Maß halten!

Das Krisengerede ist längst virulent. Der Leser, dieses multiple und wandelbare Wesen, ist vom Aussterben bedroht. 2018 vermeldete der deutsche Buchhandel den Verlust von sechs Millionen Käufern. Gleichzeitig befindet sich die Zahl der Zeitungsabonnenten trotz E-Paper im Sinkflug. Die Jugend klickt lieber, wie es ihr gerade in den Kram passt, spielt, chattet. Und dann ist da noch diese Zahl, die wie ein Monument im Raum steht: In Deutschland gibt es etwa 7,5 Millionen funktionale Analphabeten*.

Also lesen adé? Nun ein bisschen komplizierter ist die Lage denn doch. Es ist ja nicht so, dass die Jugend nicht liest – und auf die kommt es mit Blick auf die Zukunft nun mal an. Sie liest nur anders. Das neueste Gezwitscher von Freunden auf Whatsapp beispielsweise. Oder was bei Twitter unter #fridaysforfuture oder #gretathunberg so abgeht. Klar, zu Goethes „Faust“ werden sie in ihrer Freizeit eher nicht greifen. Zudem ist es wohl so, dass Stand heute genauso viele Kinder wie früher ein Buch in die Hand nehmen.

Alles bestens also? Nun, so einfach ist die Sache auch wieder nicht. Medientechnisch bewegt sich die Gesellschaft seit der Jahrtausendwende – also seit das Internet Einzug in den Alltag hielt – in einem fortlaufenden Transformationsprozess, der bis heute zumeist eher achselzuckend zur Kenntnis genommen wird. Wenn überhaupt wird das, was in „Digitalien“ geschieht und das Leseverhalten und die Lesefähigkeit beeinflusst, als Niedergang beschrieben. Oder es wird beispielsweise die Sorge artikuliert, dass Deutschlands Schulen digital abgehängt sind, dass es an digitalen Endgeräten und Online-Zugängen zu Bibliotheken fehlt.

Wenig Beachtung findet bislang, dass Wissenschaftler längst dabei sind, zu erforschen, wie sich das klassische und das digitale Lesen voneinander unterscheiden und welche Schlüsse daraus für die Bildung gezogen werden können und müssen. Dabei geht es keineswegs um die Bevorzugung oder Verteufelung einer Seite. Der spanische Leseforscher Ladislao Salmeron etwa mahnt an, das richtige Maß zwischen Digitalisierung und Druck zu finden. Er spricht sich dafür aus, dass Kinder bis zum vierten Schuljahr mit gedruckten Texten arbeiten. Danach erst sollen sie ins digitale Lesen und in die Benutzung von Lese-Tools eingeführt werden.

Salmeron reagiert mit seinem Vorschlag auch auf Erkenntnisse von Wissenschaftskollegen. Der renommierte Hirnforscher Wolf Singer etwa hat ausgemacht, dass ausschließlich digital trainierte Leser Schwierigkeiten haben, komplexe Sätze aufzulösen. Das digitale Lesen – so seine These –, verringere die Aufmerksamkeitsspanne.

Für die dänische Forscherin Theresa Schilhab ist der „stoffliche Charakter des Papiers eine bessere Grundlage für das Memorieren des Textes“. Das Umblättern stütze die Fähigkeit, sich den Zeitverlauf der Handlung aufgrund der umgeblätterten Seiten einzuprägen.

Ganz anders ist der Stoff, aus dem das Digitale kommt. Die Texte auf dem Display sind fließend – und oft mit bewegten Werbebildern oder Bannern unterlegt, die man häufig erst wegklicken muss, bevor man weiterlesen kann. Und dann kommt da beim Lesen womöglich noch eine neue Whatsapp-Nachricht rein oder eine Email.

Andererseits – Ablenkungsmöglichkeiten, die gab und gibt es seit jeher auch in der analogen Welt. Wer beispielsweise in einem Kaffee sitzt und liest, hat es um sich herum der Wahrscheinlichkeit nach mit lauten Gästen zu tun. Und wenn man Pech hat, läuft noch das Radio oder ein Fernseher. In der Bahn oder im Bus verhält es sich nicht anders.

Ungeachtet dieser Parallele bleibt unter dem Strich die Erkenntnis: Für die Zukunft des Lesens braucht es die wissenschaftliche Expertise und deren Anwendung im Klassenzimmer. Denn das digitale Lesen wird nicht verschwinden. Vielmehr braucht es einen bewussten erlernten Umgang damit.

*Die Zahl ist von 2011. Funktionale Analphabeten sind Menschen, die zwar einzelne Sätze lesen und schreiben können, aber Probleme haben, einen längeren Text zu verstehen.

Deutschlandweiter Vorlesetag, 15. November, eine gemeinschaftliche Aktion der Wochenzeitung „Die Zeit“, der „Stiftung Lesen“ und der „Deutsche Bahn Stiftung“. Mehr Infos unter https://www.vorlesetag.de/.

https://kulturportal-herzogtum.de/2019/10/28/schwarenbeks-buechereileiterin-patricia-fasheh-uebers-digitale-zeitalter/