Kleines Dorf mit großer Seele

Mit einem grandiosen Fest „Ein Dorf zeigt Seele“ in Siebeneichen ging der KulturSommer am Kanal 2016 zu Ende. Kunsthandwerk, Musik, Fähre, Malerei und Leckerei zogen so viele Menschen an, dass die Organisatoren sie nicht mehr zählen konnten …

Siebeneichen – Autos aus ganz Norddeutschland füllten die Parkplätze und Wiesen rund um das idyllische Dörfchen am Elbe-Lübeck-Kanal. Die Mitte gehörte ganz den Menschen, die sich vom Leitspruch „Ein Dorf zeigt Seele“ und seiner Umsetzung verzaubern ließen. Tausende kamen zum großen Abschlusswochenende, „wir konnten sie an keiner Stelle mehr zählen“, so KulturSommer-Intendant Frank Düwel glücklich am Sonntag Abend. Vom Dorfplatz mit der alten Johanniskirche bis zum Anleger der traditionsreichen Seilfähre am Kanalufer tummelten sich die Menschen ohne ein Gefühl von Enge. Der von Ständen gesäumte Weg vom Zentrum zum Kanal, die stille Wiese an der Kirche und die Einkehrmöglichkeiten rund um das Gemeindehaus entschleunigte die Massen an faszinierten Besuchern sichtlich.
Man spazierte und flanierte, ruhte nach Belieben im Schatten oder ließ sich von der Sonne bescheinen (kurze gelegentliche Schauer hielten niemanden ab), bestaunte und kaufte die fantastischen Arbeiten der rund 65 Kunsthandwerker, deren vielfältiges und hochkarätiges Angebot Hans-Jürgen Rumpf en weiteres Mal exquisit zusammengestellt hatte. „Unglaublich, wie schön und geruhsam das hier ist und was es hier alles gibt – trotzdem wird man von der Vielfalt nicht erschlagen und von den Anbietern nicht belästigt“, staunte eine Besucherin aus Hamburg, die zum ersten (aber wohl nicht zum letzten) Mal nach Siebeneichen kam.
Flockiger Jazz erklang am Sonntag auf der dicht mit Kunsthandwerkerständen besetzten Wiese am Kanal. Die historische Seilzugfähre pendelte unablässig zwischen den Ufern des Kanals hin und her, um Fußgänger und Radfahrer überzusetzen, höchsten einmal gebremst durch einen Pulk passierender Motoryachten. Familien mit Kindern und Kinderwagen kreuzten durch die Straßen, viele Frauen hatten ihre Männer mitgeschnackt – ihre Aufenthalte vor allem an den Ständen mit Leder, Metall, Schmiede- und Bildhauerarbeiten, maritimen Objekten und kulinarischen Stärkungen stand der weiblichen Lust an Schmuck und Kleidung, Zierat und Kunstobjekten aller Art nicht nach.
Auch die Akteure aus dem Dorf hatten alle Register gezogen – noch mehr Einkehrmöglichkeiten mit schönen Sitzplätzen im Grünen waren geboten, wunderbare Bäckerinnen legten den Kaffeegästen eine volle Breitseite an hausgemachten Torten und Kuchen aufs Buffet. Unermüdlich über Stunden hielten sie den Warteschlangen stand, arbeiteten diese zügig und mit guter Laune ab – sogar in Proficafés nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Wenn dieses kleine Dorf erwacht, scheint alles möglich. Siebeneichen hat ein großes Feuer in seiner Seele, und viele kommen, um sich daran zu wärmen, könnte man in Abwandlung eines Zitats von Vincent van Gogh behaupten.
Mit zwei poetischen Konzerten setzten Intendant Frank Düwel und Organisator Manfred Scharfenstein unvergessliche Akzente in den frühen Abendstunden der beiden Dorffesttage. Am Samstag gehörte die St.-Johannis-Kirche den klassischen, als Duo jedoch selten kombinierten Instrumenten Flöte und Tuba. Johanna Rabe und Albrecht Buttmann (Duo Flötuba) faszinierten ihr Publikum diesmal mit virtuosen „Klangfarbenspielen“. Am Sonntag begeisterte das Lübecker TroubaDuo mit „Einem Koffer voller Sehnsucht“. Jana Nitsch (Gesang, Akkordeon) und Marcus Berthold (Fivestring-Fiddle) boten ein Konzert mit überwiegend eigenen Texten und Kompositionen, verwoben durch Klang von Klezmer, Balkan und Musette, herausgezogen aus der prallen Gegenwart, den Trobadouren sozusagen auf den Leib projiziert. Sie gaben sich hin mit jedem Ton, mit jedem Wort – und ernteten ebenso ehrlichen Applaus und Bravorufe (siehe dazu auch „Aus dem Leben getaucht“)