Virtuose Kunst im modernen Rahmen

Die Frühjahrsausstellung des Kunstbeirats der Stiftung Herzogtum Lauenburg mit
Arbeiten von Isaak Feldman ist in Mölln bis zum 3. April geöffnet.

Von Brigitte Gerkens-Harmann
Mölln – Ein markantes Motiv ist in Mölln bestens bekannt: Die Blickachse historisches Rathaus mit Marktplatz hat einen besonderen Reiz und Künstler sehen sofort das gestaltende Element dieser Verbindung. Auch Isaak Feldman hielt diese Perspektive in seinem Werk fest. Zu sehen ist dieses Bild und weitere 57 Exponate in der aktuellen Frühjahrsausstellung.
Die großartigen Möglichkeiten, die das historische Medaillongebäude für umfangreiches Ausstellungen bietet, wurden voll ausgenutzt. In allen lichtdurchfluteten Räumen können sich Besucher an Exponaten erfreuen, die ebenso virtuos wie abwechslungsreich, so farbig wie modern und berührend sind.
In Öl, in Acryl und in wenigen Aquarellen zeigt der aus Moldawien stammende Künstler Isaak Feldman seine ganze künstlerische Kraft. „Als ich zum ersten Mal seine Gemälde sah, musste ich sofort an Lionel Feininger und Tamara de Lempicka denken, die Echos spätkubistischer blauer Reiter gepaart mit einer Prise Pariser Art Deco, aufgetragen in altmeisterlicher, fast flämisch anmutender Manier.“ Dies sagte Christoph Ernst in seiner ebenso zugewandten wie informativen Laudatio auf den Künstler, der aus Hamburg angereist war.
Ernst, selbst Maler, aber vor allem Schriftsteller und Sprecher des Literaturbeirats der Stiftung, würdigte in seiner Einführung das außergewöhnliche Werk Feldmans (Im Service-Block im Anschluß ist die gesamte Laudatio zu finden).
Der Kunstbeirat mit Sprecher Stefan Kruse (Krummesse) und Antje Ladiges-Specht (Klein Zecher) hatten die Ausstellung konzipiert und mit dem Künstler wirkungs- und eindrucksvoll gestaltet. Kruse begrüßte die über 50 Vernissage-Gäste, darunter auch Stiftungspräsident Klaus Schlie. Kulturschaffende aus der Region waren ebenso wie Vertreter der anderen Beiräte bei der Vernissage dabei.
Eine faszinierende Farbigkeit inmitten der Bilder, bot Cellist Peter Köhler. Der Musiker, Mitglied im Musikbeirat der Stiftung, improvisierte in einem Jazz-Folk-Mix zu den Exponaten. Seine stimmungsvollen und ausgesprochen feinfühligen Kompositionen passten großartig in den heiteren Rahmen der Ausstellung.
Stiftungspräsident Klaus Schlie zeigte sich im Gespräch mit dem Künstler ebenfalls sehr beeindruckt von den Werken und bot Isaak Feldman an, einmal eine Ausstellung im Landeshaus in Kiel zu organisieren.
Die Ausstellung ist noch bis zum 3. April, Freitag 15 bis 18 Uhr und am Wochenende 11- 15 Uhr, geöffnet.
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Laudatio zur Ausstellungseröffnung am 13. März 2016
Von Christoph Ernst
Isaak Feldman ist Grafiker, Maler und Bildhauer. Seine Skulpturen und Gemälde sind von Moskau bis in den Westen der USA in Sammlungen und Museen zu bewundern. Dass Sie dazu heute nicht nach Tel Aviv oder San Francisco reisen müssen, sondern sie hier ansehen dürfen, haben Sie Antje Ladiges-Specht und Stefan Kruse vom Kunstbeirat zu verdanken, die mit Feldmanns Arbeiten einen Einblick in das Wirken eines von Jugend an durch die Kunst Besessenen geben.
Feldman kam 1957 in Kischinew zur Welt, der Hauptstadt Moldawiens, die damals noch zur Sowjetunion gehörte. Sein Umfeld wurde früh auf die Begabung des Jungen aufmerksam. Mit fünfzehn wechselte er auf die Kunstschule in Pensa bei Moskau. Dort empfahl ihn ein Mentor weiter nach Leningrad – direkt an die renommierte Akademie, die heute wieder ihrem Namen aus der Zarenzeit trägt, Baron Alexander von Stieglitz Akademie.  
Die Jahre in Leningrad waren prägend für Feldman. Einer seiner Lehrer, der über familiäre Kontakte Zugang zu den Depots der Eremitage hatte, machte ihn heimlich mit den verbotenen Früchten der russischen Moderne vertraut. So lernte Feldman viele der Werke kennen, die seit Stalins Machtübernahme als dekadent galten und aus den Museen verschwunden waren.
1980 dann, pünktlich zur Olympiade, graduierte Feldman. Anders als die meisten seiner Kommilitonen, die übers Land verteilt wurden, um in der Provinz die Kosten für ihr Studium abzuarbeiten, durfte er direkt an einen Ort seiner Wahl. Er ging nach Tallin, wo er für zwei Jahre Meisterschüler bei dem Bildhauer Ernest Taaume wurde.
Taaume, 1893 geboren und in der Zarenzeit groß geworden, hatte sich mit Ernst Barlach und Henri Moore ausgetauscht. Er stellte künstlerisch und philosophisch eine Brücke in die Ära vor Stalin her, als die russische und sowjetische Kunst für kurze Zeit an der Spitze der Moderne stand.
Taaume hielt Feldman dazu an, mit den rigiden Parameter des sozialistischen Realismus zu brechen, sich auf seine künstlerischen Instinkte zu verlassen und auf seine innere Stimme hören.
Taaume muss ein guter Lehrer gewesen sein, denn Feldman hat einen unverwechselbaren Ausdruck gefunden.
Als ich zum ersten Mal seine Gemälde sah, musste ich sofort an Lionel Feininger und Tamara de Lempicka denken, die Echos spätkubistischer blauer Reiter gepaart mit einer Prise Pariser Art Deco, aufgetragen in altmeisterlicher, fast flämisch anmutender Manier.
Feldman sagt, er sei Feininger und Lempicka erst nach seiner Übersiedelung in den Westen begegnet, also lange nach Leningrad und Tallinn. Wichtiger seien für ihn die sowjetischen Rebellen der Sechziger gewesen, Leute wie Michael Schimyakin und Ernst Neizvestny, die offiziell verpönt waren und inoffiziell gefeiert wurden, obwohl oder weil Chruschtschow ihre Werke mit Bulldozern zermalmen ließ.
Politik mache Kunst immer kaputt, meint Feldman. Alles, was seine Kollegen sich zuschulden hätten kommen lassen, sei es, eine andere Art der Sicht auf die Welt zu ermöglichen. Nicht mehr und nicht weniger. Nur freiere Horizonte.
Um freiere Horizonte geht es auch in seinen Bildern – im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn, wobei die erdigen Töne für ihn Ruhe ausstrahlen. Sie sollen harmonisch wirken und den Betrachter einladen, die meditative Verbundenheit zum großen Ganzen herzustellen.
Ihnen fällt auf, dass die Gesichter auf vielen der Zeichnungen und Gemälde nur angedeutet sind. Damit will Feldman unseren Blick auf das für ihn Eigentliche lenken, die Körpersprache. Mit Mimik und Stimme ließe sich lügen, die Gestalt gebe immer die wahre Haltung preis.
Diese Reduktion aufs Wesentliche ist ein fast literarischer Ansatz. Feldman nennt das Sichtbarmachen dessen, was er für die Essenz hält, „irrationalen Realismus“.
 Man könnte es auch das Vertrauen des Künstlers ins eigene schamanisches Talent nennen, geboren aus der Erfahrung, dass das Elementare sich oft erst offenbart, wenn man es von den Ablenkungen des Scheins befreit. Wer das Strukturelle jenseits der Oberfläche zutage treten lässt, verhilft dem Inhalt zum Sieg über die Form, er entzaubert und transzendiert das Äußere. Das ist so analytisch wie spirituell, denn es setzt viel Zuversicht in die befreienden Potentiale der Wahrheit voraus.
 
Vielleicht ist das die zentrale Botschaft Feldmans, das, was ihm als die andere, die freiere Sicht vorschwebt, obwohl es etwas wie eine übergeordnete Botschaft gar nicht geben soll, weil er mit Ideologien noch weniger am Hut hat als mit Politik. Immerhin sagt er von sich, er sei unpolitisch, ein Kosmopolit, Pazifist und Weltbürger.
Aber das Unpolitische ist eben auch politisch, gerade und besonders für jemanden, der als Angehöriger der jüdischen Minderheit in der Sowjetunion aufgewachsen ist, ein „homo sovieticus“, geprägt durch die berüchtigte Passgesetzen der Stalinära, den der Dekan der Leningrader Akademie mit der Frage begrüßte, wie viel Handsalbe er gezahlt habe, um es als Jude an diese Hochschule zu schaffen.
Feldman fühlt sich keinem Staat zugehörig. Vielleicht, weil er sich zu lebhaft daran erinnert, welchen Alltagsschikanen Juden in Transnistrien ausgesetzt waren. Zum Leben im Exil befragt, erklärt er, er verspüre kein Heimweh. Er trüge das, was er zeigen wolle, in sich. Die Natur sei überall schön, unabhängig vom Ort.
Für mich als westlichen Historiker ist ‚Kosmopolit’ die Chiffre für verklausulierten Antisemitismus, der Kampfbegriff der Schergen von Josef Stalin und Adolf Hitler, mit dem sie andere zu Todeskandidaten stempelten. Dass das Wort für Feldman positiv besetzt ist, deute ich dialektisch. Es erklärt sich aus seiner Erfahrung.
Anfang 1992 kehrte er wegen seiner Mutter nach Kischinew zurück. Im Jahr eins nach der Unabhängigkeit tobte dort der „nationalistische Irrsinn“. Juden, Ukrainer und Russen waren an Leib und Leben bedroht. Doch diesmal war es nicht die zaristische Geheimpolizei, die die Pogromstimmung schürte, auch nicht Stalins Bürokratie, sondern der entfesselte Mob.
Kein guter Ort für einen, der freien Horizonten verpflichtet ist. Aber einer der Gründe, warum Feldman sich gegen das Politische in der Kunst ausspricht. Er hat zu oft erlebt, wie Politik die Kunst beschneidet. Der Politik geht es um Macht. Der Kunst um Einsichten und Erkenntnisse. Sie lässt sich nicht instrumentalisieren. Wer ihren anarchischen Charakter politisch zu zähmen sucht, zerstört sie. Deshalb sind Kunst und Politik für ihn unvereinbar.
George Orwell schrieb 1946, ohne geistige Freiheit sei keine Prosa möglich. Er wandte sich gegen englische Intellektuelle, die vor den die totalitären Ansprüchen der Stalinisten einknickten, in politische Korrektheit verfielen und so zentrale liberale Grundsätze verrieten.
Wer Orwell 2016 liest, kann vieles auf die Malaise der heutigen Bundesrepublik übertragen, aber auch wer das nicht tut, begreift, wieso ein Künstler wie Isaak Feldman nichts mit Politik zu schaffen haben will.
Isaak Feldman lädt uns ein in Zonen, wo die Form den Inhalt preisgibt. Er fordert zum Meditieren über das Wesen des Eigentlichen auf. Seine Kunst ist Schutzraum, Refugium oder Erkenntnispark. Je nachdem. Sie haben die Wahl.