Neuer Schwerpunkt: Kunst aus Syrien und Eritrea

Premiere bei der 10. Wentorfer Kulturwoche im Juni: Erstmals nehmen Flüchtlinge aktiv teil. Im Mittelpunkt der Kunst aus anderen Kulturen steht Menschen und Malerei aus Syrien und Eritrea.

Wentorf – Bei der Kulturwoche vom 17. bis 26. Juni 2016 wirken Initiatorin Sybille Marks und ihr Team erstmals mit dem Runden Tisch Asyl Wentorf zusammen, der mit mehr als 140 Unterstützern die ausländischen Ankömmlinge ehrenamtlich betreut. Das engagierte und enorm vielfältige Programm der Kulturwoche mit Kunst, Musik, Theater, Lesungen und Vorträgen, Tanz und Kino, Workshops und kulinarischen Genüssen ist unterwww.wentorfer-kulturwoche.de stets aktualisiert abrufbar. Der Runde Tisch leistet diesmal mit einem täglichen Programm und Infostand im Pavillon vor dem Rathaus einen wertvollen Beitrag zur Verständigung zwischen „alten und neuen Wentorfer Bürgern“ – als solche werden die Flüchtlinge angesehen unabhängig von ihrem offiziellen Status. Drei ausländische Maler stellen während der Kulturwoche Bilder aus, die hier entstanden sind.

„Wir möchten Kultur aus anderen Welten zeigen und die Künstler hier eingliedern – wir möchten auch vermitteln, was die Flüchtlinge mitbringen und wir von ihnen lernen können“, sagt Sybille Marks zum neuen Schwerpunkt. Die teilnehmenden Künstler kommen aus Syrien und Eritrea. Jalal Yamani (62), der sich als Dolmetscher, Lehrer und Lebensberater intensiv an der Betreuung der Wentorfer Flüchtlinge beteiligt, lebt bereits seit rund vierzig Jahren mit seiner Familie in Wentorf. Der aus Damaskus stammende Innenarchitekt und Geschäftsmann mit zeichnerischer Ausbildung malt bis heute mit Begeisterung, vor allem Landschaften, Stillleben, Menschen aus seinem Heimatland, das ihn nie ganz losgelassen hat. Seine gegenständlichen Motive hält er meist in hellen und frischen Farben fest. „Ich male, was jeder sehen kann“, sagt der Künstler, der als einziger der drei vorgestellten Maler sein Leben in Deutschland neu eingerichtet und langfristig arrangiert hat. Yamani hat seine Frau hier gefunden, ist Vater und dreifacher Opa, seine Eltern liegen in Wentorf begraben.

Khaled Abdulkader (29) aus Eritrea hat vor seiner Flucht im Herbst 2014 Bildhauerei und Malerei studiert, auch als Modellbauer gearbeitet. Dreimal sei er im Gefängnis gewesen und gefoltert worden, berichten die Betreuer. Der traumatisierte junge Künstler spreche selbst nicht gern darüber, obwohl er sich in sechs Sprachen verständigen kann. Deutsch lernt er gerade erst bei einem Intensivkurs in Mölln. Khaled Abdulkader lebt inzwischen in Büchen, hat schon Anschluss gefunden. Seine Patin Marion Hauke stellte ihm erstes Material und einen Platz zum Arbeiten zur Verfügung, macht ihn bei Fahrradtouren mit der Umgebung vertraut. Er darf inzwischen im Schwarzenbeker Atelier „Frei Malen“ arbeiten, macht zurzeit ein dreimonatiges Praktikum bei der Bronzegießerei Wittkamp in Elmenhorst. Hans Kuretzky hatte das Multitalent Anfang des Jahres zu einem seiner Kunstgespräche nach Borstorf eingeladen, auch im Fernsehen war Abdulkader schon zu sehen. Einige seiner Skizzen, die er damals vor der Kamera zeichnete, sollen nun sogar für ein Kinderbuch verwendet werden. Künstlerkollegen sprechen dem vielseitigen Talent „goldene Hände“ zu. Im Mittelpunkt seiner neuen Bilder stehen Menschen, doch auch an den Elbe-Lübeck-Kanal hat er sich schon gewagt. Kraftvolle Töne setzt er auf die Leinwand, so bunt wie das Leben ist seine Farbpalette.

Dritter im Bunde ist Hajar Issa (46). Der bis 2010 in Damaskus etablierte und international ausstellende Künstler hatte auch als preisgekrönter Artdirector für Filme und Fernsehserien hohes Renommee genossen. Bis zu seinem letzten – regimekritischen – Film. Keiner der Beteiligten habe es nach Abschluss der Dreharbeiten in Frankreich gewagt, nach Syrien zurückzukehren, erzählt er. Dort hat Issa zurückgelassen, was wirklich zählt: seine Frau und zwei Kinder. Unwichtig geworden sei auf einen Schlag alles andere – das gute Leben, der tolle Job, das viele Geld, der gute Name, der Verstand, Leben, Träume, Zukunft. Jetzt sitzt er in einem Fünferzimmer im Wentorfer Campus, malt fast manisch, soweit er nur mit dem vorhandenen Material kommt. „Ich weiß, was ich malen will – also geht es schnell“, wirft Hajar Issa hin (überwiegend in Englisch, bei Bedarf übersetzt Jalal Yamani) – er könne in einem Monat auch hundert Bilder malen. Was er will, ist seine Familie – und die taucht in seinen Meeren aus satten orientalischen Farben überall auf. „Issa malt, was er im Kopf hat. Jedes Bild zeigt eine schmerzhafte Geschichte“, erklärt Yamani, als dem Kollegen die Worte ausgehen, obwohl sein Inneres Bilder im Überfluss produziert.

Am ersten Wochenende 18./19. Juni werden die Bilder von Hajar Issa und Jalal Yamani in einer Gemeinschaftsausstellung (Fotografie, Malerei, Skulpturen) mit Christiane Kortüm, Claudia Lorenz-Meyer und Dr. Tankred Tabbert im Gemeindehaus und Nordgang der Martin-Luther-Kirche, Waldweg 1, zu sehen sein – am Samstag von 13 bis 18 Uhr, am Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Die Vernissage erfolgt am 17. Juni um 19 Uhr vor dem Eröffnungskonzert mit “Quartettrapack“. Khaled Abdulkader stellt am selben Ort am zweiten Wochenende gemeinsam mit Kerstin Harneit, Eveline Krebs, Martina Schmidt-Eichberg, Loki Specht und Margret Zehnder-Schmitt aus (Kerzenkunst, Malerei, Märchenfiguren-Handarbeiten, Porzellanmalerei). Die Vernissage am Freitag, 24. Juni (19 Uhr) wird vom „Duo Amoroso“ musikalisch begleitet. Die Schau selbst ist am Samstag von 13 bis 18 Uhr, am Sonntag von 11 bis 17 Uhr zu sehen. Die Exponate der Künstler stehen auch zum Verkauf – Spenden für das Arbeitsmittel der geflüchteten Maler sind hoch willkommen. Kontakt: Runder Tisch Asyl Wentorf (Katharina-Bartsch@gmx.de) oder AWO-Flüchtlingsbetreuer Stefan Jenkel (stefan.jenkel@awo-sh.de.