„Das Salz steht für die Verbundenheit mit der Welt“

Es ist nicht leicht in diesen Tagen, einen Gesprächstermin mit Frank Düwel zu finden. Beim KulturSommer-Intendanten reiht sich derzeit Regiearbeit an Regiearbeit. Immerhin: Kulturportal-Herzogtum.de ist es gelungen, ihn am Telefon zu erwischen. Wenige Tage vor der Eröffnung des KulturSommers am Kanal sprachen wir mit ihm über das Motto „Das Wasser – das Salz – die Seele“.

Kulturportal-Herzogtum.de: Herr Düwel, der KulturSommer steht in diesem Jahr unter dem Motto „Das Wasser – das Salz – die Seele“. Was löst diese Assoziationskette in Ihnen aus?

Frank Düwel: Zunächst einmal, dass wir Menschen in einem großen Fluss unterwegs sind. Das Wasser steht für die Natur, aber auch für die Zivilisation. Der Intellekt unterscheidet da, die Seele nicht. Für uns ist es die Landschaft, die uns umgibt. Das Salz steht für die Aspekte, die wichtig für unser Leben sind – unsere Beziehungen. Die Seele steht am Ende, weil es der elementare Teil ist. Das sind wir selber, wie wir leben.

KP: Wie ist es zu diesem Motto gekommen?

Düwel: Nach KuSo-Eröffnungen mit den unterschiedlichsten Motti war es mir wichtig auf den Ursprung zurückzukommen: auf den Kanal. Gleichzeitig wollte ich das Motto etwas erweitern. Das Salz ist Teil einer globalen Bewegung. Es steht für die Verbundenheit mit der Welt und hat die Region maßgeblich geprägt. Es gibt die Orte, wo mit Salz gehandelt wird, und die Orte, wo Salz abgebaut wird. Daraus haben sich Kultur und Kulturtechniken entwickelt.

KP: Wasser und Salz sind für uns etwas Selbstverständliches, sind aber in Wirklichkeit elementar…

Düwel: Wasser ist das, was wir trinken und mit dem wir achtsam umgehen müssen – das aber schon durch Überdüngung und Antibiotikamissbrauch gefährdet ist. Wasser sind die Meere und Flüsse, große poetische Orte, die unsere Identität prägen. Sie erzeugen ein ganz anderes Lebensgefühl als die Steppe. Für mich hat das Meer etwas sehr Schönes und Beruhigendes. Es verbindet sich mit meiner Seele. Schwierigkeiten im Alltag beginnen sich zu relativieren.

KP: Und das Salz?

Düwel: In seiner reinen Form ist das Salz giftig und damit etwas, das uns Maß halten lässt. Gleichzeitig ist Salz lebensnotwendig. Der Umgang mit diesem natürlichen Stoff lehrt uns, in Balance zu bleiben mit den Dingen, die uns umgeben.

KP: Womit wir bei der Seele wären? Wie sehen Sie die Seele?

Düwel: In der Theaterausbildung und im asiatischen Kampfsport gibt es die Begriffe Körper, Seele und Geist. Das Vorauseilende und das Intellektuelle wird dem Geist zugeschrieben. Der Körper gehört der Vergangenheit an, den wir immer wieder mobilisieren. Die Seele ist die Mitte – der unmittelbare Moment. Für die Kunst bedeutet das: Was ich auch mache, Kunst besteht in einer Reihe unmittelbarer Momente. Ich frage Studierende nicht, was weißt du über diese Arie, sondern was erlebst du, wenn du sie hörst.

KP: Kommen wir noch einmal auf das Elementare und das Selbstverständliche wie Wasser und Salz zurück. Ist es nicht schade, dass wir solche Dinge so wenig wertschätzen.

Düwel: Das passiert uns leider oft, ist uns im Alltag aber gar nicht bewusst. Da geht es um Fragen wie: Wo müssen wir hin? Welches Ziel müssen wir erreichen? Die Kompaktheit der Kommunikation übernimmt die Kompaktheit der Beziehung. Dadurch ist man wenig bei sich, was nicht gegen die Medien spricht, sondern gegen die Dynamik, die sie auslösen. Es sind nicht die Medien, sondern die Art und Weise, wie wir glauben, mit ihnen umgehen zu müssen.

KP: Das Motto unserer Zeit lautet also nicht „Ich denke, also bin ich“, sondern, „Ich funktioniere, also verschwinde ich“…

Düwel: Die Art, wie ich bin, macht es mir möglich, die Seele zu spüren. Manchmal ist das zu viel, manchmal zu wenig. So wie junge Menschen heute miteinander kommunizieren, würde ich gerne erfahren, wo sie sich verorten und sehen, was für eine Kunst daraus entstehen würde.

KP: Kein Kulturpessimismus an dieser Stelle?

Düwel: Wir Menschen werden uns immer an irgendwelchen Dingen kristallisieren und erkennbar sein. Das geschieht in bestimmten Momenten, etwa bei Gerüchen aus der Kindheit oder beim Blick auf ein Gebäude wie das Holstentor. Da wird ein Echo ausgelöst. Jetzt bin ich bei mir. Solche Momente hat jeder.

KP: Aber wie schafft man es, dass dieses Echo nicht so in den Hintergrund gedrängt wird? Wie schaffen wir es, unsere Seele zu streicheln?

Düwel: Das ist immer eine Frage der Ehrlichkeit. Was ist mir wirklich wichtig? Dazu gehört auch zu verstehen, was anderen wichtig ist.

KP: Kann uns der KuSo dabei helfen?

Düwel: Natürlich. Mit Musik. Mit Erlebnissen in der Natur. Mit einer Theatergeschichte, in der das Auge in einem Bild auf eine Skulptur verweist. Das ist das Kristallisieren. Dafür braucht es das Gegenüber.

KP: Gibt es eine Veranstaltung, von der Sie sagen würden, da ist das KulturSommer-Motto besonders greifbar?

Düwel: Ich finde, das Motto führt generell ins Philosophieren hinein. Was ist das, was ich erlebe im Kontrast zu dem, was mich sonst in der Welt umgibt? Was den KulturSommer anbelangt, finde ich besonders das Stück „In den Gärten“ spannend. Diese vielen sich durch den Garten Bewegenden. Das hat etwas Geisterhaftes, was die Seele streichelt und sie baumeln lässt. Man kann dabei seinen Gedanken und Gefühlen nachhängen. Es ist aber auch konkret genug für ein Schmunzeln, sogar für ein Lachen.

KP: Herr Düwel, ich danke für das Gespräch.

KulturSommer-Eröffnung, Salzfest in Berkenthin, 15. Juni, 14 Uhr