4 junge Männer und Jazz

Moderner Jazz aus Deutschlands Nordosten: Das Philipp Rücker Quartett war zu Gast in Ratzeburg.

Von Andrea Teckenburg
 
Ratzeburg – "Vier junge Männer zeigen uns den North East German Jazz", verkündete Hartwig Kroeplin, Vorsitzender des Vereins Jazz in Ratzeburg, als er die knapp 50 Zuhörer zum Konzert in der St. Petri-Kirche begrüßte. Modernen Jazz aus Deutschlands Nordosten servierten Philipp Rücker (Saxofon und Komposition), Julian Fuchs (Piano), Benny Gutewort (Bass) und Norbert Böhme (Schlagzeug). Seit rund zwei Jahren sind die 23- bis 28-Jährigen das Philipp Rücker Quartett und kamen jetzt auf Einladung des Jazzvereins zum Konzert nach Ratzeburg. Mit dabei hatten sie die Songs ihrer 2015 erschienenen CD "Circle of Thoughts" sowie ganz neue Stücke.
In den 15 Jahren seiner Vereinsgeschichte habe Jazz in Ratzeburg Musiker aus aller Welt zu Gast gehabt, sagte Kroeplin. Zum aktuellen Konzert erwarteten die Jazzfreunde jetzt eine Band aus Mecklenburg-Vorpommern. Kennengelernt hatten sich die vier Musiker beim Studium in Rostock. Mit einem Song über diese Stadt startete das Quartett in den Konzertabend und ließ die Zuhörer beim "Lied vom Plattenbau" teilhaben an den musikalischen Emotionen, die diese Architektur beim Betrachter auslösen kann. Das Publikum ließ sich sogleich ein auf das Musikverständnis der jungen Musiker und schnell war ein "super" aus den Zuschauerreihen zu hören.
Im Verlauf des Abends präsentierte das Quartett eine facettenreiche Mischung von opulent und musikalisch verdichtet bis hin zu puristisch-filigranen Klängen und zeigte sich zum Teil auch experimentierfreudig. So war Philipp Rücker zu Beginn des zweiten Sets solo zu erleben. Neben Saxofon und Flöte hatte er für seinen „Frühlingsgruß“ ein Notebook dabei, das er als Loop-Station benutzte. Nach und nach vor Ort aufgenommene und wieder abgespielte Passagen fügten sich am Ende zum Ganzen zusammen. Dabei kam das Ratzeburger Publikum in den Genuss einer Uraufführung.
Größtenteils hatte der Saxofonist die Songs geschrieben oder bearbeitet. Als Vorbilder nannte er unter anderem den ostdeutschen Free Jazz der DDR, den französischen Komponisten Olivier Messiaen sowie John Cage, Raahsan Roland Kirk und Franz Zappa. Inspiration für neue Songs finde er in vielen Situationen des Alltags, erklärte der 26-Jährige nach dem Konzert. Auf der Suche nach seinen musikalischen Wurzeln habe er auch das Bedürfnis, sich mit Volksliedern zu beschäftigen.
So gehörte das eine oder andere Volkslied zum Programm. Wie so etwas nach der Bearbeitung eines jungen Jazzmusikers klingen kann, war eindrucksvoll zu erleben bei der Zugabe. Aus der bekannten Melodie von "Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus" entwickelte das Quartett eine ausgesprochen eigenwillige und zuweilen schon aggressiv anmutende Version. Das Ratzeburger Publikum war der akustischen Herausforderung gewachsen und belohnte die Musiker erneut mit viel Beifall.