Die Frauen hinter Herrn Huber

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht mindestens eine erfolgreiche Frau, sagt der Volksmund. Gleich zwei Frauen stecken hinter „Herrn Huber“ vom Figurentheater „Schöner Warten“, der im KulturSommer 2016 auf zentralen Bahnhöfen im Lauenburgischen wartende Fahrgäste faszinierte. Erfinderin Cora Sachs und Spielerin Lisa Tschanz verrieten beim Abschlussfest in Mölln, wie die Figur entstand, wie diese so echt wirken konnte und was sie selbst an besonderen Erlebnissen mitgenommen haben.

Gustav Huber mit seiner Schildkröte war eine absonderliche Erscheinung, die in Körpersprache und Verhalten dennoch so authentisch und vertraut wirkte, dass sehr viele Beobachter den alten Mann für echt hielten. Wer hätte schon geahnt, dass in der Figur eine bildhübsche junge Frau steckt, die sich in vier Sprachen unterhalten, mit dem Pferd zum ZOB reiten, dort Violine spielen und singen oder sich gegen Angriffe mit Aikido verteidigen hätte können? Niemand.

Die zierliche Schweizerin Lisa Tschanz, ausgebildete Schauspielerin und erfahrene Komödiantin im besten Sinne, hat sich die Persönlichkeit von Gustav Huber wahrhaftig auf den Leib gezogen. Unter den Rentnerklamotten sorgte ein so genannter Fettanzug aus Schaumstoff für die passende Statur, auch Hände und Kopf waren Maske – nur durch kleine Augenlöcher konnte Lisa Tschanz etwas sehen. „Ich bin mit der schützenden Maskierung Stück für Stück in diese Person hineingeschlüpft“, erzählte die junge Mimin. „Das machte etwas mit mir. Ich habe mich darin der Figur Herrn Huber zur Verfügung gestellt“ – das sei etwas anderes, als auf der Bühne eine Rolle zu spielen, bei der der Schauspieler trotzdem er selbst bleibe. „Ich hatte das Glück, dich nicht vorher gesehen zu haben“, sagte Frank Düwel zu Lisa – Gelächter bei den frisch aufgeklärten Zuschauern, die genau wussten, was der Initiator meinte: Die Faszination des Projekts besteht zum großen Teil aus der ahnungslosigkeit des Publikums, das nur spontan, also unverfälscht auf den Anblick reagieren kann.

Maskenbildnerin Cora Sachs hatte nach Frank Düwels Vorgaben (Nahverkehr, Warten im öffentlichen Raum, Figurentheater) den Herrn Huber als Charakter und Maske ersonnen und umgesetzt. „Ich beobachte viel die Menschen in öffentlichen Räumen“, erklärte Sachs, die zudem selbst viel im Hamburger Nahverkehr unterwegs ist. „Zu bestimmten Zeiten halten sich bestimmte Personengruppen in Bahnhöfen auf“, hatte sie festgestellt – ein alter Mann habe da sehr nahe gelegen: etwas skurril, einsam, schüchtern – einer der Nähe zu Anderen sucht, aber nicht redet. Das Outfit wurde vom Cap bis zu den Sandalen so typisch, dass Kopf und Hände mit teintfarbenem Stoffbezog erst nach längerer Beobachtung in die Wahrnehmung rückten. Die Bewegungsmuster ersprüte sich Lisa Tschanz – auch sie eine exzellente Beobachterin.

Sachs und Tschanz, die bei der Aktion stets gemeinsam unterwegs waren in Lauenburg, Geesthacht, Ratzeburg, Mölln und Büchen, nahmen selbst aus der Aktion interessante, wenn auch ganz unterschiedliche Eindrücke und Erlebnisse mit. Für die Schauspielerin etwa war es ein Moment, in dem beim Abkratzen von Aufklebern an einer Tür diese plötzlich von der anderen Seite aufgestoßen wurde. „Ich bin vor Schreck zurückgezuckt – in dieser Sekunde war ich eins mit Herrn Huber, seine und meine Reaktion war nicht mehr auseinanderzuhalten“. Unvergessen ist ihr zudem der Beistand einiger nichtsahnender Jungs, die „Herrn Huber“ halfen, abgefallene Räder unter der Schildkröte Winifred wieder zu montieren – und ihm rieten, nun etwas vorsichtiger zu fahren. Diese Hilfsbereitschaft „hat mich sehr berührt“, so Lisa Tschanz.

Zu Cora Sachs schönsten Erlebnissen gehörte der Auftritt in Mölln, der vom Bahnhof – dort stand nur ein einziger Fahrgast – kurz entschlossen in die belebtere Innenstadt verlegt werden sollte. Als Herr Huber loszog, ließ dieser Fahrgast seine Bahn sausen und schloss sich Herrn Huber an – „er verfolgte ihn trotz größter Hitze freudestrahlend bis in die Innenstadt“. so Sachs. Noch besser, erinnert sie sich lachend, sei nur die Reaktion eines Wartenden in Geesthacht gewesen. Der erzählte der Erfinderin der Figur – für ihn eine wildfremde Person – wer dieser Typ mit der Schildkröte ist: Er sei genauso alt wie seine Mutter, lebe seit Jahren in der Stadt. Er sei nicht verrückt, aber man kenne ihn als sehr eigen … Wie schön, dass „Schöner Warten mit Herrn Huber“ im nächsten Jahr fortgesetzt werden soll. Da dürfte es noch viele stille Überraschungen geben.