Große Verbundenheit wurde sichtbar

Mit prägnanten Beiträgen seiner Stipendiaten zur 30-Jahr-Feier des Künstlerhauses Lauenburg präsentierte sich die Einrichtung beim gemeinsamen KulturSommer-Auftakt am 9. Juli 2016 als Partner auf Augenhöhe. Wir haben in Wort und Bildern die wichtigsten Aspekte und Aktionen vom großen „Feiertag“ eingefangen …

Lauenburg – Die Stipendiaten und die Kunst markierten an diesem Tag nicht nur geographisch die Pole der Veranstaltungen und meist multimedialen Aktionen. Mit bildender Kunst und konzeptueller Darstellung, Literatur und zeitgenössischen Kompositionen schlugen sie entlang der Elbstraße einen beeindruckenden Fächer auf.  Drei Ausstellungen von Stipendiatenwerken setzten Ruhepunkte von der Jugendherberge in der Elbstraße 1 (Arbeiten aus 30 Jahren im Privatbesitz Lauenburger Bürger) über die Stadtgalerie in Nr. 28 (Generation 16) bis ins Künstlerhaus in Nr. 54 (Generation 30). Das wunderbar mit Leben gefüllte Haus stand natürlich im Zentrum des Geschehens. Der Ruferplatz bildete den Sammelpunkt für mehrdeutig Unterhaltsames, die Heinrich-Osterwold-Halle wurde am Abend zum Forum für musikalischen Genuss.
Entschleunigung rund um das „Mutterhaus“
Rund um das künstlerische Zentrum Lauenburgs stellte sich zwischen beswingtem Tanz und munterem Getrommel  auf dem Kirchplatz eine anregende Ruhe ein. Im Schatten der Maria-Magdalenen-Kirche stellte Eva Ammermann ihr Wassersuppenprojekt vor, das auf einer Rezeptsammlung von Wassersuppen aus 258 Jahren basiert. Hendrik Loerper zeigte den Ort als verschlichtetes und assoziationsanregendes Modell in Weiß. Der KulturSommer war dort mit dem ArtCaching-Projekt „LTE Eden“ präsent, auch Herr Huber und seine Schildkröte Winifred vom Figurentheater „Schöner Warten“ suchten hier gelegentlich Zuflucht. Die Uferpromenade unter der Elbterrasse des Künstlerhauses gehörte der Klanginstallation von Heiko Wommelsdorf – er ließ aus dem Off Schritte erschallen, die von Passanten und Ausruhenden erhöhte Wahrnehmung und Abstraktion verlangten.
Im Café Elbgeist setzte die auf Erfolgskurs befindliche Autorin Dagrun Hintze ein Ausrufezeichen mit ihrer Lesung „Ausgekontert – Wenn Frauen Fußball verstehen“. Ein scharfzüngiges und amüsantes Stück Literatur rund um das Spiel der Spiele, verknüpft mit Rollenmodellen von Mann und Frau, auch mit Parallelen zu Theater, Literatur und Kunst. Noch mehr Literarisches sollte am nächsten Tag Dr. Michael  Zeller mit einer Predigtlesung beim Festgottesdienst beitragen.
(Ent-)Spannung am Rufer
Am Rufer sammelten sich die konzeptuellen Künstler unter den früheren Stipendiaten. Jimok Choi (im Kimono) hatte eine Art Welllnessoase errichtet. Im großen blauen Pool stand der (Elb)Wasserspiegel exakt so hoch wie bei der großen Flut 2013, Seerosen und Blütenblätter schwammen auf dem Wasser – baden mochte leider niemand. Bei experimentell-esotherischer Musik der israelischen Musiker von „Linda – Full Body Massage“ (Berlin) verabreichte Choi dem Publikum schamanische Massagen mit Nudelholz, gebündelten Langspaghetti und allerlei anderem aus der Küche. Die Flussgöttin sollte besänftigt werden, damit sie keine katastophalen Fluten mehr schickt. Als „awaiting event“ entpuppte sich die „Fisch“-Performance des zweiten Exstipendiaten Paul Sochacki, der für seine Desinformationen bekannt ist. Kein „Fisch“ steig aus dem Wasser, gefischt wurde nur nach Aufmerksamkeit – und die Objekte der Neugierde (zwei Spielerinnen) befanden sich längst mitten im Publikum. Die eine im beigen Trenchcoat, mit Smartphone und Ohrstöpseln bewegte sich am Rande aller Gruppen entlang. Mehr Blicke zog die andere auf sich, die in bunten Klamotten über den Platz kroch und krabbelte und um Spenden in ihren Topf bat.
Suche nach dem Weg in die Zukunft
Komprimiert auch der Festakt zum 30. Geburtstag, mit dem am späten Nachmittag der Künstlerhaus-Förderverein gleitend die Regie des Tages übernahm. In der Künstlerbar des denkmalgeschützten Hauses warf Vorsitzende Ulrike Mechau-Krasemann einen Blick zurück auf markante Jahre der Stipendiatenstätte, die seit ihrer Einweihung 1986 insgesamt 150 Künstler aus aller Welt als Stipendiaten beherbergt und betreut hat. Ein entscheidendes Jahr war natürlich 2009, als der Verein das von ihm schon seit 2005 betreute Gebäude kaufte, um es dauerhaft als Stipendiatenstätte und Ort der kulturellen Begegnung zu erhalten. 14 Mitglieder übernahmen für die Finanzierung persönliche Bürgschaften. Ein entscheidendes Jahr war auch 2013, als die Elbeflut so große Schäden anrichtete, dass das Haus von Grund auf saniert werden musste. Es wurde schöner als zuvor – doch „seither beschäftigt uns die Frage, wie unser Haus nachhaltig finanziert werden kann“, sagte Mechau-Krasemann, die ihre Ansprache mit Dankessworten an alle Beteiligten verband.
Dank der 44 Mitglieder, institutioneller Förderer und großzügiger Spender konnten Stipendiatenstätte und Kinderatelier, Stadtgalerie und Kulturprogramm bisher gesichert werden. Und in Zukunft?  „Unser Glück – die Kunst – ist schon da. Geben wir ihr eine Chance“, sagte dazu die Vereinschefin, „wir benötigen dazu die Unterstützung aller“. Mit dem Kauf von 100 Jubiläumsbausteinen (à 99 Euro) und von 30 handgedruckten Holzschnitten (à 200 Euro, 150 Euro für Mitglieder) soll nun zusätzliches Geld in die Kasse fließen. Eine deutliche Erhöhung der Mitgliederzahl freilich würde die finanzielle Basis des Vereins am nachhaltigsten verbessern. „200 Mitglieder wären gut“, warf Mechau-Krasemann ein  – utopisch für sein solchen Kleinod?
Kiel bringt Glückwünsche – Lauenburg kauft Holzschnitt
An Renommee und Respekt mangelt es dem Künstlerhaus nicht, davon hat es sich in 30 Jahren reichlich erworben. Fast klar, dass alle Grußredner höchste Anerkennung mitbrachten. Staatssekretär Dr. Eberhard Schmidt-Elsaeßer vom Kieler Kulturministerium würdigte „das unermessliche Engagement“ des Vereins über 30 Jahre und die schon legendäre Hartnäckigkeit seiner Vorsitzenden im Kampf um den Erhalt. Die vom Land Schleswig-Holstein heute mit jährlich 30.000 Euro geförderte Stipendiatenstätte erfahre „deutschlandweit und international Beachtung“, so Schmidt-Elsaeßer. Das Künstlerhaus habe sich von einer lokalen Förderstätte für Kunst zu einer bedeutenden Kunstfördereinrichtung Schleswig-Holstein entwickelt. Unbestritten auch die Bedeutung des Hauses für die Stadt Lauenburg. Es sei zu einem Begriff für Qualität geworden und „ein wirkungsvolles und nachhaltiges Instrument, um die Kunstlandschaft mit zu prägen“, so Erster Stadtrat Jens Meyer. Als Zeichen der Identifikation mit dem Künstlerhaus kaufte Meyer im Namen der Stadt einen Holzschnitt aus der Jubiläumsedition – noble Geste.
Spagat zwischen Idealen und Kommerz
Interessante Gedanken zum Sinn und Zweck von Künstlerhäusern stellte Christoph Tannert vom Berliner Künstlerhaus Bethanien vor. Im Kern ging es um die Abwägung von Kunst und Kommerz, Mobilität und Ruhephasen. Er trat dafür ein, dass Künstlerhäuser in diesem Spannungsfeld Orte sein sollten, an denen Künstler eine Auszeit nehmen können von allen Präsentationen. Sie brauchten immer wieder Raum und Zeit, um auszuprobieren, an ihren Visionen und Utopien zu arbeiten. Die heute oft geforderte systematische Mobilität mache Künstler zu modernen Nomaden. Permanente Bewegung lasse es kaum zu, sich Sinnfragen zu widmen. Ein Anstoß vielleicht, den Stipendiaten während ihrer Anwesenheit nicht zu viel abzuverlangen. Der Umgang mit ihnen scheint in Lauenburg jedoch spürbar persönlicher zu sein als in der Großstadt Berlin – zumindest legten einige Beispiele Tannerts dies nahe.
Ein wunderbarer (Aus-)Klang
Mit einem Konzert der ehemaligen Stipendiaten Cheng-Wen Chen, Noriko Kawakami und Tobias Klich klang der Abend aus. Ihre Kompositionen präsentierten der Gitarrist Henrik Dewes, Flötistin FriederikeHarms und Violinistin Byol Kang. „Dieses Konzert gehört zum Schönsten, was ich an zeitgenössischer Musik seit langem gehört habe“, sagte KulturSommer-Intendant Frank Düwel – und der hört eine Menge mehr davon als viele Lauenburger. Rund 50 Zuhörer lauschten gebannt den visuell und sinnlich nicht minder eindrucksvollen Darbietungen. Was war nicht alles zu erleben. „Goyas Hände“ (2013) von Tobias Klich in visueller Zwiesprache mit einem Gitarristen, der auf Gaze projizierte freigelegte Hände aus Radierungen von Goya in seiner Gestik spiegelte. „KlangRede – BlockSpiel“ (1998) von Noriko Kawakami, bei dem die Flötistin zwei Flöten spielt, dazu singt und haucht, parallel kleine Trommel, Holzblock und Cymbeln schlägt – gleichzeitig. „Die Wiederaufnahme der Zeit“ (2015) von Tobias Klich, in der eine Geigerin gegen die unerbittlich monoton eingespielte Tonsequenz einer anderen Geige kämpft, den Kontakt sucht, sich nähert – und am Ende die Führung übernimmt.
Und zu guter Letzt als Krönung eine Uraufführung:  „Musik für Gitarre zu vier Händen“ (2016) von Cheng-Wen Chen und Tobias Klich, der hierbei selbst mitspielte. Da verschmolzen zwei Gitarristen quasi zu einem vierhändig agierenden Musiker an einem Instrument. Wieviel  Nähe muss man aushalten können, wieviel  Vertrauen und Rücksichtnahme mitbringen, um ohne jeglichen Abstand blind miteinander zu agieren und zu performen? „Wennwirklich  alles passt, werden auf einmal auch kompositorisch Dinge möglich, an die vorher nicht zu denken war“, verriet ein glücklicher Klich abschließend. Solcherart neue Musik macht eindeutig Lust auf mehr – auch beim eher konservativen Konzertbesucher.
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