schießt irgendein Wagen laut hupend an uns vorbei.
„So ein Idiot“, sagt Siegfried. Er hupt auch. „Muss der Kerl uns einen solchen Schreck einjagen?“
„Wenn wir das nächste Mal anhalten, solltest du doch vielleicht lieber das Standlicht einschalten“, schlage ich vor. „Wir stehen ja schließlich mitten auf der Straße!“
„Ja, was denn nun? Mit Licht oder ohne?“ Siegfried schaltet das Standlicht ein und fährt los.
„Licht aus!“, verlange ich.
Siegfried reagiert nicht. „Da liegt was“, sagt er.
„Was, wo?“
„Hast du das nicht gesehen?“
Nein, habe ich nicht. Ich bin nachtblind.
„Da rechts, ganz dicht an der Fahrbahn. Das könnte irgend so ein Reh gewesen sein.“ Siegfried hält an. Ich nehme die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und tappe nach draußen. Siegfried steigt auch aus. Wir laufen die paar Schritte zurück. Siegfried hat richtig gesehen. Da liegt ein Reh.
„Einfach so umgefahren und dann liegengelassen“, entrüstet sich Siegfried. „Wer tut denn sowas? – Noch ganz frisch.“
„Das ist ja noch warm“, bestätige ich. „Das letzte Auto, das wir gesehen haben …“
Siegfried nickt. „Der Streifenwagen. – Vor diesem Idioten, der uns eben überholt hat, das letzte Auto davor, das war der Streifenwagen.“
„Dann haben die Bullen das Reh übergemangelt.“
„Aber ich verstehe nicht, warum sie das nicht gemeldet haben …“
„Vielleicht waren sie ja betrunken?“, mutmaßt Siegfried. „Komm, red‘ nicht lange rum, fass mal mit an!“
„Ganz schön schwer, so ein totes Reh!“, stelle ich fest. „Komm, auf den Rücksitz damit!“
Siegfried schüttelt den Kopf. „Das kommt nicht in Frage! Mit dem Blut versauen wir uns ja die ganzen Polster!“ Siegfried öffnet die Heckklappe. Aber im Kofferraum liegt ja noch der tote Makler.
„Das passt nicht rein!“, sage ich.
„Doch, das passt, das muss passen!“ Siegfried lässt das Reh los und versucht, den Makler weiter nach hinten zu stauchen. Es ist aussichtslos wegen der Leichenstarre. Schließlich gibt Siegfried auf, wuchtet das Reh auf den Makler und versucht, den Kofferraum mit Schwung zuzumachen. Es geht nicht. Siegfried zerrt an dem Makler.
„Nun hilf doch mal! Wenn das Reh unten liegt, dann geht es bestimmt!“
Ich packe mit an, und gemeinsam schaffen wir es schließlich, den sperrigen Makler aus dem Kofferraum zu heben. Wir schieben das Reh so weit wie möglich nach vorne durch, und tatsächlich gelingt es auf diese Weise, Makler und Reh gemeinsam unterzubringen. Aber der Kofferraum schließt trotzdem nicht richtig.
„Wir müssen ihn zubinden“, sagt Siegfried.
„Womit denn?“
In dem Augenblick hält ein Wagen neben uns. „Die Polizei!“, ruft Siegfried erschrocken. Ich greife nach meiner Pistole. Aber es ist nur der Förster.
„Hier ist ein Wildunfall gemeldet worden von der Straße zwischen Mölln und Ratzeburg“, sagt er. „Haben Sie etwas damit zu tun?“
Siegfried schüttelt den Kopf.
„Und weshalb halten Sie dann hier?“
„Meinem Beifahrer ist schlecht geworden“, sagt er.
Ich nickte, fasse mir an den Kopf. „Diese Kopfschmerzen! Als ob mir der Schädel zerspringen wollte Ich hab schon versucht, ihn mit dem Fahrradhelm etwas besser zusammenzuhalten …“
Der Förster starrt mich an. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er uns diese Geschichte nicht glaubt. Er sagt: „Könnten Sie mal bitte Ihren Kofferraum öffnen?“
„Bitte!“ Die Klappe ist ja sowieso schon halb offen.
Der Förster starrt auf den Makler. Zum Glück liegt er so, dass man den Kopf nicht sehen kann.
Siegfried sagt: „Lumpen tun wir immer in den Kofferraum.“
„Bis der voll ist“, ergänze ich. „Wir wollen damit zum Altkleidercontainer.“
„Mitten in der Nacht?“
„Ja, wir haben gerade etwas Zeit. Und Lumpen klappern ja nicht, wenn man sie einwirft. Das ist ja nicht so wie bei den Flaschen, die würden wir natürlich nicht nachts in irgendeinen Container werfen, das würde ja die Anwohner belästigen …“
Der Förster lässt sich nicht ablenken. „Lumpen? Das ist ja ein Kamelhaarmantel! Ein teures Stück! Den könnte doch bestimmt noch jemand …“ Der Förster zerrt an dem Mantel, aber der sitzt fest.
„Da sind die Motten drin“, behaupte ich.
„Motten? Im Kamelhaar?“
„Im Futter.“
Allmählich mache ich mir Sorgen. Wenn wir den Förster erschießen müssen, wird es ziemlich voll im Auto. Und wenn wir dann in eine Polizeikontrolle geraten …
Der Förster lässt den Mantel los. Er zieht die Nase kraus. „Ihre Lumpen hätten Sie aber vorher mal waschen können“, entrüstet er sich. „Das Zeug stinkt ja eklig.“
„Ist mir vorher gar nicht aufgefallen“, behauptet Siegfried. Es riecht nach einer Mischung aus toten Maklern und toten Rehen. „Ja, vielleicht sollten wir den Kram wirklich noch mal in die Waschmaschine stecken, bevor wir ihn in den Container tun.“
Ich nehme den Fahrradhelm ab. „Meine Kopfschmerzen lassen langsam nach“, behaupte ich. „Können wir jetzt weiterfahren?“

„Das war das“, sage ich, als der Förster endlich abgezogen ist.
„Der Makler muss sofort verschwinden“, sagt Siegfried. „Hast du gemerkt, dass dieser Förster unsere Autonummer aufgeschrieben hat?“
Ich zucke mit den Achseln. Das macht nichts, das Kennzeichen ist sowieso falsch. „Wohin mit dem Makler?“
„Rondeshagen“, schlage ich vor. „Sondermülldeponie. Da ist um diese Zeit nicht viel los.“
Aber Siegfried hat eine bessere Idee.
„Pumpspeicherwerk“, sagt er. „Wozu haben wir dieses Pumpspeicherwerk hinter dem Haus? Weißt du, wie so ein Ding funktioniert? Da wird in der Nacht, wenn keiner den Strom braucht, Wasser von der Elbe in ein großes Speicherbecken gepumpt. Und wenn dann am Morgen die Arbeit in den Betrieben wieder anläuft, dann lassen sie das Wasser wieder ablaufen, und das schießt dann auf die Turbinen unten an der Elbe, und – hui! -ist so ein Makler in kleine Stücke zerlegt und verschwindet auf Nimmerwiedersehen!“
„Und das soll funktionieren? Bleibt die Leiche nicht im Rohr stecken?“ Ich habe meine Zweifel, aber Siegfried sagt:
„Na klar funktioniert das! Die Rohre haben einen Durchmesser von 3,80 m. Und der Makler ist höchstens 1,70 m groß. Ich bin Ingenieur, ich weiß, wie so etwas geht!“
Siegfried ist kein Ingenieur. An der Fachhochschule haben sie ihn nicht haben wollen mit seinen schlechten Noten, aber er interessiert sich jedenfalls für Technik. Vielleicht geht das ja tatsächlich so, wie er sich das vorstellt.

Es geht nicht. Beim Abendessen am nächsten Tag legt Peter die Zeitung auf den Tisch. Und da steht es schwarz auf weiß: Wie soeben gemeldet wird, ist es heute früh im Pumpspeicherwerk Geesthacht zu einer Betriebsstörung gekommen. Als das Kraftwerk beim Anfahren nur mit verminderter Leistung lief, wurde die Anlage überprüft. Vor dem Rechen, der verhindert, dass irgendwelche Gegenstände in die Rohre geraten und womöglich die Turbinen beschädigen, fand sich die Leiche eines Häusermaklers. Die Leiche wies Schussverletzungen am Kopf auf. Man nimmt an, dass der Mann auf Grund persönlicher Schwierigkeiten den Freitod gewählt hat. Taucher suchen zurzeit den Boden des Speichersees nach der Waffe ab …
An den Rechen hatten wir nicht gedacht. Sehr ärgerlich.
„Wir müssen umziehen“, sagt Peter.
„Wieso?“, fragt Siegfried. Er begreift nie etwas.
„Weil dies der erste Selbstmörder ist, der sich von hinten in den Kopf geschossen hat“, sage ich. „Und gleich dreimal. Da wird selbst die Polizei stutzig.“
Und auch die Sache mit dem Kamelhaarmantel haben wir falsch gemacht. Marianne ist außer sich.
„Was habt ihr getan? Den Mantel in den Speichersee geschmissen? Seid ihr denn noch zu retten?“
„Marianne“, sage ich, „das Ding war doch völlig verdreckt. Der Mann hat auf der Straße gelegen damit. Und all das Blut. Die Einschüsse …“
„Also, Moment mal“, mischt sich Siegfried ein. „Das mit den Einschüssen, das stimmt so nicht. Saubere Kopfschüsse waren das, den Mantel hab ich nicht angerührt.“
„Den hätte man reinigen können. Der hätte mir bestimmt gepasst. Ihr wisst ja gar nicht, was so ein Ding wert ist! Für so einen Kamelhaarmantel verwendet man nur das feinere Unterhaar des zwei-höckrigen asiatischen Kamels. Es ist nicht nur seidig weich, sondern obendrein auch äußerst strapazierfähig.“
„Siegfried ist auch ein Kamel“, sage ich. „Aber er ist weder seidenweich noch strapazierfähig.“
Siegfried schmeißt mit dem Aschenbecher nach mir.
Marianne sagt: „Besonders edel und weich ist das Baby-Kamelhaar von jungen Tieren, das beim ersten Haarabwurf anfällt. Es ist allerdings erheblich teurer, da es nur einmal im Leben eines Kameles gewonnen werden kann. – Ich möchte wetten, dass der Mantel aus solchem Baby-Kamelhaar war.“
„Vielleicht.“ Ich habe jetzt genug über Kamelhaare gehört.
„Außerdem kann das Kamelhaar kann bis zu 30% seines Eigengewichtes an Flüssigkeit aufnehmen, ohne sich klamm oder feucht anzufühlen. Das habe ich alles im Internet gelesen.“
„Siegfried kann mindestens 40% seines Eigengewichts an Flüssigkeit aufnehmen“, sage ich. „Aber klamm ist er immer.“
Siegfried wirft mit der Bierflasche. Ich fange sie auf, bevor sie mich treffen kann, aber das Bier spritzt durch das Wohnzimmer.
„Und wer soll das jetzt wieder aufwischen?“, fragt Marianne. Keiner meldet sich. Wir ziehen ja sowieso bald aus.
Ansonsten ist jetzt alles geklärt. Peter hat den Wildunfall gemeldet, und er war auch gleich heute früh mit dem Reh bei der Versicherung. Er hat behauptet, dass er es danach beim Förster abgeben will, aber das hat er natürlich nicht getan, und während ich dies hier schreibe, zieht bereits ein wunderbarer Duft von Rehbraten durch das Haus. – Ach ja, Marianne ist ein Schatz. Und eigentlich ist Auftragskiller doch ein sehr schöner Beruf.
Aber ob wir den Wildschaden nun ersetzt bekommen, steht noch nicht fest. Vorhin hat irgend so ein Heini von der Versicherung angerufen und behauptet, es gäbe noch Klärungsbedarf. Bei der Probe, die sie vom Kotflügel genommen haben, haben sienämlich außer den Haaren vom Reh, die Siegfried da drapiert hat, auch mehrere Kamelhaare gefunden.
„Kamele sind auch Haarwild!“, sagt Peter.
„Wir zahlen nur bei Unfällen mit jagdbarem Haarwild“, kontert der Versicherungsmann. „Und in Deutschland ist die Kameljagd verboten.“
Überhaupt stellt der Kerl lauter unverschämte Fragen. Vielleicht sollten wir ihm sagen, dass wir Killer sind? Vielleicht wird er dann vernünftig? Aber Peter bleibt ganz ruhig. Er sagt, warum diese beiden Tiere gleichzeitig von unserem Wagen erfasst wurden, das weiß er auch nicht, aber das sei auch nicht sein Problem. Vollkasko sei doch schließlich Vollkasko – oder etwa nicht?