„Die Bauern haben mir nicht mal Milch verkauft“

Rainer Wiedemann ist ein Chronist der Landwirtschaft und des Landlebens. Im Interview mit Kulturportal-Herzogtum.de spricht er über die speziellen Umstände, die ihn dazu machten. Der pensionierte Kunsterzieher, der in Lübecks ländlich geprägten Stadtteil Kronsforde zu Hause ist, hat seit den 70er Jahren unzählige Fotos gemacht und gesammelt, Interviews geführt und immer wieder Ausstellungen auf die Beine gestellt. Derzeit präsentiert er im Herrenhaus des Möllner Stadthauptmannshofes seine große Wanderschau. Darüber hinaus hat der 72-Jährige im Wachholtz-Verlag eine umfassende Dokumentation mit dem Titel „Gute Qualität muss wachsen – Landleben in Schleswig-Holstein damals und heute“ veröffentlicht.

Kulturportal-Herzogtum.de: Herr Wiedemann, Sie sind in Bremen geboren, leben aber seit Jahren im ländlich geprägten Kronsforde. Wie kam es dazu?

Rainer Wiedemann: Als Referendar zog ich in den 70er Jahren mit meiner Frau zunächst nach Lübeck. Wir hatten dasselbe Fach studiert. Ich merkte damals schnell, dass viele Personen sexuelles Interesse an meiner Frau hatten. Nachdem eine andere Person meinen Platz erobert hatte, wollte ich raus aus der Stadt und suchte ein großes Haus für eine Wohngemeinschaft mit Kindern.

KP: Hatten Sie Erfolg?

Wiedemann: Ich kam günstig an einen Resthof, in dem vorher ein Milchgeschäft und eine Gastwirtschaft waren.

KP: Und ihre Beziehung?

Wiedemann: Meine Frau hatte dann immer mal wieder einen anderen Partner. Ich hatte dann eine Freundin, die Pferde haben wollte. Das passte. Ich selber wollte immer schon viel Platz und Raum haben, da ich diesbezüglich großzügig aufgewachsen war. Nur – Land pachten war für mich im ländlich geprägten Kronsforde damals kaum möglich.

KP: Warum nicht?

Wiedemann: Wegen meiner langen Haare und als zugezogener Städter galt ich im Dorf bald als Terrorist. Der Bauer, der mir den Resthof verkauft hatte, um seinen Geschwistern den Erbanteil auszuzahlen, hatte mir das gesteckt. Die Nachbarn im Dorf glaubten, dass ich Maschinengewehre im Haus lagerte. Die Bauern haben mir deshalb nicht mal Milch verkauft. Stattdessen hat man uns angezeigt.

KP: War der Verdacht gerechtfertigt?

Wiedemann: Was ist das für eine Frage! – Wie die Bader-Meinhof-Gruppe fuhr einer meiner Geschwister zufällig einen alten BMW, und es lagen bei uns im Haus Mao-Fibeln und andere kommunistische Literatur herum. Außerdem fanden bei uns große Feten statt. Damit haben wir die Bauern und Alteingesessenen überfordert. Damals war die Angst vor Terroristen groß. Ich bin dann offensiv geworden und habe mich bei allen Bauern als Künstler vorgestellt. Die Anzeige wurde schließlich zurückgenommen.

KP: Land für die Pferde hatten Sie aber immer noch nicht.

Wiedemann: Irgendwann hat ein Bauer uns ein Stück Land gegen den Rat seiner Eltern verpachtet. Dieser Bauer und ein weiterer kamen dann bei mir an und sagten: Wenn du schon Lehrer und Künstler bist, dann kannst du auch eine Kronsforder Chronik schreiben.

KP: Gesagt, getan – oder?

Wiedemann: Ja, sonst hätte ich für lange Zeit kein Bein auf den Boden gekriegt. Eine Alternative wäre gewesen, in die Feuerwehr zu gehen. Da wurde mir aber zu viel getrunken. Die Texte ließ ich dann von einem NDR-Redakteur schreiben. Das Material wie Fotografien und Geschichten, die mir Bauern erzählt hatten, gab ich an diesen weiter. Ich war dann eigentlich nur der Verleger. Ich hatte aber schon vor der Arbeit an der Chronik Zeichnungen von den Bauern und Altenteilern vor ihren Höfen angefertigt und fotografiert. Die Bilder stellte ich bei mir im ehemaligen Tanzsaal der alten Gastwirtschaft aus.

KP: Offensichtlich wurde bei Ihnen durch diese Arbeit Ihr Interesse an der Landwirtschaft geweckt. Wie ging es für Sie weiter in Kronsforde?

Wiedemann: Da ich wollte, dass mehr Kultur auf dem Lande ankommt, habe ich seitdem fast jedes Jahr eine Ausstellung bei mir auf dem Hof gemacht, die mit Landwirtschaft zu tun hatte. Dafür fotografiere ich immer, was es an Neuerungen gibt. Mittlerweile habe ich eine Riesensammlung aufgebaut.

KP: Bisher haben wir ausschließlich über die Bauernschaft in Kronsforde und über Ihr Leben dort gesprochen. Mittlerweile haben Sie Ihren Fokus erweitert.

Wiedemann: Das ist richtig. Es fing damit an, dass ich für die Lübecker Landfrauen Fotografien für einen Kalender gefertigt hatte. Das war der Startschuss. Zunächst wollte ich eine Dokumentation über die Landfrauen schreiben. Geplant waren eine allgemeine Historie und kleine Porträts. Doch die Frauen wollten ihre Erfahrung nicht von denen der Männer trennen. Ich solle mal nicht nur die Frauen im Blick haben, hieß es. Meine Arbeit startete ich dann bei uns im Dorf, mir wurde aber schnell klar, dass diese Sache spannender sein würde, wenn ich den Blick weiten und mich nicht nur um Kronsforde, sondern um ganz Schleswig-Holstein kümmern würde.

KP: Die Höfe, die Sie dann für diese Dokumentation aufsuchten, waren die bewusst ausgewählt?

Wiedemann: Nicht nur. Oft lief das auch über Verbindungen zu anderen Bauern. Häufig wurde ich über Mund-zu-Mund-Propaganda weitergereicht.

KP: Und wie liefen diese Besuche ab?

Wiedemann: Ich führte zweistündige Interviews und blieb manchmal den ganzen Tag vor Ort. Ich fuhr sogar bei der Ernte mit – auf großem landwirtschaftlichen Gerät wie der Rübenmaus, dem Kohlerntewagen oder dem Kartoffel-Vollroder.

KP: Das Ergebnis ist ein dickes Buch über Geschichte und Gegenwart der Landwirtschaft. Sprachen Sie in den Interviews auch die heutigen Probleme an – etwa die Massentierhaltung, die Milchkrise oder das Thema Glyphosat?

Wiedemann Viele Bauern waren nicht bereit, auf kritische Fragen einzugehen, deren Antworten dann gedruckt und veröffentlicht werden sollten. Ich hatte aber den Interviewpartnern zugesichert, dass sie alle Textpartien streichen durften, hinter denen sie nicht hundertprozentig standen. Es sollte keinen Bericht geben, mit dem sie nicht leben konnten.

KP: Das konnte Sie doch nicht zufriedenstellen – oder?

Wiedemann: Ja und nein. Die Lebensberichte der Bauern und Landwirte haben ihre eigene Berechtigung und erzählen authentisch über die Veränderungen in der Landwirtschaft bis heute. Mir fehlte aber eine ganze Reihe von Aspekten, die ich auch im Buch haben wollte. Der Verlag riet mir davon ab. Ich habe deshalb einen Begleitband verfasst und selbst verlegt, der sich vertieft mit einzelnen Fragen der Entwicklung der Landwirtschaft in Schleswig-Holstein und mit den Problemen auseinandersetzt. Den habe ich bei den Ausstellungen immer ausgelegt und meinem Buch über das Landleben beigelegt.

KP: Wie sehen Sie angesichts ihrer aktuellen Probleme die Zukunft der Landwirtschaft?

Wiedemann: Ich glaube, dass wir trotz allem auf einem guten Weg sind. Vorfälle wie die Milchkrise, das Spritzen von Glyphosat, das Überdüngen oder auch das Bienensterben haben dazu geführt, dass sich das Denken allmählich verändert und die Öffentlichkeit kritischer wird. Ein Ausdruck dafür sind die sich mehrenden Biohöfe, die Akzeptanz des ökologischen Anbaus und der Trend zu regionalen Produkten.

KP: Herr Wiedemann, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Die Ausstellung „Landleben“ ist noch bis einschließlich 7. Oktober jeweils sonnabends und sonntags in der Zeit von 11 bis 16 Uhr zugänglich. Der Eintritt ist frei. Zudem bietet Rainer Wiedemann am 7. Oktober um 14 Uhr eine Führung an.

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