Senkrechtstarterin aus der Nische

Im kleinen Dalldorf lebt Ann-Kathrin Karschnick. Die ist bodenständig, aber alles andere als provinziell. Die 30-Jährige mit der ausgreifenden Fantasie scheint dabei, als Autorin in einer literarischen Nische einen Senkrechtstart hinzulegen …

Dalldorf – Mal ehrlich: Können Sie sich vorstellen, dass im Südzipfel von Schleswig-Holstein eine Fantastik- und Erotik-Autorin auf Erfolgskurs lebt? Dass ihr grünes Kleid, das sie bei Lesungen trägt, eine eigene Fanpage hat? Und dass die Frau, von der die Rede ist, total geerdet, offen und unkompliziert wirkt? Ann-Kathrin Karschnick schlüpft gern in Jeans und Shirt, läuft am liebsten barfuß und fährt Skoda. Sie kann mit Zahlen und mit Zeit umgehen. Sie lebt im winzigen Dalldorf – und hat mit ihrer veröffentlichten Fantasie in den vergangenen paar Jahren einige Tausend Fans und drei Preise eingefangen. Da bohren wir doch mal ein bisschen nach …

Die Fakten: Ann-Kathrin Karschnick (30) hat Bankkauffrau gelernt und arbeitet seit gut sieben Jahren in Teilzeit bei einer Hamburger Reederei, wo sie für die internationale Heuerabrechnung verantwortlich ist. Sie wohnt mit ihrem Mann Hendrik Fresen seit Mai in einem Einfamilienhaus im Dalldorfer Neubaugebiet. Man kennt sie auch in ihren vorangegangenen Wohnorten Schwarzenbek, Geesthacht und Brunstorf. Sie schreibt Fantasy-Romane und -geschichten, unter dem Pseudonym Karyna Leon auch Erotisches. Von ihr erschienen sind im Sektor Fantasy die Phoenix-Trilogie „Tochter der Asche“ (2013), „Erbe des Feuers“ (2014) und „Kinder der Glut“ (2015), „Sternenpfad“ (2014), diverse Kurzgeschichten in fünf von ihr herausgegebenen Anthologien. Dazu hat sie zwei Bücher der Autorenkolleginnen Alexandra Harvey und Jennifer Ashley ins Deutsche übersetzt. Ihre Fantasy-Bücher werden von Papierverzierer und Ulrich Burger in Broschur und als E-Book verlegt.

Die Phoenix-Trilogie brachte ihr bereits drei namhafte Szene-Preise ein. 2014 holte sie sich mit „Tochter der Asche“ den Deutschen Phantastikpreis des Publikums in der Sparte Bester deutschsprachiger Fantasyroman. 2014 und 2015 gewann sie den Hombuch-Autorenpreis in der Kategorie Fantasy. Den erst vor wenigen Tagen vergebenen diesjährigen Phantastikpreis verpasste sie nur knapp – landete mit „Erbe des Feuers“ auf Rang 2.

Impulsiv: ein „Notfall“, der erfinderisch machte

Wie fängt eine solche Laufbahn an? Die von Ann-Kathrin Karschnick begann in Geesthacht. Ein Riesengewitter gab ihr den Kick, wie sie erzählt: Stromausfall, kein Fernsehen, kein Internet, keine ungelesenen Bücher mehr im Haus (Favoriten Agatha Christie und Barbara Wood). Da war Fantasie gefragt, mit der sie offensichtlich üppig bedacht ist. „Ich habe angefangen, eine Landkarte für eine andere Welt zu malen, was mich über Stunden beschäftigt hat. Dann habe ich mich gefragt, wer in dieser Welt leben könnte? Es mussten Leute her – da habe ich sie halt erfunden. Es hatte ein bisschen was von Tolkien.“ Diese „Leute“ wurden wenig später die Protagonisten ihres ersten Romans „Kara“. In ihren neuesten Romanen zeigt sich ganz gut, was Karschnick sich so ausdenkt. Die Phoenix-Trilogie spielt im Jahr 2033 in Hamburg. Europa liegt nach einem fehlgeschlagenen Experiment 1913 und diversen Kriegen mit Amerika in Trümmern und wird von den überirdischen Saiwalo mithilfe des damals führenden Wissenschaftlers Nicola Tesla wieder aufgebaut. Hamburg wird von einer unerklärlichen Mordserie erschüttert, in der Leon von der Kontinentalarmee ermittelt. Dabei trifft er auf eine rätselhafte Frau namens Tavi. Wer sie ist, wieso sie die Saiwalo verdächtigt und wie es weiter geht – das können Sie selbst in den drei Bänden lesen. Sollten Sie eher Elfenangelegenheiten in Berlin reizen, folgen Sie dem „Sternenpfad“!

Vorteilhaft: gutes Zeitmanagement

Die Frau mit der fantastischen Ader hat einen Job in Hamburg. Dann sind da noch Familie und Freunde, Haus und Garten, die Hobbys („ich bin Serienjunkie und begeisterte Geocacherin“). Nicht zu vergessen das Engagement fürs Jugendrotkreuz in Schwarzenbek, das sie zwölf Jahre lang selbst geleitet hat. Sie arbeitet noch im Kreisausschuss mit und gibt einen Erste-Hilfe-Kurs. Sie pflegt ihre Website, bloggt und betreut ihre Facebook-Fanseiten. Nur nebenbei: Die für „Das grüne Kleid“ entstand auf Wunsch der Fans. Sie waren es auch, die die folkloristische Textilie binnen kürzester Zeit als Pflichtoutfit bei Lesungen einforderten und sie damit zu Karschnicks Markenzeichen machten. Für die Autorin „ein gigantischer Wiedererkennungseffekt“.

Unerlässslich: Disziplin

Wann kommt diese Frau zum Schreiben, wie arbeitet sie? Ideen flögen sie immer und überall an, oft unterwegs, sagt sie. Auf Zetteln und Handy notiere sie alles von Interesse: Szenarien, Geräusche, Gesprächsfetzen, Verhaltensweisen. In der Bahn zwischen Büchen und Hamburg-Teufelsbrück schreibe sie am konsequentesten – zwischen sieben und acht Uhr auf dem Weg zur Arbeit, zwischen 17 und 19 Uhr auf dem Rückweg. Strukturiertes Arbeiten als Autorin habe sie erst lernen müssen. „In den ersten Jahren habe ich einfach drauf los geschrieben, Logikfehler oft gar nicht bemerkt.“ Die verhindere inzwischen ein aufmerksamer Freund, der ihre Texte vorab durchcheckt. Der nächste Schritt zur Disziplin seien die von ihrer Agentin geforderten Exposés zu den Büchern geworden. Inzwischen gehören Plotpläne zu Karschnicks Handwerkszeug. Darin legt sie u. a. die Charaktere ihrer Figuren an, die grobe Linie der Handlung fest („ein bisschen Spiel darf sein“), plant Beginn und Ende ihrer Geschichte. Stress mit Abgabeterminen hat sie nicht (mehr): „Man gewöhnt sich an den Druck, zu einem bestimmten Zeitpunkt liefern zu müssen.“

Unersetzlich: persönlicher Kontakt

Die Schriftstellerei – längst mehr als bloß ein Hobby – sei „ein schöner Ausgleich zum zahlenlastigen Job“ sagt sie in hanseatischem Unterstatement. Die Schriftstellerei bringt es auch mit sich, dass Karschnick ziemlich viel unterwegs ist, um Leser unter den Genrefreunden zu rekrutieren – und nicht nur im Web wollen die Communities begöscht werden. Sie reist zu großen und kleinen Buchmessen und Conventions, hält und moderiert Lesungen, belohnt die Fans mit ersten Auszügen aus dem nächsten Buch. Von März bis Ende November ist Saison für Messen und Conventions, erklärt sie. Mit Beginn der Leipziger Buchmesse geht Karschnick fast jedes zweite Wochenende deutschlandweit auf Tour. Bei den Conventions („Cons“ für Insider) treffen sich Gleichgesinnte zu Gedankenaustausch, Rollenspielen, Lesungen etc. Zu den „kleinen gemütlichen Cons“ in der Fantastik-Szene kämen 200 bis 500 Menschen, es gebe aber auch große mit mehr als 20.000 Leuten, wie die FaRK (Fantasie- und Rollenspiel-Konvent) im saarländischen Landsweiler-Reden. Ihre Szene sei wie eine große Familie – „eine unglaubliche Gemeinschaft zwischen Autoren und Fans“. Unter den Fantasy-Autoren hat Ann-Kathrin Karschnick wenig Konkurrenzdenken, dafür viel Hilfs- und Kooperationsbereitschaft ausgemacht. Und bei den großen Cons auf kollegialer Ebene Bestseller-Autoren wie Wolfgang Hohlbein oder Markus Heitz zu begegnen (letzteren verdrängte sie 2014 beim Hombuch-Preis auf den 2. Platz) und „den eigenen Namen im gleichen Atemzug mit ihrem zu hören – das hat schon was!“.

Unbegrenzt: Gedanken und Gefühle

„Fantasy ist die Gabe, Unsichtbares zu sehen“, steht auf Karschnicks Website. Was und wem gibt sie in ihren Geschichten Raum? Der Erde und Parallelwelten, Menschen und anderen Lebewesen in Verbindung zwischen Gestern, Heute und Morgen – könnte man sagen. Karschnick macht es gerne spannend, sie webt Humor und ihr bekannte Städte, Sie setzt auf Heldinnen, die nicht perfekt sind. Dass rund die Hälfte ihrer Leser und Fans Männer sind, wie Karschnick weiß, führt sie darauf zurück, dass es in ihren kampf- und schlachtbestückten Storys „auch mal härter zur Sache geht“. Ganz anders ist das bei ihrem „erotischen Zwilling“ Karyna Leon. In den erotischen Romanen und Kurzgeschichten mit diesem Pseudonym fährt die Schleswig-Holsteinerin bei aller Leidenschaft die eher sanfte Schiene – „da bewege ich mich im Bereich Blümchensex“, sagt sie. Drei E-Books sind von Karyna Leon bisher bei Bastei-Lübbe und im Cupido-Verlag erschienen: „Caprice – Wilde Nächte in Cancun“ (2012), „Club der Sinne“ (2012) und „Mein geheimes Verlangen“ (2015). Wie sieht’s da mit der Leserschaft aus? „Männer springen beim Zuhören auf Erotik an – aber gekauft und gelesen werden die Bücher überwiegend von Frauen“, so ihre Erfahrung. Macht es einen Unterschied Fantasy oder Erotik zu schreiben? Oh ja, sagt Karschnick (äh, Leon): „Erotik ist viel schwieriger als Fantasy, weil man hier durchgängig Stimmung erzeugen und diese halten muss, ohne dass man sich dabei wiederholen darf.“

Live: Karschnick & Leon

Sind Sie ein wenig neugierig geworden auf Ann-Kathrin Karschnick und/oder Karyna Leon? Dann sollten Sie beim Schwarzenbeker Literaturherbst „zuschlagen“: Die Autorin aus Dalldorf bestreitet mit Jochen Vilmar am 30. Oktober die Auftaktlesung „Mörderisches bei Wein und Bier“ (19.30 Uhr DRK-Zentrum, Bismarckstraße 9b), liest am Abend des 31. Oktober erstmals in der Region für Erwachsene erotische Geschichten aus „Club der Sinne“ und „Wilde Nächte in Cancun“ (19.30 Uhr AXA-Agentur Lehmann, Hamburger Straße 15a) und entführt ihr Publikum am 3. November mit Auszügen aus „Phoenix – Kinder der Glut“ und „Sternenpfad“ ins Reich ihrer Fantasy (19.30 Uhr Brillenschmiede, Schmiedestraße 12). Der Eintritt ist frei. Wer’s nicht schafft, kann sich immer noch auf der Website der Autorin (www.ann-kathrinkarschnick.de), in ihrem Blog und auf ihren Facebook-Fanseiten umsehen.