Frische „Erdbeeren mit Pfeffer“

Die 30. Stipendiatengeneration im Künstlerhaus Lauenburg ist aktiv. Erste Eindrücke vom Wirken der bildenden Künstler sind bis 24. Juli im Atelier zu betrachten. Die Erlebnisräume wecken Erwartungen an die Einzelausstellungen der originellen „Installateure“.

Lauenburg – Zeitgenössische Kunst schmecke für sie nach „Erdbeeren mit Pfeffer“, sagte Ulrike Mechau-Krasemann bei der Erstpräsentation der 30. Stipendiatengeneration im Lauenburger Künstlerhaus. Damit zeichnete die Vereinschefin ein treffendes Bild auch für die Vorstellungsschau der drei kreativen Kräfte, die in den nächsten zwei Monaten in der Galerie zu betrachten ist. 2015 ist ein Jahr der Installationskünstler: Janine Eggert, Benjamin Zuber und Christian Helwing machen mit der Auswahl ihrer Arbeiten auf sehr unterschiedliche Weise deutlich, worum es ihnen geht: das ausgefeilte Einzelwerk. Fünf Installationen bergen Raum und Keller – der Besucher hat Zeit und Luft, um sich damit intensiv zu befassen. Klasse auch: Sie werden damit nicht allein gelassen. Marita Landgraf, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, hat zu dieser Ausstellung ein ebenso sachkundiges wie verständliches Begleitskript aufgelegt – wonach man oft genug vergebens lechzt.

Bei der gut besuchten Vernissage wurden die Landesstipendiaten 2016 – zu ihnen gehören neben den genannten bildenden Künstlern der junge Literat Janko Marklein und Komponist Donny Karsadi – offiziell willkommen geheißen. Für das Künstlerhaus sprachen Ulrike Mechau-Krasemann und Marita Landgraf, für die Stadt Lauenburg Bürgermeister Andreas Thiede und für das Kulturministerium in Kiel Andrea Kühnast. Sie alle würdigten (wie bisher) das wundervolle Haus, die enorme ehrenamtliche Leistung des Betreibervereins, dessen Bedeutung für die Region und die Förderung der zeitgenössischen Künste. Alle sicherten (wie bisher) ihre Unterstützung zu – und waren sich doch klar, dass es (wie bisher) keine institurionelle finanzielle Förderung geben wird über das gegenwärtige Maß hinaus.
Nun zur Kunstausstellung, die bis zum 24. Juli 2016 im Künstlerhaus an der Elbstraße 54 zu bestaunen ist (Öffnungszeiten: montags und dienstags von 10 – 17 Uhr, donnerstags von 17 – 20 Uhr, samstags / sonntags von 15 – 17 Uhr). Die Termine für die Einzelpräsentationen der Künstler finden Sie jeweils am Abschnittsende. Alle Termine werden mit einem Künstlergespräch verbunden sein.

Christian Helwings installative Eingriffe
Unübersehbar schon beim Eintritt hat Christian Helwing eine erste „Skizze“ seines Lauenburg-Projekts in den Raum gesetzt. Der Bildhauer (geb. 1969 in Osterrode, Studium in Hannover, Hiroshima und Bremen) beschäftigt sich mit vorgefundenen Räumen, arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Das städtische Umfeld und die Lage, die Architektur und Einrichtung des Hauses und seiner Räume schenken ihm die Mittel für seine installativen Operationen. Mit Mobiliar aus der Künstlerbar, der ausgehängten Tür zur Galerie, Fensterflügeln und Möbeln aus seinem Atelier im Haus hat Helwing im Erdgeschoss eine erste Längsachse zwischen Elbstraße und Elbe gesetzt, damit Vorraum und Galerie verbunden. Symmetrisch ausgerichtet und kartographisch vermessen, stürzt sich eine Gerade vom höchsten Punkt in der Bar bis zum Fußbodenr in der Galerie. Silbrige Richtstreifen machen Fehlstellen sichtbar.
„Die ersten Marksteine sind gesetzt, aber ich brauche nun Zeit, um den Prozess zu entwickeln. Entlang der Sichtachse werden noch viel Neues dazukommen“, erklärt Christian Helwing. Er will Elemente von draußen und drinnen aufnehmen und in den Raum transformieren – „ins Haus hineinbewegen“. Rund vier Monate Zeit hat der deutschlandweit ausstellende Künstler, der auch schon aus dem Ausland angefragt wird, für sein Lauenburger Projekt. Mit Spannung erwarten wir, was Helwing uns dann Neues sehen und wahrnehmen lässt.
Einzelausstellung: 24. September (Vernissage 19.30 Uhr) bis 9. Oktober 2016

Janine Eggerts ornamentale Prototypen
Die Bildhauerin und Installationskünstlerin (geb. 1978 in Lübeck, Studium in Hamburg und Lissabon) zeigt zwei Beispiele ihres Schaffens, das auf eigenwillige Weise die Freude am Ornament mit technischen Konstruktionen in Beziehung setzt. „Furnace Revolving“ (2015) folgt in Titel und Form einem Hochofen. Das mannshohe geometrische Objekt ist ein schöpferisches Produkt aus echten Industriebauelementen, Pressspanplatten und Tiffanyglas. Die verzinkten Lüftungskanäle sind nach Maß gefertigt, sämtliche anderen Teile hat die „Modellbauerin“ selbst gefertigt. Die farbigen Glaseinsätze vermitteln den Eindruck, man erblicke das Glosen im Inneren des Hochofens. Dessen „Kern“ jedoch hat Eggert völlig entleert, die Hülle zum Gerüst umgebildet. Mit Geometrie geht sie Konstruktionen und Strukturen auf den Grund, zerlegt sie und baut daraus Neues.
Neben dieser futuristisch wirkenden Großkomposition präsentiert die Künstlerin zwei Wandobjekte (#1 und #2) aus ihrer Reihe „Dynamic Component“ (2012) – Einzelteile aus einem Planetengetriebe, die ebenfalls aus ihrem technischen Zusammenhang herausgelöst und dekorativ verändert sind. Hintermalt mit Neonfarbe, deren kräftig rosafarbene Pigmente von der Wand reflektiert werden, erleuchten die massiv wirkenden Metallobjekte wie von innen heraus. Während ihres Lauenburger Stipendiats will Eggert den Werkstoff Industrieplastilin für sich erobern. Der wird sonst u. a. für den Prototypenbau im Autodesign verwendet. Was sie damit und daraus wohl konstruiert?
Einzelaussellung: 13. August (Vernissage 14 Uhr) bis 28. August 2016

Benjamin Zubers prickelnde Überraschungen
Risikoscheu ist Benjamin Zuber nicht, er arbeitet mit seinen Installationen und Performances offensichtlich gern entlang von Grenzen. Das Publikum bleibt dabei nicht ganz außen vor. Aus den Katakomben (erstmals wurde ein Kellerraum des Hauses für eine Ausstellung geöffnet) ruft Zubers Videoinstallation „Hoc est corpus meum“ (lat. dies ist mein Leib) nach dem Besucher. Wer den Stimmen folgt, erlebt eine 17-minütige Multimediasequenz, in der Kunst und Kirche, religiöse und kreative Rituale sich auf aberwitzige Weise begegnen: frech, hintersinnig, originell. Monty Python would be very amused. 2014 erschütterte der Konzeptkünstler (geb.1982 in Bamberg, Studium in Nürnberg, Karlsruhe und Wien) mit diesem Vidao einen Teil der Kirchengemeinde Betzenstein, in deren barockem Gotteshaus er die Aufnahmen drehte. Ein Hüpfball im Taufbecken, die (Ver-)Wandlung einer Bratwurst – das war doch manchen zuviel. Zuber fehlinterpretiert in dieser Arbeit bewusst die Abendmahlssymbolik und lädt die Kirche so mit völlig anderer Bedeutung auf. Das Werk mit lateinischen Liturgiegesängen ist eine pure Ein-Mann-Show: Zuber kaleidoskopiert Räume und Emporen, durchkriecht Gänge und Bänke, vervielfältigt sich selbst zu sportiv gekleideten Sechsergruppen, entwirft surreale Choreographien rund um den Taufstein. Kameraführung, Tonaufnahmen, Beleuchtung, Schnitt – er übernahm alle Rollen und Funktionen selbst. „Dafür musste ich mir auf technischer Ebene einige Konstruktionen ausdenken“, berichtet Zuber. Allein das eine irrwitzige Performance.
Sein Händchen für die Darstellung „großer Gesten, die in sich zusammenfallen“ zeigt er auch in „Midnight Fantasy“ (2013). Die Installation vor den Fenstern zeigt in Vitrinen schwebende Parfumflakons, in der Schwebe gehalten von Flaschensekt als Kontergewichten. Hier stellt Zuber mit einem Augenzwinkern das Merchandising von Superstars (Flakondesign von Britney Spears, Christina Aguilera, Paris Hilton usw.) und die dahinter stehende Billigproduktion in Frage. Leicht kann diese Installation platzen, denn: Jede Vitrinenschnür ist an einem der Sektkorken befestigt. Löst sich der und schieß hoch, fällt die Vitrine, zerbricht der Flakon, penetriert das Parfum die Galerie. Atmen wir also tief durch bis zur Vorstellung von Zubers nächstem riskanten Spiel.
Einzelausstellung: 3. September (19.30 Uhr) bis 18. September 2016

Markleins Worte und Karsadis Klänge
Kostproben ihres Schaffens gaben bei der Ausstellungeröffnung auch Schriftsteller Janko Marklein und Komponist Donny Karsadi. Marklein (geb. 1988 in Bremen, Studium Literatur und Philosophie in Leipzig und Berlin) stellte eine Passage aus seinem Debütroman „Florian Berg ist sterblich“ vor, der von der Adoleszenz eines Teenagers auf dem norddeutschen Land erzählt. In seiner Autorenlesung am 24. Juni 2016 (19.30 Uhr) wird Janko Marklein in seinen neuen Roman hineinhören lassen, den er bereits begonnen hat und während seines Stipendiats in Lauenburg möglichst weit voran bringen will. Das Buch handelt von Genie und Freundschaft, wie der Autor verrät. Protagonist ist ein leidenschaftlicher junger Mathematiker, dessen Hochbegabung an seinem eigenen Geist zu scheitern droht. Das zumindest ist momentan Markleins Absicht – „es kann auch etwas anderes herauskommen“, merkt er an. Lassen wir uns überraschen …
Für Überraschungen gut scheint auch Komponist Donny Karsadi (geb. 1985 im indonesischen Prabumulih, Studium in Jakarta und Lübeck). Er komponiert Musik aus elektroakustischen und instrumentalen Klängen, zu der die Improvisation ein wesentliches Element beiträgt. Mit „Clairvoyance“ – einem Stück für Spieluhr – gab er eine erste Hörprobe. Eines von Donny Karsadis Stücken wird während der Ausstellung als ständige Klanginstallation verbleiben. Sein in Lauenburg entstehendes Werk wird vermutlich eine Solo-Komposition werden, deren sämtliche Bestandteile Karsadi selbst produzieren will, wie er ankündigte. Uraufführung ist am 29. Oktober 2016 (19.30 Uhr), in der Heinrich-Osterwold-Halle, Elbstraße 145a.