Traditionell und modern: Plattdeutsch lebt!

Beim 10.Treffen niederdeutscher Autoren in Mölln wurde erneut klar: Die „Moderspraak“, wie Klaus Groth sie poetisch beschrieb, erreicht noch immer die Herzen der Menschen und stimmt sie heiter.

Von Brigitte Gerkens-Harmann und Eva Albrecht (Text und Fotos)

Mölln – Eine große blaue „10“ aus Holz stand am Eingang im Ensemble des Stadthauptmannshofes in Mölln. Ein unübersehbares Signal für die Gästeschar: Das ist ein Autorentag von besonderer Bedeutung. Über ein Jahrzehnt prägt diese Veranstaltung die Platt-Szene in Norddeutschland. Ein schöner Anlass für Schleswig-Holsteins Kulturministerin Anke Spoorendonk, dem Treffen erstmals eine Visite abzustatten. Darüber hinaus gab es mit dem kleinen Jubiläum auch noch einen Wechsel an der Spitze des mitveranstaltenden Zentrums für Niederdeutsch (ZfN) im Landesteil Holstein: Volker Holm, der Initiator und engagierte "Macher", legte den Staffelstab in die Hände des neuen Leiters Thorsten Börnsen.

Dank an Volker und Wienke Holm

Holms ebenso feinfühlige wie professionelle Arbeit, sein umfangreiches Fachwissen und seine große Liebe zur Sprache würdigte Stiftungspräsident Klaus Schlie in einer Dankesrede, noch bevor der eigentliche Autorentag begann. Seine Anerkennung galt auch Holms Ehefrau Wienke, die als guter Geist immer an der Seite ihres umtriebigen Mannes war. Schlie betonte in seiner Rede, die er „op Platt“ hielt und in der er den „leven Schrieverslüüd“ viel Lob aussprach für ihren Einsatz, dass die Seele der Sprache nicht verloren gehen darf. Schlie zitierte Klaus Groth, der in vielen Gedichten, die Schönheit und Tiefe des Plattdüütschen poetisch und wunderschön beschrieben hat.

Von Bedeutung über den Kreis hinaus

Durch das Programm des 10. Autorentages führten Holm und Börnsen gemeinsam. Volker Holm hieß mit dem bewährten Motto „Platt för hüüt un morgen!“ fast 90 Gäste willkommen. „In’t Lauenborgische ward veel doon för de plattdüütsche Spraak“, sagte der Organisator und dankte der Stiftung für den Einsatz, die unkomplizierte Zusammenarbeit und den immer wieder freundlichen Empfang als Gastgeber in Mölln. Am Nachmittag freuten die Veranstalter sich über den prominenten Gast aus Kiel. Kulturministerin Spoorendonk nahm sich Zeit, lauschte einigen der  vielfältigen Autorenlesungen und sagte bei einem Grußwort op Platt, wie wichtig der Erhalt dieser Sprache sei. Das Treffen niederdeutscher Autoren in Mölln belege die anhaltende Begeisterung dafür.

Stiftungs-Geschäftsführerin Andrea Funk wies im kurzen Podiumsgespräch mit der Ministerin auf die Arbeit des Kulturknotenpunktes hin. Sowohl die Traditionsveranstaltung der Plattdüütschen als auch ein parallel stattfindendes fetziges Rock-Konzert im Möllner Kurpark zeigten an diesem Tag den Weg der engagierten Kultur(knotenpunkt)arbeit der Stiftung auf.

Kreispräsident Meinhard Füllner, der seit Jahren zum Autorentag kommt und op Platt seine Grußworte an die Teilnehmer und Gäste richtete, freute sich über die große Resonanz. Klaus Jensen vom Beirat Niederdeutsch des Schleswig-Holsteinischen Landtages überbrachte Grüße aus der Landeshauptstadt. Mit Mario Schäfer, dem amtierenden „Till Eulenspiegel“ aus Mölln, gab es für die Autorenschar eine kleine Überraschung zur Mittagspause. Till gab den Gästen einige kesse Weisheiten mit auf den Weg und hatte auch für das Leitungsduo einen flotten Spruch auf den Lippen.

Lust am Schrieven op Platt ungebrochen
Selbstbewusst und modern, kommunikativ und doch bodenständig – so erlebten Besucher des Autorentages das Plattdeutsche in vielen Ausprägungen. Das traditionelle Treffen, bei dem einen ganzen Tag lang Plattdeutsch-Autoren Beispiele ihres schriftstellerischen Könnens zeigen, bot Unterhaltung auf hohem Niveau. 35 Aktive hatten eine der begehrten Lesezeiten ergattert, um ihre Prosa und Lyrik vorzustellen. Die meisten kamen aus Schleswig-Holstein (16), darunter vier aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg: Christel Twenhöfel aus Geesthacht, Ingrid Stenske-Wiechmann und Heinz Tiekötter aus Börnsen sowie Manfred Sahm aus Mölln. Aus Niedersachsen reisten neun Autor(inn)en an, aus Mecklenburg-Vorpommern sieben, aus Hamburg drei. Gäste und Teilnehmer lauschten ganz unterschiedlichen Spielarten der gemeinsamen Regionalsprache – neben holsteinischem „Snacken“, ostfriesischem „Praten“ und mecklenburgischem „Sprechen“ erklang diesmal auch das selten gehörte ostfälische Platt. Der Frauenanteil war beim 10. Treffen mit 17 Autorinnen (fast 50 Prozent) so hoch wie nie zuvor.

Fachvortag von Robert Langhanke M.A.

Traditionell gibt es vor den Lesungen im Viertelstunden-Takteinen stets sehr anspruchsvollen und mit Experten aus der Szene besetzten Fachbeitrag: Diesmal stand der Vortrag von Robert Langhanke (Europa-Universität Flensburg) im Mittelpunkt. Er zeichnete die ganze Bandbreite der Möglichkeiten von Spracherwerbs auf und erinnerte an die historischen Wurzeln in den vergangenen Jahrhunderten. „Frühe Mehrsprachigkeit und das Zusammenspiel von Niederdeutsch und Hochdeusch“ war Langhankes akademisch gefärbter Vortrag betitelt. Er hielt ihn in Hochdeutsch und würzte ihn mit einigen plattdüütschen Beiträgen. Die Fachreferate bestimmten in den vergangenen Jahren stets den „Stand“ des Niederdeutschen in der Gesellschaft. Auch dieser bildungspolitische Ansatz der Möllner Autorentage ist wertvoll und zeigt das hohe Niveau, dem sich das Niederdeutschzentrum verpflichtet fühlt.

Platt und Musik – immer wieder schön

Bei prächtigem Sommerwetter ergingen die Besucher sich in den Pausen im Freien: Die Gärten am Seeufer verlockten mit ihren lauschigen Ecken kleine und größere Gruppen immer wieder zum Klönschnack. Was natürlich auch nicht fehlen durfte, war Musik: Während das junge Duo Ralf Meyer und Hannes Hinrichs (Oldenburg) am Vormittag am Klavier und Gitarre beschwingt in den Tag spielte, kam am Abend ein bekanntes und beliebtes Musiker-Duo auf die Bühne: Wolfgang Kniep und Anke Gohsmann aus Mecklenburg-Vorpommern sangen und spielten eigene Kompositionen und rundeten mit feinen Rezitationen das Abendprogramm stimmungsvoll ab.

Ohne die Vertreter der Stiftung standen Volker Holm und Thorsten Börnsen am Ende allein auf der Bühne. Ihr Dank ging an die neun Mitglieder des Niederdeutsch-Beirats und des ZfN, die wieder als Moderatoren dabei waren, und an das Team der Stiftung. Den Gästen gaben beide am Ende der Tagung ein Versprechen mit auf den Weg: 2017 wird es das nächste Treffen geben. Auch eine Dokumentation über den Autorentag 2016 mit dem beliebten und bekannten „Leesbook“ wird wieder erstellt, in dem alle vorgetragenen Texte nachzulesen sind. Die Dokumentation aus dem Vorjahr liegt in der Stiftung vor und kann für drei Euro erworben werden.