„Geschichte hat Konjunktur“

Die Stadt-, Amts- und Gemeindearchive im Südkreis werden immer stärker nachgefragt und bestückt. Archivarin Dr. Anke Mührenberg wird bald das Ende ihrer Kapazität erreicht haben. Wie das kommt und wie die Lösung aussehen könnte? Das waren Themen bei der Jahreskonferenz der Archivgemeinschaft …

Dassendorf – Beim Jahrestreffen – diesmal in Dassendorf – zogen die Verwaltungschefs der Städte Schwarzenbek und Lauenburg, der Gemeinde Wentorf und des Amtes Hohe Elbgeest mit Dr. Mührenberg Bilanz für das Jahr 2015. Sie besprachen auch die Projekte des laufenden Jahres und loteten die Perspektiven für 2017 aus. Beim Pressegespräch wurde deutlich, dass aufgrund der wachsenden Mengen und Anforderungen die Weichen bald neu gestellt werden müssten. Sprich: Die Archivarin bräuchte dringend personelle Verstärkung.

Immer mehr Nachfrage

2015 hat Dr. Mührenberg ein beachtliches Pensum bewältigt: 457 Anfragen aus dem In- und Ausland gingen bei ihr ein, 301 Benutzer machten sich in den angeschlossenen Archiven schlau. Personenstandsanfragen gehörten dazu, ebenso Fragen zu Familien- oder Ortsgeschichte und Ermittlungen für wissenschaftliche Arbeiten. Da die Nutzer mit den Archivalien nicht allein gelassen werden dürfen, binden die Benutzertage eine Menge von Dr. Mührenbergs Zeit. Das Lauenburger Archiv (184 Anfragen / 174 Benutzertage) war hier 2015 Spitzenreiter, gefolgt von Schwarzenbek (148 Anfragen / 60 Benutzertage). „Es gab einen unwahrscheinlichen Anstieg – eigentlich müsste jeweils zwei volle Tage in der Woche in beiden Archiven sein, um dem Bedarf nachzukommen“, sagt die Archivarin. Diese Betreuung sei „nie planbar, aber Pflichtarbeit“, sagt Mührenberg. Ebenso wenig dürfe sie die im Landesarchivgesetz verankerten Kernaufgaben versäumen: Bewertung, Erschließung, dauerhaftes Bewahren und Erhalten, Schaffung öffentlicher Zugänglichkeit, wissenschaftliche Auswertung und Vermittlung der Ergebnisse.

Immer mehr Input

Zu diesen Aufgaben gehört die Digitalisierung. Knapp 18.000 Datensätze – mehr als 4.200 hat Mührenberg 2015 erfasst – liegen inzwischen in den von ihr betreuten Archiven vor und sind damit suchbar. Auch hier liegen Lauenburg (6.677) und Schwarzenbek (6.951) weit vor dem Amt Hohe Elbgeest (2.158) und Wentorf (1.929). Eine ganze Menge ist allerdings noch gar nicht erfasst, weil die Zulieferungen aus der Bevölkerung steigen und die Archivarin im Tagesgeschäft kaum nachkommt. So liegen viele Kartons noch ungesichtet im Keller. Auf Verarbeitung warten unter anderem Ausschussprotokolle aus dem Amt Hohe Elbgeest, aus Gemeinden, Unterlagen zu Bismarck aus Aumühle, die sog. Friesische Sammlung aus dem Elbschifffahrtsmuseum in Lauenburg, ortsgeschichtlich vielversprechende Nachlässe aus Escheburg und Kröppelshagen. Beiträge für Ortsbroschüren, Geschichtsprojekte und Vereinsjubiläen, Zuarbeit zu Ausstellungen, eigene wissenschaftliche Aufsätze und Vorträge (14 mit mehr als 1.000 Zuhörern) kamen oben drauf.

Im Moment widmet Mührenberg sich den Projekten 2016, u. a. feiern Wentorf und Börnsen ihr 800-jähriges Bestehen, beide planen ein Lexikon. Fest stehen auch schon diverse öffentliche „Auftritte“ der Archivarin, die im November vier Jahre im Amt sein wird: ein zweiteiliger Vortrag über „725 Jahre Schwarzenbek – Das Ortsbild im Wandel“ (26. Mai und 29. September, jeweils 19 Uhr Amtsrichterhaus), der Vortrag „Zwischen Korsett und Krieg“ für den Heimatbund und Geschichtsverein Schwarzenbek (29. Mai, 15 Uhr Schröder’s Hotel), eine Führung durch die Ausstellung „Wentorf im Wandel“ (23. Juni, 17 Uhr, Wentorfer Kulturwoche), ein Vortrag über Lauenburg in den 1950er-/1960er-Jahren „Zwischen Wirtschaftswunder und Eisernem Vorhang“ für den Geschichtsverein Lauenburg (12. Juli, 19.30 Uhr Hotel Bellevue) sowie ein Vortrag über das Thema „Flüchtlinge nach 1945 und Integration“ für die Reihe „… in der Linse“ im 2. Halbjahr. Man könnte viel mehr auch noch in Schulen gehen, sagt Mührenberg – „aber das ist nicht mehr zu schaffen“.

Ohne mehr Raum geht nichts

Dass die ständig wachsenden Sammlungen mehr Platz brauchen, ist nicht neu. Im vergangenen Jahr erst wurde das Archiv in Lauenburg modernisiert und mit einem Leseraum für die Benutzer ausgestattet (dem einzigen bisher). Jetzt soll das Wentorfer Archiv in den geräumigeren Keller des Rathauses umziehen, das Dassendorfer Archiv einen Neubau beim ehemaligen Rewe-Markt erhalten. „Nach dem Umzug könnte dieses Archiv maßgebend sein für die Archivgemeinschaft Schwarzenbek, wenn nicht für den ganzen Kreis“, schätzt Dr. Mührenberg. Sie hofft den Umzug noch in diesem Jahr zu schaffen – aber „das ist eine große Sache, vielleicht wird es später“.

Digitalisierung bleibt vorrangig

Weiterhin konsequent verfolgt werden müssten die Themen Aktenübernahme aus der Verwaltung, Bestandserhaltung und Digitalisierung, mahnt Mührenberg – „sonst werden in den nächsten Jahren massive Probleme in der Überlieferungsgeschichte sowie der Erhaltung der Archivalien entstehen“. Bei der Digitalisierung stehen mehrere Ansätze im Raum. So ist wohl eine Zusammenarbeit mit der Firma Ancestry geplant, die zunächst Teile der Personenstandsunterlagen aus dem Schwarzenbeker Stadtarchiv digitalisieren soll. Wie Dr. Mührenberg wissen ließ, gibt auch in Schleswig-Holstein Planungen für den Aufbau eines digitalen Archivs. Damit werden sich die kommunalen Archivare beim diesjährigen Landesarchivtag im Mai in Rendsburg beschäftigen.

Personelle Unterstützung beschleunigt

Mit einigen Erwartungen verbunden ist die nächste Fühlungnahme mit der Stadt Geesthacht. Diese lässt seit Ende 2012 aus Kostengründen ihre Mitgliedschaft in der ältesten deutschen Archivgemeinschaft für fünf Jahre ruhen. Die größte Stadt im Kreis will nach damaligen Bekunden aber wieder aktiv werden, wenn Interimsarchivar Wolf-Rüdiger Busch (in Personalunion Leiter des GeesthachtMuseums) in den Ruhestand geht – das wäre Ende 2017. „Wenn Geesthacht wieder dabei ist, könnte man eventuell über eine personelle Aufstockung reden“, hofft Schwarzenbeks Bürgermeistern Borchers-Seelig. Mührenberg plädiert dafür, rechtzeitig das Gespräch zu suchen. Für Schwarzenbek stellte Borchers-Seelig bereits personelle Hilfe in Aussicht, weil neben den genannten Nutzungssteigerungen auch neue Familienbestände zur Aufnahme ins Archiv bevorständen. „Wir müssen in einigen Bereichen schubsen und unterstützen“, sagte sie, auch bei der Archivierung und beim Bestand elektronischer Medien. So bleibt mit Spannung zu erwarten, ob und wie Geesthacht den Anschluss hält.

Wer Dr. Anke Mührenberg für seine Nachforschungen braucht, erreicht sie unteranke.muehrenberg-schwarzenbek.de oder Tel. 0179 / 408 02 57. Vor Orst ist sie montags in Lauenburg (14 – 17 Uhr), dienstgs in Wentorf (10 – 12 Uhr), mittwochs in Schwarzenbek (10 – 12 Uhr) und donnerstags im Amt Hohe Elbgeest / Dassendorf (10 – 12 Uhr). Aus organisatorischen Gründen wird vor dem Besuch um eine kurze Kontaktaufnahme mit dem Zweck des Forschungsvorhabens gebeten.