Irene Netzebandt setzt auch hier ihre Zeichen

Die Geesthachter Künstlerin Irene Netzebandt arbeitet gern im Stillen. Dennoch hat die 75-jährige gebürtige Dänin sich einen Namen weit über Schleswig-Holstein hinaus gemacht. Eine ihrer Lieblingstechniken und ihre absolute Spezialität ist der Linoldruck. Freuen Sie sich mit uns über eine Retrospektive mit exquisiten Werken von Netzebandts Herz und Hand in unserer Online-Galerie „Horizonte“.

Geesthacht – Was man vielleicht in der Schule als Linoldruck fabrizierte, hat mit Netzebandts komplexen Kreationen wenig zu tun. Vielschichtig und zartbunt sind ihre Arbeiten, häufig von mehreren Platten gedruckt. Irene Netzebandt ist Expertin für Schnitt und Ätzung, sie produziert alle ihre Drucke im Handabrieb. Die Künstlerin ist in der Vorbereitung und Ausführung geduldig, manchmal über Jahre. Sie beobachtet aufmerksam Meer, Strand und angrenzendes Land – dort findet sie viele ihrer Motive. Gern nimmt sie ruhige Landschaften in den Blick, scheut aber filigrane Details und monströse oder skurrile Entdeckungen nicht. Sie verpartnert Gesehenes mit Gedachtem, setzt ihre Kunst  ein, um Erstaunliches zu zeigen – das Große im Kleinen wie das Kleine im Großen. Sie ist den Spuren der Zeit quasi auf den Fersen.
In Netzebandts Atelier entstehen auch Siebdrucke, Tempera- und Acrylmalerei, Collagen, Assemblagen und Objekte. Eine kreative Laufbahn war ihr wohl in die Wiege gelegt – schon in früher Jugend entwarf und produzierte sie Stempel für den Stoffdruck. Nach der Schulausbildung in Kopenhagen machte sie eine Lehre als Dekorateurin und besuchte anschließend die Akademie für freie und merkantile Kunst in ihrer Heimatstadt. 1964 zog sie nach Geesthacht, wo sie seither lebt und wirkt.
Irene Netzebandt arbeitete als Dekorateurin und bildete sich parallel bei dem Maler Otto Neumeister weiter, der am Otto-Hahn-Gymnasium Kunsterziehung unterrichtete. 1984 trat sie dem Lauenburgischen Kunstverein bei, zu dessen aktiven Mitgliedern sie seither gehört. Über Dekaden zeigte sie ihre Arbeiten fast jährlich in Gruppen- und Einzelausstellungen – mehrfach im Lauenburgischen, in Hamburg und Flensburg, immer wieder in Dänemark (Kopenhagen, Tistrup, Nästved und Haderslev), auch einmal im ungarischen Tatabanya. Ihre jüngste großen Retrospektive im Amtsrichterhaus Schwarzenbek zog viele Freunde ihrer Kunst aus Norddeutschland und Dänemark in die Stadt. Ihre Linoldrucke lockten mit Juan Walder sogar einen international renommierten Druckkunst-Experten an, wie die Künstlerin fast verlegen und doch ein klein wenig stolz erzählt: "Er sagte, meine Linoldrucke seien von einer Qualität, die auf alle Applikationen verzichten kann."
Die bescheidene Geesthachterin war schon früh angezogen vom Werkstoff Linoleum, seinen Eigenschaften und Möglichkeiten. Sie fand damit zu faszinierendem Schnitt und besonderem Ausdruck – er vermag sich zwischen fast malerisch und signifikant zu bewegen. Besonders eindrucksvoll sind ihre Drucke von mehreren Platten und ihre Reservedrucke – dabei wird die Platte zwischen den Druckgängen weiter beschnitten. Technisch bedingt sind von vielen dieser Arbeiten inzwischen nur noch wenige Exemplare vorhanden. Eine Reihe ihrer Landschaften aus den 70er-Jahren ist nicht einmal mehr reproduzierbar. Denn: Die damals erhältlichen Farben auf Öl-Wasser-Basis, die  weiche Übergänge und Mischtöne ermöglichten, wurden 1992 vom Markt genommen – Irene Netzebandt konnte die mit der Farbe verbundenen Effekte nicht mehr erzielen.
Sie begann zu experimentieren und fand zur alkalischen Ätzung. „Zunächst habe ich nur mit Ätznatron getropft und gespritzt und gemalt – und war da schon erstaunt, wie viele unterschiedliche Strukturen entstanden. Als ich 1998 anfing, mit Materialien zu ätzen, wurde es richtig spannend“, berichtet sie. Sie begann die Muster von Häkeldeckchen, Spitzenwäsche, aber auch Metallochplatten mit Hilfe des Ätznatrons auf die Linoleumplatte zu  übertragen – mit hoch wirkungsvollen Ergebnissen. Ende der 90er-Jahre entstanden sogar eigene Serien von solchen Strukturen aus je zehn kleinen Bildern. 100 Platten fertigte sie über mehrere Jahre in verschiedenen Techniken an. Einen Teil der Drucke verwendet Irene Netzebandt auch als Tableau für ihre Collagen und Assemblagen. Dieses Verbinden, das Wieder- und Weiterverwenden gehört zu ihrem Kern wie die Arbeit mit Variationen eines Themas oder Motivs. Sie stehen auch für das Bedürfnis der Künstlerin, die Dinge von unterschiedlichen Blickwinkeln aus zu beleuchten und sich damit auseinander zu setzen.  
Streifen Sie gern in aller Ruhe durch Irene Netzebandts wunderbare Sammlung von Linoldrucken aus mehreren Jahrzehnten (ab 2. November Glanzlicht unserer Online-Galerie "Horizonte"). Der Titel ihrer Schau „Von immer bis jetzt und noch weiter“ ist ein gutes Zeichen – es bedeutet, dass sie noch einiges vor hat …