Dies Bildnis wird einen Zauber haben

Die LAG AktivRegion Sachsenwald-Elbe fördert das archäologische Projekt „Die erste Geesthachterin und ihre Zeit“ mit rund 38.000 Euro. Damit steht die für Juli 2016 geplante bronzezeitliche Ausstellung im GeesthachtMuseum kurz vor ihrer Verwirklichung.

Geesthacht – Mit der Förderung ist Museumsleiter Busch seinem seit den 90er-Jahren gehegten Traum, die erste Geesthachterin irgendwann „zum Leben“ zu erwecken, Schritt für Schritt näher gerückt. Mit der ersten Geesthachterin ist jene Frau aus dem bronzezeitlichen Totenhaus im Stadtteil Grünhof-Tesperhude gemeint, deren Relikte 1932 entdeckt, akribisch ausgegraben und dokumentiert wurden. Das Museumsprojekt verfolgt das Ziel, diesen Fund und dessen weit über die Stadt hinaus reichende historische Bedeutung nachhaltig mit einer Sonder- und später überarbeiteten Dauerausstellung ab 2017 klar zu machen. „Wir planen damit nicht eine jener Sonderaktionen, nach denen alles wieder vorbei ist. Wir möchten, dass unser archäologischer Schatz ein anhaltender Anziehungspunkt für unsere Stadt wird“, sagt uns Wolf-Rüdiger Busch.
Hoch interessant für die Wissenschaft
Zwei Jahre Vorarbeit hatten er und der Archäologe Dr. Bernd Zich, ehemaliger Abteilungsleiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, für das Projekt geleistet. Zu diesem gehörten auch die „Archäologischen Thementage“ im September und Oktober 2015, bei denen Fachleute für die Bürger aus der Region mit zehn Vorträgen einen profunden wissenschaftlichen Teppich auslegten für die nun von Juli bis November 2016 stattfindende Sonderausstellung im GeesthachtMuseum. Sie trägt den Titel „Die erste Geesthachterin und ihre Zeit. Neue Indizien und Erkenntnisse nach 3000 Jahren. Das Totenhaus von Grünhof-Tesperhude“.
Dazu werden die Vorträge der Thementage als wissenschaftliche Aufsätze noch in Buchform erscheinen: „Sie enthalten das Aktuellste, was es in der Forschung zu unserem Thema gibt“, sagt Busch. Und ist glücklich, die Herausgabe durch die Hamburger Hans-und-Margarete-Tiedemann-Stiftung gesponsort zu wissen. Die Ausstellung selbst soll mit passenden Exponaten von anderen archäologischen Museen angereichert werden. Dazu steht der Museumsleiter mit inzwischen 24 Museen bundesweit in Kontakt. „Die Resonanz ist sehr positiv, die Hilfsbereitschaft unter Kollegen enorm“, so Busch. Für die Archäologen besonders interessant: Die Frau aus dem Totenhaus in Tesperhude wird zeitlich der sog. Älteren nordischen Bronzezeit (Periode III / 1300 – 1100 v. Chr.) zugeordnet. Sie gilt als Verbindungsglied zwischen dem Lüneburger und dem Nordischen Kreis – und ist nördlich der Elbe das bislang einzige Beispiel, bei dem nordische Kleidungs- und Schmuckartefakte und Lüneburger Begräbnisritus zusammenlaufen.
Finanzierung scheint jetzt gesichert
Nur aus dem Stadtsäckel hätte Geesthacht das mit insgesamt 86.400 Euro kalkulierte Projekt wohl nicht gewuppt, an dessen Ende ein Abbild der ersten Geesthachterin stehen soll, interessant und anregend für Experten und Laien gleichermaßen. Mindestens 50 Prozent Fördermittel musste der Museumsleiter einwerben. Er leistete gute Überzeugungsarbeit. Die Kulturstiftung des Landes fördert das Projekt mit 8.000 Euro, weil das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein der geplanten Ausstellung bescheinigt hatte, dass sie mit Thema und Ziel von Bedeutung für das Land und darüber hinaus sei. Die Nachhaltigkeit des Projekts – die in die 800-Jahr-Feier der Stadt 2016 integrierte Sonderschau soll danach Teil der Dauerausstellung zu Geesthachts Geschichte werden – beeindruckte auch die LAG-AktivRegion Sachsenwald-Elbe. Der Vorstand sagte deshalb rund 38.000 Euro Förderung zu. Weitere 8.600 Euro Sponsorengelder fließen laut Busch in die Produktion des Buches und eines Gemäldes. Nun ist die Stadt Geesthacht mit ihren Mitteln am Zuge – Busch erwartet, dass der Kulturausschuss in seiner Februar-Sitzung die bislang mit einem Sperrvermerk versehenen Haushaltsmittel freigibt.
Forensik und Gespür reichen sich die Hand
Der nächste Schritt wartet schon: die Schaffung eines „fotorealistischen Bildnisses“ der nachweislich ersten Geesthachterin, die in der Bronzezeit in einem Baumsarg mit einem Kind eingeäschert worden war. Wie lässt sich aus 3000 Jahre alten verbrannten Überresten so etwas herstellen? Da sind zum einen die Bronzeartefakte, die mit den Relikten der Frau nachgewiesen wurden: drei kleine zusammengerostete Spiralröllchen aus Bronzedraht auf Kniehöhe, Reste eines gedrehten Bronzeringes beim Hals und Fragmente einer Bronzefibel mit kreuzförmigem Kopf. Diese Indizien könnten nach Einschätzung der Archäologen im Zusammenhang mit allen befundgestützten Informationen und externen Vergleichen „zu einem erstaunlich kompletten Gesamtbild zusammengefügt werden“, erklärt Busch. Lücken würden mit „qualifizierter Phantasie“ gefüllt. Die Vorarbeiten zur Ausstellung sind laut Busch auch als wissenschaftliche Analyse zu verstehen.
Einfacher ausgedrückt: Aus Vergleichsfunden andernorts lässt sich eine Menge zu Biologie, Figur und Konstitution, Gesellschaftsschicht und sozialem Status, Sitten und Bräuche, Mode und Frisuren ableiten. Auf Grundlage der forensisch nachgewiesenen Details wird der österreichische Künstler Karol Schauer – er arbeitet für zahlreiche bedeutende europäische Museen, seine Arbeit wird von einem Mäzen gesponsort – ein wissenschaftlich haltbares Porträt malen, ca. 20 x 30 cm in Farbe. Für das Gesicht wird ein gutes Stück künstlerische Freiheit gelten müssen. Größe (ca. 160 cm), Körperbau, Kleidung, Haare und Schmuck sollen mit heutigem Blick zurück so authentisch wie möglich werden. Am Ende soll eine landesweit einzigartige Figur dastehen, die ab 2017 im ersten Teil der überarbeiteten Dauerausstellung des GeesthachtMuseums eine zentrale Stellung für die Vor- und Frühgeschichte einnimmt. Wolf-Rüdiger Busch hat dazu bereits eine prickelnde Idee für seine Stadt. Er will möglichst viele Schüler dazu bewegen, eigene Bildnisse der ersten Geesthachterin zu modellieren – und diese Modelle der Figur gegenüberstellen. Wenn das nicht eine eigene Ausstellung gibt …!