"Romeo und Julia": Die Liebe – ein Wagnis

Das berühmteste Liebespaar der Welt stand im Mittelpunkt des Kanu-Wander-Theaters 2016. In 13 Stationen erlebte das paddelnde Publikum die tragische Liebesgeschichte von „Romeo und Julia“ – in der Sprache von heute und auf hohem darstellerischen Niveau.

Produzent Frank Düwel und Regisseurin Kerstin Steeb holten in ihrer Inszenierung das von Shakespeare im 16. Jahrhundert geschaffene Drama um die beiden Jugendlichen aus verfeindeten Familien auf allen Ebenen in die Gegenwart. Mit ausgewählten Szenen aus dem Klassiker erfuhren die Zuschauer, worauf es in diesem Stück ankommt: dass „Liebe wagt, was irgend Liebe kann“ – gegen alle tradierten Vorurteile, Provokationen und Hassattacken. Dass Versöhnung in einer neuen Generation „ein Zeichen gegen Feindschaft“ mit „Konsequenzen für die ganze Welt“ sein kann, so Pater Lorenzos Worte.

Schwarz und Weiß waren  die Farben, an denen sich die aufs Blut verfeindeten Veroneser Häuser Montague (Romeos Familie) und Capulet (Julias Familie) optisch gut auseinander halten ließen. Schwarz und Weiß symbolisierten jedoch nicht Böse und Gut – dazwischen standen Romeo und Julia mit ihrer großen Liebe und charakterliche Schattierungen auch ihrer Begleiter. So kam etwa Romeos Narzissmus (heute würde man ihn einen Poser nennen) bei aller Melancholie und überschäumender Liebeslust durchaus zum Vorschein.

An allen Stationen zwischen der Schmilauer Brücke und dem Ziel am Pipersee erlebten die Beobachter ein sehr hohes schauspielerisches Niveau. Die Profis (die  Schauspieler Florentine Weihe und Moritz Grabbe in der Szene „Die Nachtigall“, Sopranistin Luise Hansen und Bariton Timotheus Maas auf dem  „Balkon“) funkelten dabei genauso wie die hervorragenden Amateure glänzten. Sie zeigten sich als Solisten wie in der Gruppe als beste Botschafter für ihre Häuser ( Theater im Stall aus Neu-Horst, Theater e.novum aus Lüneburg). Torben Appel vom Jugendclub des Theaters Lübeck (Szene „Der Tag ist heiß“) verdient für seinen tollen Monolog eine extra Erwähnung. Erstmals waren auch Solisten im Einsatz, die keiner organisierten Gruppe angehören.

Alle Rollen waren ausgezeichnet besetzt. Wie üblich waren die Paddler als Übermittler von Nachrichten eingebunden. Dass die Rolle der schwatzhaften Amme an allen Stationen von Männern (auch mit Bart) gespielt wurde, erheiterte das Publikum sehr. Es bereitete nicht weniger Freude, die SingSangSong-Sängerinnen auch als Julias Anstandsdamen spielerisch zu erleben. In Vor- und Rückblenden zeigte die Regisseurin, was (ungesehen) als nächstes passieren würde oder kurz zuvor geschehen war. Das sicherte das Verständnis der szenischen Ereignisse – ein feiner Kniff. Der Verzicht auf weitere Erzählstränge des Originals war eine gute Entscheidung, sie hätten diese Geschichte zu kompliziert gemacht.

Die junge, erfrischende Spielkunst der Protagonisten und ihrer Freunde bzw. Feinde (hier u. a. beeindruckende Battles in Wort und Artistik vom Sportprofil der LGS Ratzeburg und den Lauenburger G-Breakern) ließen die Theatertour zum Genuss werden. Eine wichtige atmosphärische Rolle spielte die Akzentuierung durch die Musik – Auswahl und Interpreten passten wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Shakespearsche Sprache war kaum angesagt – es wurde geredet, wie die Jugend heute so spricht. Auch das kein echter Bruch mit der weltberühmten Vorlage: Meister Shakespeare hatte seinerzeit selbst gern und erfolgreich auf die Konvention gepfiffen.

Dramaturgische Highlights setzten Romeos Überquerung des Schaalseekanals mit dem großen Publikumskanadier und – absoluter Hammer – das Finale in der „Gruft“ unter der letzten Brücke vor dem Ausstieg. Mit Julia und Romeo empfanden die Zuschauer, wie wenig Raum am Ende zwischen Leben und Tod bleibt. Dazu der A-cappella-Gesang der ARTgenossen als Backgroundchor mit Halleffekt – fantastisch. Man musste wirklich dazu aufgefordert werden, die Szene zu verlassen …

Sie waren dabei (in der Reihenfolge ihres Auftretens) :

Station 1 – Prolog
Projektchor „Sonnenstimmen“, Montessorischule Hamburg-Bergedorf, Leitung: Juliane Brachvogel

Station 2 – Der finstre Romeo
Carolin MacNab (Theater im Stall)

Station 3 – Ein Schlag
Sportprofil der Lauenburgischen Gelehrtenschule Ratzeburg, Leitung: Hanno Brinkmann

Station 4 – Eine gefährliche Welt
Yara Feist und Uwe Datow (Theater im Stall)

Station 5 – Auf zum Ball
LoLa-Band, Leitung: Ulrich Kodjo Wendt;  Julien Ziegeler

Station 6 – Zwei Pilger
VHS-Chor SingSangSong, Schwarzenbek, Leitung: Regine Olk; Malin Freytag und Niklas Baehnk (Theater e.novum Lüneburg)

Station 7 – Balkon
Luise Hansen (Sopran) und Tim Maas (Bariton)

Station 8 – Utopie
Michael Juuls

Station 9 – Wenn du Atem hast
Merle Engling und Jürgen Choinovski (Theater im Stall)

Station 10 – Geheime Hochzeit
Eckhard Neitzel (Theater im Stall) und Lisa van den Boom (Violine)

Station 11 – Der Tag ist heiß
Torben Appel (Theater Lübeck Jugendclub); G-Breaker Lauenburg (Choreografie: Ömer Kilic); SambaZamba (Marion-Dönhoff-Gymnasium Mölln), Leitung: Benjamin Lütke

Szene 12 – Die Nachtigall
Florentine Weihe und Moritz Grabbe; Ronny Berger (Theater e.novum Lüneburg)

Szene 13 – Gruft
Sarah Manske und Michael Spangenberg (Theater im Stall); Georg Klages, Lauenburgische Gelehrtenschule Ratzeburg; ARTgenossen, Mölln, Leitung: Jens Pechel
Inszenierung: Regie: Kerstin Steeb, Kostüm: Anke Napierala, Regieassistenz: Anne Sonnenfroh, Tonaufnahmen: Nelson Kossack (die Töne lieferten das Sportprofil der LGS Ratzeburg und Johann Strauß). Begleiter vom Kanu-Center Lothar Krebs: Michael Winkler, Helke Möller, Stephan Kunze-Krebs, Jérèmie Errafiqi und Lothar Krebs (im Background Christoph Kubica, Petra Krämer, Tim-Eike Krebs, Jan-Ole Krebs, Johanna von Fehrn-Stender, Vica Schydelko, Lea Rossa und Nikolai Trotsenko). Catering im Kanu-Camp: Rosemarie Rieger.