Ein großer Mann aus der Nähe

Alle Touren ausgebucht: „Bismarck und sein Förster“ waren auch im zweiten Jahr ihrer Aufführung im Sachsenwald ein Renner. Warum der theatrale Spaziergang so gut ankommt? Vielleicht, „weil wir mit unserem Theater die Landschaft lesen“, sagt Regisseur Frank Düwel.

Friedrichsruh – Wie schon bei der Premiere 2016 brach der inszenierte Spaziergang mit den Besuchern die Weltpolitik auf den Wald um Friedrichsruh herunter, machte die vielschichtige Persönlichkeit des „Eisernen Kanzlers“ erahnbar. Erzählt wird ein fiktiver Spaziergang, dem reale, archivierte Texte von Bismarcks und aus den Tagebüchern seiner Förster Westphal und Lange zugrunde liegen. Diese Geschichten hat Frank Düwel in damaligem Sprachduktus zu Dialogen verarbeitet. „ Authentizität steckt in jedem Wort, jedem Hinweis, jeder Andeutung“, sagt er. Wie gut dieses Theater die Persönlichkeit des Staatsmanns, die Natur und Geschichte genau dieses Ortes aufnimmt, zeige die große Unterstützung, die ihm von der Otto-von-Bismarck-Stiftung und auch von der Familie von Bismarck zuteil werde, freute sich der KulturSommer-Intendant.

Drei Gruppen waren diesmal unterwegs mit den Schauspielern Wolfgang Jäntsch (Bismarck) und Mario Gremlich (Förster), die für den einen Samstag im Wald aus ihren Engagements ausgebüxt waren. Jeweils eine Stunde spazierten „Bismarck und sein Förster“ mit dem Besuchertross durch den Forst, auf großen Wegen und abseitigen Pfaden, mit Rast auf zwei Lichtungen. Zeit genug, um ein differenziertes Bild der Persönlichkeit Ottos von Bismarck im Ansatz zu zeichnen.

Man lernte ihn kennen als machtbewussten Politiker, resolut-nachsichtigen Dienstherrn, wirtschaftlich denkenden Waldbesitzer, behutsamen Naturfreund – und als tief empfindenden Menschen mit großer Zärtlichkeit für seine Gattin Johanna. Man erfuhr (und beschloss genauer nachzulesen), was den Reichskanzler damals bewegte: Entrüstung – über das Attentat auf den hoch geschätzten Kaiser, Zorn – auf den Reichstag und die in Reden sich erschöpfenden Parlamentarier, Wut – über die Agitation der Sozialdemokratie, „die den Glauben an Gott und die Monarchie untergräbt“, ohne die Lage der Arbeiter zu verbessern, Sorge – um Reich und Zukunft.

Frank Düwel und Assistentin Caterina Cianfarini hatten die Regie überarbeitet und gestrafft. Die großen Bögen waren nun spürbar: Die Natur gab Raum zum Denken, Fühlen und Entspannen. Der Spaziergang war Etappe um Etappe ein Brainstorming für die Rede zur Auflösung des Reichstags. In Begleitung des Försters („fast ein Freund, wie ein Hund“) konnte der “hohe Herr“ sich auch mal gehen lassen, über Ängste und Familiäres sprechen, ohne öffentlich an Gesicht zu verlieren. Die schwere Bürde des Amtes, die wiederholt eingereichte und verweigerte Demission, die angeschlagene Gesundheit, die Gerüchte im Dorf, die Furcht vor Bespitzelung kamen zur Sprache.

Knappe Dialoge und Monologe wechselten sich ab, hielten die Aufmerksamkeit wach. Zwei schöne Pausen mit gemeinsamer Vesper, an der „das Volk“ teilhaben durfte, verankerten das Erlebnis von Historientheater auch emotional. Humorvolle Gespräche über Stammtischgerede, Fichten, Kiefern und Bananen im Sachsenwald, Jagdhund und Wildsau boten neben den vielen ernsten Themen ausreichend Amüsement. Körperlich, emotional und im Tonfall verringerte der Fürst mit dem Weg seine Distanz zu Förster und Volk. Um am Ende in seine angestammten Rolle zurückzukehren – die des Staatsmanns.