Da fing es an, da läuft’s zusammen

„Warum fliegt der Boomerang zum Ausgangspunkt zurück?“ Diese Frage beantworten vier ehemalige Künstlerhaus-Stipendiatinnen in der Lauenburger Stadtgalerie mit einer gemeinsamen Ausstellung. Bis zum 10. Juli läuft die Schau mit Pep und vielen Anregungen …

Lauenburg – Mit rund 50 Gästen war schon die Vernissage sehr gut besucht. Uschi Koch, Erdmute Prautzsch, Nana Schulz und Anne Staszkiewicz – sie bildeten mit Literatin Antje Wagner 2001/2002 die 16. Stipendiatengeneration im Künstlerhaus – kamen in intensiven Dialog mit dem Publikum, das von dem Vertrauen und der Offenheit der einander verbundenen Künstlerinnen profitierte. Den Kontakt untereinander hatten sie über all die Jahre gehalten. Die Gemeinschaftsausstellung mit neuen Arbeiten aus Malerei, Grafik, Skulptur und Video ist auch für sie ein Highlight. Noch heute verstehen die gereiften Kreativen sich als Team: Sie spielen sich den Raum zu, ihre Namen tauchen in der Exponateliste nur als Initialen auf.
Die anregende Schau ist bis zur 30-Jahr-Feier des Künstlerhauses am 9./10. Juli 2016 zu besichtigen. Die Stadtgalerie an der Elbstraße 28 ist samstags und sonntags von 14.30 bis 16 Uhr, geöffnet, die Schaufenstergalerie gewährt täglich von 12 bis 22 Uhr Einblick. Hier ein Blick auf das, was Sie erwartet – und ein paar Antworten zur Frage im Titel der Ausstellung.
Uschi Koch aus Kiel setzt den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit als Bildhauerin und Fotografin. Sie zeigt in der Stadtgalerie eine Serie von Schwarzweiß-Fotografie-Installationen aus ihrer Stipendiatenzeit (Nana, Erdmute, Antje) 2002. Mit „Stückwerk Lauenburg“ ist auch ein (unverkäufliches) kleines Fotoalbum aus dieser Zeit dabei. Die Qualität ihrer bildhauerischen Arbeit wird in ihren Plastiken deutlich, zu denen sie inzwischen gefunden hat. Blickfang ist der lebensgroße Torso „Frau mit Vogel“ (2014) aus gegossenem, koloriertem und gewachstem Gips. Nicht zufällig dürfte Koch für einige Jahre als Dozentin an der Kieler Muthesius-Hochschule Bildhauerei unterrichtet haben: Ihr exquisiter Blick für die Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers – egal ob Mensch, Tier oder imaginäres Wesen – besticht in all ihren Arbeiten (siehewww.uschikoch.eu), auch wenn in Lauenburg nur eine sehr kleine Auswahl zu sehen ist. Dazu gehört neben dem Torso ein Gesicht („Kleiner Kopf“, 2015) und ein Kopf („Träumer“, 2006) aus getöntem Betonguss. Warum ist für sie der Boomerang zurückgeflogen? „Weil es hier schön war und wir eine gute Mischung ergeben haben. Das Stipendiat war ein Jahr, das für jede von uns sehr wichtig war.“
Anne Staszkiewicz, gebürtige Hamburgerin, lebt und arbeitet in Berlin. Sie setzt mit ihrem „Bilderzoo“, der in der Ausstellung von Tiger und Gorilla angeführt wird (es gibt noch andere Tiere, Figuren und Menschen) , auch Menschen kommen vor), optische Schwerpunkte. Vor 15 Jahren sprachen ihre Protagonisten noch nicht, inzwischen legt sie ihnen in schmalen Sprechblasen meist Zitate aus der Kunstwelt in den Mund, u. a. vom Marcel Duchamp, Kenneth Noland und AD Reinhard. Macht Spaß, Kluges und Klugscheißerisches in optisch dominierenden Zusammenhängen zu sehen, die bedeutsame Worte als Randbemerkungen Sinn und Intention verändern. Gucken und lesen Sie selbst. Staczkiewicz (www.anne-staszkiewicz.de) präsentiert in Öl auf Leinwand in leuchtenden oder düsteren kraftvollen Farben eine Art Riesencomics, deren verbaler Inhalt vor dem Grinsen erst einmal verstanden werden will – wie das oft so ist mit der Kunst, wenn sie theoretisch wird. Das ist sie bei Staszkiewicz ‚ Arbeiten nicht – da möchte man eher hineingreifen. Sie setzt die Faust aufs Auge. Für sie fliegt der Boomerang zurück, „weil er so gebaut ist“. Das Stipendiat in Lauenburg sei viel zu kurz gewesen, verbunden mit bester Gesellschaft, einem schönen Haus und gesichertem Lebensunterhalt. Noch immer kreise Vieles bei ihr um Schleswig-Holstein. „Das schönste wäre, wir würden zusammen noch einmal das Stipendium haben.“
Nana Schulz, die in Kiel und Graz lebt, zeigte bei der Vernissage zwei Hände voll fantastischer Zeichnungen von skurrilen Käfern. Wegen der hohen Feuchtigkeit in der Galerie mussten sie leider am nächsten Tag abgenommen werden, damit das Papier keinen Schaden nimmt. Großformatige Bilder der Kolleginnen werden sie bis Juli ersetzen. Präsent ist die Künstlerin dennoch im kleinen Nebenraum mit ihrem Animationsfilm „Die Novotnyorgel (2016). Ein Jahr hat sie an dem gut 13-minütigen Kunstwerk gearbeitet. Darin lässt sie eine Orgel wie ein Kind Schritt um Schritt aufwachsen. Lässt sie Form und geerdete Farben gewinnen, umspielt die Bauelemente und Pfeifen mit Orgelmusik des österreichischen Komponisten Josef Novotny, dessen stilisierte Figur alles zusammenträgt. Mehr über das vielseitige Wirken von Nana Schulz – sie bringt bildende Kunst, Film, Musik und Tanz zusammen – erfahren Sie unter novotny.klingt.org/material/Nana_Schulz. Dass das Team 2001/2002 jetzt in Lauenburg gemeinsam ausstellt, fasziniert Schulz genauso wie die Tatsache, dass der Kontakt dieser gesamten 16. Generation sich über die Jahre gehalten hat. „Ich glaube, wir sind die einzige Stipendiatengeneration, bei der dies passiert ist“, sagt sie. Damals habe sie sich gefragt, wie das werden würde: vier einander fremde Frauen, die ein Jahr gemeinsam verbringen müssen? „Es wurde super, alles hat gepasst. Das ist selten, besonders unter Künstlern.“ Sie alle seien hier in Lauenburg losgeflogen – fast klar, dass sie jetzt wieder hier gelandet sind.
Erdmute Prautzsch aus Hamburg beschäftigt sich mit Malerei, Grafik, Collage, Installationen und Objekten, gern in spielerischer Kombination mit Sprache. Mit acht Arbeiten – vom Monumentalbild „Gitter XL“ (2009) bis zu ganz kleinen, gern dreidimensionalen Betrachtungswelten wie eine vielfach geschichtete „Subskulptur“ (2011), der „Test“ und „das lück“ (beide 2009) oder „Faked“ (2013). Das große Gitter-Bild scheint typisch für Prautzsch, die Gitter und Rauten als eine Art System sieht, das sowohl Halt geben als auch den Blick auf Dahinterliegendes behindern kann. In den Arbeiten der Künstlerin steckt viel Raum. Genau hinsehen und die eigene Wahrnehmung testen lohnt – in den eigenwilligen Bildern und Objekten wohnt stets mehr, als die Oberfläche zeigt. Warum für sie „der Boomerang“ zurückgekehrt ist: „Weil es hier schön war – und so sein muss.“ Wer mehr über Erdmute Prautzsch erfahren will, wird fündig unter www.erdmuteprautzsch.de.
Antje Wagner ist die Fünfte im Bunde der Generation 16. Zehn Romane für Erwachsene und Jugendliche hat die vielfach ausgezeichnete Autorin veröffentlicht (mehr unter wagnerantje.de). Ihr All-Age-Endzeitthriller „Vakuum“ (2012), für den sie ein Jahr lang recherchiert hatte, soll nun fürs Kino verfilmt werden. Aus diesem Buch gab sie den Vernissagenbesuchern eine Leseverkostung im Künstlerhaus – dort war es wärmer. Intensiv geschult durch Lesungen für junge Menschen, plauderte sie über das Genre Endzeit, die Coverproduktion, All-Age-Bücher, den Kippmoment beim Thriller, machte den Alltag in deutschen Gefängnissen anschaulich und führte in das Grauen ihres Romans und den Charakter einer Hauptperson aus ihrem Buch ein, ehe sie aus deren Blickwinkel erzählte und las. Das maximal in Spannung versetzte Publikum lauschte der sympathischen Selbstvermarkterin mucksmäuschenstill. „Vakuum“ verbindet das Schicksal von fünf einander unbekannten jungen Menschen auf der Flucht vor einer Katastrophe.Ähnlich sei die Situation der Generation 16 im Künstlerhaus gewesen, erinnerte Wagner: Die nur durch das Stipendiat zusammengeführte Künstlerinnen flohen damals vor der „Jahrhuhndertflut“ 2002, mussten sich vor dem Hochwasser noch vor Ende des Stipendiats in Sicherheit bringen. Wer die nächste Generation thrillen und zum Lesen verführen möchte: Antje Wagners Bücher sind im Buchhandel erhältlich.