Die Frau vor allen anderen Geesthachterinnen

Endlich ist sie da: Mit einer authentischen Rekonstruktion der „Ersten Geesthachterin“ hat das GeesthachtMuseum die Sonderausstellung „Vor 3000 Jahren“ eröffnet – eine faszinierende Schau zum bedeutendsten bronzezeitlichen Fund der Region.

Geesthacht – Beeindruckend, wie Archäologie auch in einem kleinen Haus visualiert werden kann. Das Museum an der Bergedorfer Straße 28 hat sich für die norddeutschlandweit bedeutende Ausstellung im Inneren völlig verwandelt. Elf auf Vor- und Frühgeschichte spezialisierte Leihgeber aus Deutschland haben ausgewählte Artefakte (u.a. das älteste Stück Stoff aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle) aus ihrem Fundus dazu beigesteuert – die kriegt man nicht „mal eben so“. Licht und Schummer, warme und kühle Farben, Raum und Nischen schaffen eine dichte Atmosphäre für die Vermittlung von Wissen und Forschung zur einer Epoche der Bronzezeit, aus der das Tesperhuder Totenhaus stammt. 1932 wurde es von Karl Kersten entdeckt, 1936 folgte die erste Veröffentlichung über den Fund. Bis heute weist dieser das einzige Totenhaus nördlich der Elbe nach – ist deshalb von hohem wissenschaftlichen Interesse und Stellenwert für die Erforschung der Bronzezeit in Nord- und Mitteleuropa.  

Mit zwei Expertenführungen durch Dr. Bernd Zich (Flensburg), Archäologe und wissenschaftlicher Berater der Ausstellung, eröffnete Museumsleiter und Initiator Wolf-Rüdiger Busch am 17. Juli 2016 die eindrucksvolle Ausstellung. Die spiegelt nicht nur immense archäologische Erkenntnisse über die Bronzezeit im Norden, sondern gibt dem ganz normalen Besucher reichlich Information und schönes Anschauungsmaterial über die Zeit vor 3000 Jahren an dem Ort, aus dem einmal Geesthacht werden sollte. Wer war diese Frau, die mit ihrem Kind damals im Totenhaus verbrannt wurde, woher kam sie? Wo war ihr Platz in der damaligen Gesellschaft? Wie kleidete sie sich, welche Haartracht und welchen Schmuck trug sie? Wie groß kann sie gewesen sein, war sie mollig oder schlank? „Mit jeder Antwort tauchten neue Fragen auf“, erklärt Dr. Zich, dessen Begeisterung für die Spurensuche sofort auf den Zuhörer überspringt.   

Fragen, die sich Archäologen und Laien gleichermaßen stellen – und die diese feine Ausstellung beantwortet, so gut das nur möglich ist. Wie Dr. Zich und Museumsleiter Busch erläutern, wurde dafür herangezogen und systematisch alles gecheckt, was nach wissenschaftlichem Kenntnisstand belegt oder durch logische Schlussfolgerung plausibel ist. Der Frauenfigur zugrunde liegen u. a. Vergleichsfunde von anderen Orten aus derselben Zeit (Kleider, Schmuckbeigaben, Trachtsitte), bekannte Bestattungsriten, Ernährungsgewohnheiten und Lebensumstände, auch forensische Aspekte. Sie alle setzten die Bausteine zu Statur, Kleidung, Frisur und Schmuck der Frau. Ein Rest Fantasie muss nach Tausenden von Jahren die unvermeidbaren Lücken füllen. „Die Wahrheit können wir nicht generieren, aber wir können wahrhaftig sein“, sagt der Archäologe Dr. Bernd Zich zur Frage der Authentizität der „Ersten Geesthachterin“, deren Figur im Mittelpunkt steht.

Zwei Jahre haben Dr. Zich und Wolf-Rüdiger Busch gemeinsam am Feinkonzept gearbeitet, das dem historischen Fund nun eine seiner Bedeutung angemessene, aufmerksamkeitsstarke Plattform verschafft. Ihre Idee sei  von Gourdin & Müller (Leipzig / Hamburg) „einfühlsam, passend zum Haus und mit Fantasie“ umgesetzt worden, so Busch. Das kann man sehen. Die inhaltlich wie optisch feine Schau wird aufgrund ihrer landesweiten Bedeutung durch die Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein und durch die AktivRegion Sachsenwald/Elbe gefördert. Auch Sponsoren haben das Ihre zu dem Projekt (Kosten ca. 86.000 Euro) beigetragen. Im Herbst wird noch ein Buch zur Ausstellung erscheinen, das die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse des dargestellten Zeitraums zusammenfasst. Experten unterschiedlicher Disziplinen hatten diese in Referaten bei „Archäologischen Thementagen“ im Vorjahr in Geesthacht vorgestellt. Und wenn – was Museumsleiter Busch hofft – eine Finanzierung gelingt, sollen diese Erkenntnisse auch in den ersten Teil der überarbeiteten Dauerausstellung im GeesthachtMuseum einfließen.

Wir wollen hier nicht alles verraten, was Sie beeindrucken kann bei dieser Ausstellung, in der ein einzigartiger Fund vor mehr als 80 Jahren, wissenschaftliche Erkenntnisse von Archäologen aus ganz Deutschland,  eine Portion handwerkliches Geschick und eine Prise künstlerischer Intuition zusammenwirken. Sehen und spüren Sie selbst, wie spannend ein Stück regionaler Geschichte sein kann. Bis zum 20. November haben Sie dazu Gelegenheit: „Vor 3000 Jahren“ kann im Juli, August und September monrags bis freitags 10 – 18 Uhr, samstags/sonntags 11 – 17 Uhr besichtigt werden, im Oktober und November montags bis sonntags 11 -17 Uhr. Führung sind nach Anmeldung möglich. Der Eintritt kostet 2,50 Euro (Jugendliche unter 16 Jahren frei), Gruppen erhalten Ermäßigung.