Ihr Herz hängt am Gold

Heike Dienemann aus Aumühle hat einen seltenen Beruf: Sie ist Vergolderin. Bei einem Werkstattbesuch erzählt sie, wie das funktioniert und wie sie dazu kam …

Aumühle – Einbrechen lohnt nicht. Die Frage nach einer kostspieligen Alarmanlage entlockt Heike Dienemann nur ein Lächeln. Bei ihr werden keine Goldbarren und Dosen mit flüssigem Gold aufbewahrt. Was sie bei ihrer Arbeit verwendet, sind 8 x 8 cm große Blattgoldplättchen in einer Stärke von einem achttausendstel Millimeter. Das Blattgold bestellt sie in Süddeutschland, denn dort gibt es noch Familienbetriebe, Goldschlägereien.

Ihre Werkstatt hat Heike Dienemann in der Schmiede auf Gut Basthorst. Unter ihrem Arbeitstisch steht noch der große Amboss. Der passt nun wirklich nicht zu der feinen Arbeit einer Vergolderin, sollte man denken. Aber: Auch große Wappen und Symbole werden vergoldet. So hat Dienemann vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin den Schriftzug am Streit‘s Haus in Hamburg vergoldet, stand dabei auf einem Gerüst in 15 Metern Höhe über dem Jungfernstieg. Jetzt ist sie dabei, die über drei Meter hohen Löwen des Finnlandhauses zu restaurieren. Diese vier Finnland-Löwen liegen dafür zurzeit in einer größeren Werkstatt in Hamburg.

Wie wird man überhaupt Vergolderin? „In Süddeutschland heißt dieser Beruf Kirchenmaler oder Fassmaler. Ich war fasziniert von barocken Kirchen, Gebäuden und antiken Möbeln. Mein Wunsch war es, Restauratorin zu werden. Die Lehre für Vergolder dauert drei Jahre, die einzige Berufsschule befindet sich derzeit in München. Nach langjähriger Mitarbeit bei einer Vergolderin in Hamburg habe ich anschließend noch eine ganz klassische Tischlerlehre durchlaufen, um Kenntnisse über das Grundmaterial Holz zu erwerben“, berichtet Heike Dienemann. Jedoch: „Mein Herz hing immer am Gold."

Beim Vergolden geht es zunächst überhaupt nicht um die Edelmetallauflage. Entscheidend sind erst einmal die Untergründe – der Kreidegrund -, der aus bis zu zwölf verschiedenen Schichten besteht. „Die Zusammensetzung für jede einzelne Grundierung ist die eigentliche Kunst. Da benötigt man sehr viel Erfahrung, um die richtige Zusammensetzung und Dichtigkeit zu finden. Die ersten Schichten sind dicker und der letzte Auftrag ist dann hauchdünn“, beschreibt Dienemann diesen Teil ihrer Arbeit. Mit einem Pinsel wird das hauchdünne Blattgold in Spiritus aufgelegt: angeschlossen , wie die Fachleute sagen. Der flache Pinsel besteht aus Fehhaar vom russischen Eichhörnchen, das zwischen zwei Pappstreifen befestigt ist. Bei der Verarbeitung wird der Pinsel durch Streichen über die Wange leicht gefettet, anschließend wird damit das Gold aufgenommen und haftet (Adhäsion) in der Flüssigkeit auf dem Untergrund, dem Poliment. Ist die Fläche mit Blattgold belegt und alles abgetrocknet, kann das Gold mit einem Achatstein poliert werden. Dadurch bekommt das Gold seinen Glanz. Im Spiegelsaal des Bergedorfer Rathauses hat Heike Dienemann auf diese Art die Restaurierung der Wandflächen ausgeführt.

Dienemann ist nicht nur Vergolderin. Ihr zweites Standbein ist die Fassmalerei. Der Fassmaler hatte im Mittelalter einen höheren Stellenwert als die eigentlichen Künstler. Mit dieser Kunst werden die Arbeiten von Schnitzern oder Bildhauern durch bestimmte Farbaufträge aufgewertet, wieDienemann erklärt. Die so genannte Fassung macht Skulpturen, Möbelstücke, Spiegel oder Rahmen lebendig: Tiefen oder Erhebungen werden erkennbar; Gesichter erhalten Konturen. Basis für die Farbfassung ist wie beim Vergolden der Kreidegrund. Durch Fassmalerei können restaurierte Stücke ein antikes Aussehen erhalten. „So kann man Möbel künstlich altern lassen und historischen Charme durch unterschiedliche Farblasuren und Patina hervorzaubern. Dieses antike Aussehen wirkt tiefer in der Farbgebung – eben nicht angestrichen“, erläutert die Künstlerin bei einer Besichtigung in ihrer Werkstatt.

Bei Restaurierungen ergänzt sie sich mit ihrem Mann Hans Dienemann. Er ist geprüfter Restaurator im Handwerk. An wertvollen Möbeln oder Plastiken verfestigt er zunächst Abplatzungen und Verzierungen, bevor seine Frau die Oberflächen erstellt und sie abschließend an die vorhandene Optik angleicht. Heike Dienemann möchte die von ihr praktizierte, Jahrhunderte alte Technik nicht untergehen lassen. Daher veranstaltet sie in jedem Herbst und Frühjahr in ihrer Werkstatt auf Gut Basthorst Seminare zum Vergolden und Fassmalen. Sie vermittelt auch Grundkenntnisse für Restaurierungen. Weitere Infos finden Sie unter:www.heike-dienemann@web.de. A propos Basthorst: Beim Weihnachtsmarkt in diesem Jahr ist Heike Dienemann natürlich anzutreffen.