„Die schöne Müllerin“ auf Gut Segrahn

Mit grandioser Leistung beeindruckten Sänger und Schauspieler Timotheus Maas und Pianist Lémuel Grave im KulturSommer-Programm.

Von Gregor Bator (Text/Fotos)
Gut Segrahn – Minimalbesetzung, extrem beeindruckend. Große Kunst genossen mehr als 100 restlos begeisterte Besucher beim KulturSommer 2016 im Viehhaus auf Gut Segrahn. Als Young Classics verpackt, servierten auf dem Anwesen der Familie von Bülow zwei junge Meister ihres Fachs, Timotheus Maas (Bariton) und Lémuel Grave (Klavier) den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ von Franz Schubert. Lémuel Grave spielt das Klavier wie Schubert selbst. Einfühlsam, jedes kleinste Detail der meisterhaften Phrasierung und Verzierung ausgekostet, stets am Gesang und Textinhalten orientiert. Ein wahrer Begleiter. Mit grandioser Leistung beeindruckte vor diesem „Hintergrund“ als Sänger und Schauspieler Timotheus Maas. Denn der KulturSommer-Intendant Frank Düwel kreierte als Regisseur die „Schöne Müllerin“ als szenische Darstellung. Die gewagte Umsetzung, allemal ein Novum in der Interpretationskunst der Schubert-Lieder, war ein Volltreffer.
Statt Solisten mit Frack und Fliege betrat ein echter Knecht die Bühne – barfuß, im Unterhemd und Jeans mit Hosenträger, wie sich ihn Schubert bei der Vertonung der 20 Gedichte von Wilhelm Müller bildhaft vorgestellt haben mag: Ein Junge, der in einer Mühle arbeitet und sich in die bezaubernde Tochter des Müllers verknallt. Doch schnell wird es ihm klar, dass er in eine unglückliche, platonische Liebe hinein steuert. Die Hübsche entscheidet sich für einen Jäger, der viel mehr Ansehen genießt als ein Müllergeselle. Die Bühne stellte in Segrahn eine Arena aus Sand. Darauf der Flügel, einige Stühle und eine Waschschüssel. Der auf das Wesentliche reduzierte Bühnenaufbau samt Hintergrundgestaltung per Video (Simon Janssen) verstärkte geradezu den optischen Gesamteindruck. Der Rest war durchgehend die hohe Gesangskunst von Tim Maas. Selbst, wenn die Pantomime es erforderte, auf dem Boden liegend zu singen, tat er auch dies virtuos. Kurzum: Seine sonore Baritonstimme klingt in jeder Körper- und Stimmlage wunderschön.
Von wegen Schuberts seufzende Romantik. Es war, wie auch musikwissenschaftlich belegt, ein Schubert mit Tiefgang, an dessen Analyse sich selbst die größten Musiktheoretiker die Zähne ausbeißen. Ausdrucksstark, gerade in den leisesten Passagen besonders fesselnd, mimte Timotheus Maas teils tollpatschig, teils kämpferisch wirkenden, stets verzweifelten jungen Müller. Die karg-monotone, gerade dadurch durchdringende Musik spiegelt klanglich den psychischen Zustand des Müllers („Wir saßen so traulich beisammen", „Meine Laute hab’ ich gehängt an die Wand") ebenso wider, wie das Rattern der Mühlenräder, den Lauf des Bächleins und begleitet schließlich vortrefflich den Entschluss, sich das Leben zu nehmen, im Bach zu ertrinken („Gute Ruh‘, gute Ruh‘, tu‘ die Augen zu…"). Mit ihrer Interpretationskunst erhoben Sänger Maas und Pianist Grave das voluminöse Schubert-Werk zum ergreifenden Erlebnis. Somit setzte auch der KuSo-Intendant Frank Düwel persönlich einen der stärksten Akzente in das diesjährige Programm. Die ereignisträchtige Aufführung verfolgten auch der Präsident der Stiftung Herzogtum Lauenburg Klaus Schlie, sein Stellvertreter Wolfgang Engelmann und der Kreispräsident Meinhard Füllner. Wäre auch Franz Schubert unter ihnen gewesen, würde er (vermutlich) nur sagen: „Ja. Genau so!“