Tourstart in Geesthacht: Schöner Warten mit Herrn Huber

Geesthacht, Zentraler Omnibusbahnhof, 14.15 Uhr: In der größten Stadt im Kreis Herzogtum Lauenburg betritt Herr Huber zu guter Umsteigezeit und –frequenz das Areal. Der stille Rentner mit seiner Schildkröte Winifred – das neue Figurentheater zum KulturSommer am Kanal – hat seinen ersten Einsatz im ÖPNV-Normalbetrieb. Das ungleiche Paar wird noch für weitere ungewöhnliche Begegnungen im öffentlichen Personennahverkehr sorgen.

So unauffällig er zunächst wirkt, so sicher erobert er sich den Geesthachter ZOB an der Norderstraße, am Ende auch die wartenden Fahrgäste. Offen, neugierig, gelegentlich verwundert, dann aber mit sichtlichem Vergnügen bestaunen die Menschen die skurrile Figur (erneut fabelhaft und authentisch gespielt von Lisa Tschanz). Welche Überraschung, dieser Alte, der sich so gar nicht aus der Ruhe bringen lässt! Anders als beim Testlauf  in Lauenburg eine gute Woche zuvor beobachten Männer und Frauen, besonders auch Gruppen von Jugendlichen, diesen bemerkenswerten Typen sehr aufmerksam und genau. In Lauenburg war Herr Huber erst einmal aus dem Augenwinkel betrachtet, gegenüber vermeintlich schamlosen  Fotojournalisten mit jedoch prompt verteidigt worden.

Anders in Geesthacht: Einige zücken hier ihre Smartphones für ein schnelles Foto. Andere rufen Freunde herbei, um das Vergnügen zu teilen. Ein paar sprechen Herrn Huber sogar an, fragen sich und ihn, ob er denn auch genug sehen kann mit seinen kleinen Augen. Winifred wird gestreichelt und freundlich auf dem Panzer getätschelt. Wohl nur an den schnellen Umsteigern geht das Theater vorbei. Eine gute halbe Stunde wandert Herr Huber mit seiner Winifred auf Rädern über den Omnibusbahnhof, studiert Aushänge, kratzt Aufkleber ab und sammelt kleine Müllreste ein, ehe er sich langsamen Schritts wieder aus der Aktionszone entfernt.
Herr Huber ist natürlich nicht „echt“, sondern eine Figur aus der Werkstatt von Regisseurin, Kostümbildnerin und Figuren-/Maskenbauerin Cora Sachs (Hamburg). Sie hat auf Initiative von Frank Düwel diesen Rentner „Gustav Huber“ erfunden und entwickelt. Die geübte Beobachterin von Alltagssituationen nennt den Auftritt der Figur (gespielt von der Schauspielerin Lisa Tschanz) eine „Intervention im öffentlichen Raum“. In der Tat tritt den Wartenden auf dem Bahnhof mit Herrn Huber samt Winifred etwas dazwischen bzw. entgegen. Etwas, das so bekannt wirkt, dass man gar nicht genauer hinsieht. Der harmlos-verschrobene Rentner spricht nicht – und setzt dennoch in seiner Umgebung ganz unspektakulär ein sehr spannendes Spiel zwischen Realität, Fiktion und Wahrnehmung in Gang.

Noch viele Menschen mehr als in Lauenburg und Geesthacht werden mit Gustav Huber und Winifred schöner warten dürfen als an anderen Tagen: Das poetische Schmankerl ist auf jeden Fall in Geesthacht, Ratzeburg, Mölln und Büchen zu erleben. „Mit dem Figurentheater an Haltestellen stellen wir Kontakt her zu vielen Menschen, die Kunst sonst gar nicht oder nicht an solchen Orten suchen“, sagt Düwel. Kultur für alle zu machen, sei eine „Herzensangelegenheit“ des KulturSommers. Ohne Ankündigung etwas geschehen lassen, mit poetischen Überraschungen die Leute irritieren, sie zum Reden und zum Lachen bringen – das reiße diese Erlebnisse und Begegnungen aus dem Alltäglichen heraus.

Es bereitet auch den Machern gehörige Freude, wie wenn Herr Huber nicht gleich als Kunstfigur, sondern als Mensch registriert wird – wenn auch einer außerhalb der Norm.  Sehr authentisch hat Cora Sachs die Figur angelegt. Der in flottes Beige gekleidete Rentner hat sogar eine kleine „Legende“: Er ist 75 Jahre alt und seit drei Jahren in Rente. Erst vor kurzem ist seine Mutter gestorben, die ihm Winfred vererbt hat. Für Gustav Huber ein willkommener Anlass, endlich mal rauszugehen unter Menschen. Er liebt Vanillemilch und den ÖPNV, ist Fahrplanfuchs und hält sich gern auf Haltestellen auf. Nichts außer dem ÖPNV-Bezog erlebt der Zuschauer direkt – Herr Huber scheut noch den ungewohnten Kontakt mit Anderen. Und warum tun manche Menschen so, als wäre nichts auffällig an diesem Typen? Das sei ein völlig gängiger menschlicher Mechanismus, erklärt Cora Sachs: „Im öffentlichen Raum ist Nicht-Hinsehen üblich, wenn etwas nicht in die Norm passt. In diesem Fall wird Normalität einfach vorgetäuscht.“ Man darf gespannt sein auf die Reaktionen in den anderen Bahnhöfen ….